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Umweltschutz:Lernen aus den Katastrophen

Sie denken also, dass Katastrophen wie die aktuelle Jahrhundertflut uns beim Umsteuern helfen?

Ich will es wieder positiv sagen: Die Beispiele sollten uns zeigen, dass es höchste Zeit ist. Ich kann nur wiederholen, was die Klimaforscher uns vorrechnen: Ich habe in meinem Leben fünfmal ein Jahrhunderthochwasser erlebt. Und zwar immer am gleichen Strom, an der Donau. Von daher führt allein schon der Begriff in die Irre. Ich gehe davon aus, dass wir noch mit sehr vielen derartigen Katastrophen rechnen müssen.

Das erinnert uns an eine gemeinsame Aktion unserer Zeitschrift mit Ihnen und dem Bund Naturschutz zur Rettung der letzten frei fließenden Kilometer der Donau zwischen Straubing und Vilzhofen: Vor 17 Jahren haben Sie in natur eine "Liebeserklärung an das Strömende" geschrieben. Friedensreich Hundertwasser hat einen Druck zur Verfügung gestellt, unsere Leser konnten ihn im Rahmen der Donau-Schutz-Aktion erwerben. Mit dem Erlös hat der Bund Naturschutz Grundstücke entlang der Donau gekauft, um für den Erhalt streiten zu können. Die Donau fließt in diesem Bereich immer noch frei - wie bewerten Sie die Situation heute?

Keine noch so schlechte Regierung wird es sich leisten können, die Hände weiter an die Donau anzulegen. Ich glaube, dass der jetzige Beschluss der Bayerischen Staatsregierung unveränderbar ist. Sehen Sie, das ist auch eine kleine Kulturwende: eine Baumaßnahme unbeendet zu lassen. Zu sagen: Das machen wir nicht mehr.

Die Donau hat den Menschen in Passau und Deggendorf ja gerade großes Leid gebracht. Müssten nicht Hochwasserschützer viel enger mit Naturschützern zusammenarbeiten - und eventuell auch Dämme zurücksetzen?

Die größten Wasserrückhaltebecken sind die Auwälder, die jeder Fluss früher von Natur aus hatte. Die Zusammenarbeit zwischen Hochwasser- und Naturschützern ist bereits im Gange. So, wie man sich in der Energiepolitik zurückbesinnt, so ist es auch in der Wasserwirtschaft. Aber das ist ein langer Weg. Um ihn zu gehen, brauchen wir allerdings eine weitere Wende, eine Investitionswende. Von umweltschädlichen hin zu naturfreundlichen Investitionen.

Bedenken Sie dabei: Einer Baufirma ist es völlig wurscht, ob sie eine neue Autobahn baut oder einen neuen Hochwasserdamm, der ein, zwei Kilometer von der Elbe oder der Donau entfernt ist, so dass zwischen Damm und Fluss eine neue Auenlandschaft als Wasserspeicher entstehen kann. Wir haben Jahrhunderte lang in die Auen gebaut und jetzt gemerkt, dass da etwas falsch gemacht worden ist und wir wieder zurückbauen müssen.

Sie können auf eine jahrzehntelange Geschichte zurückschauen, in der Sie die Umweltpolitik mitgeprägt haben. Was waren Ihre größten Momente?

(kurzes Schweigen) Ich möchte zunächst etwas allgemeiner antworten. Der größte Erfolg, den ich sehe, ist, dass es uns gelungen ist, innerhalb von einer Generation ein Umweltbewusstsein zu erzeugen, das man nicht vorausgesehen hätte. Es gibt kein Gipfeltreffen in der Welt, das ohne das Thema Umwelt auskommt. Persönlich haben mich die Nationalparks im Bayerischen Wald und in den Berchtesgadener Alpen sehr gefreut, an denen ich kräftig mitwirken konnte. Inzwischen gibt es zwölf weitere - das ist einfach schön. Genauso wie die Tatsache, dass wir jetzt im Rahmen meiner Tätigkeit bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt 62.000 Hektar Naturerbe retten konnten.

Ich habe dieser Tage mit Bundesumweltminister Altmaier die Verträge dafür unterzeichnet. Das war schon ein Moment des Glücks. Und dann freue ich mich nicht zuletzt darüber, dass so viele Menschen hierher nach Wiesenfelden kommen, wo meine Frau und ich das Umweltzentrum betreiben. Die Veranstaltungen und Seminare in Wiesenfelden sind übrigens ein Ausdruck dafür, dass wir diese wirre Zeit nicht als Unglück, sondern als Aufbruch zu vielfältigen neuen Lebensqualitäten verstehen.

Was waren Ihre eher enttäuschenden Erfahrungen?

Das war zum Beispiel der Ausbau der Donau. Ich bin ja noch als junger Mann mit dem Kahn runtergefahren von Ulm nach Ingolstadt. Auf dieser Strecke stehen jetzt 27 Staustufen. Dann das Altmühltal, auch da haben wir die Schlacht verloren. Viele Landschaften, die zu den Perlen unseres Landes gehört haben, sind zerstört worden. Dann natürlich die falsche Energiepolitik. Die ganze Phase der Kernenergie hätte man in Deutschland überspringen können. Da sind viele Milliarden vernichtet worden. Doch wir Kritiker wurden verlacht.

Welche menschlichen Begegnungen waren Ihnen am wichtigsten?

(wieder Pause) Die emotionalste war natürlich, dass ich in diesem Metier meine Frau kennengelernt habe. Das war in einem Seminar über Theologie und Ökologie. Da saß mir eine wunderschöne Journalistin und Theologin gegenüber, die mich dazu ausgefragt hat - das war Beate. Sie ist mein Hauptgewinn, denn immer, wenn man seine Aufgabe meistern will, braucht man tragfähige Partnerschaften.

Dann möchte ich drei weitere Personen hervorheben, die mich stark geprägt haben: Das waren zunächst Bernhard Grzimek und Konrad Lorenz. Beide waren mir väterliche Freunde. Mit Grzimek bin ich durch die Welt gereist und Konrad Lorenz hat mich vor allem in der Verhaltensbiologie und damit der Sicht auf die Natur sehr stark geprägt.

Und schließlich Enoch zu Guttenberg, den Dirigenten und Mitbegründer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Mit ihm bin ich seit über 40 Jahren eng befreundet.

Wir würden Sie gerne noch etwas Persönliches fragen: Sie haben durch eine Erkrankung in den letzten zwei Jahren nahezu Ihr Augenlicht verloren. Was bedeutet es für einen Menschen wie Sie, der so stark mit der Natur lebt, der Luchse im eigenen Wildnisgelände beheimatet, dass er all das jetzt nicht mehr sehen kann?

Ich bin natürlich unglücklich darüber. Aber Gott sei Dank habe ich diese Freundschaften zu einem Luchs, zu einer Margerite oder zu einer Kirschblüte so sehr im Herzen, dass ich sie vor mir sehe. Und die Tatsache, dass ich alles hören und riechen kann, macht mich auch wieder glücklich. Wenn ich jetzt in diesen Sommertagen um vier oder fünf Uhr in der Früh das Vogelkonzert höre, dann weiß ich, aha, das ist eine Amsel und das ist ein Pirol - oder der Geruch des Mädesüß, der heute früh in mein Zimmer raufgedrungen ist, das gibt mir wieder Kraft.

Sie reden in Zusammenhang von Naturschutz ja auch oft vom Schöpfer. Hadern Sie gelegentlich mit ihm und Ihrem Schicksal?

Aus natur 9/2013

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  • natur 9/2013

    Der Text stammt aus der September-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen auf natur.de...

Schöpfer sage ich nie! Sondern Schöpfung. Das ist eine wichtige Differenzierung. Zumal ich nicht von einem Mann reden würde - wenn, dann wäre es eine Schöpferin. (Er lacht)

Trotzdem: Wenn Sie von Schöpfung reden, dann hat das doch auch einen Bezug zu Gott. Hat Ihr Schicksal Ihr Verhältnis zu einem wie auch immer gearteten göttlichen Wesen verändert?

Nein. Das liegt natürlich auch an meiner Haltung zu diesem Thema. Ich habe mich immer als einen gläubigen Heiden bezeichnet. Ich glaube an das Lebendige. Was auch immer hinter dem Leben steckt. Man muss ja nicht immer alles verstehen. Das ist auch ein Stück Glaube, dass man vieles nicht weiß - auch das kann einem Kraft geben.

Sie haben Ende Juli das Amt des Kuratoriumsvorsitzenden bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt abgegeben. In welcher Rolle wird man Sie in Zukunft weiter sehen?

Naturschutz ist für mich keine Frage der Institution, sondern eine Frage der Denkweise. Die hat man oder man hat sie nicht. Ich werde sie bis zum letzten Atemzug haben. Ich habe noch viel vor, wenn ich das Glück habe, noch eine Weile leben zu dürfen. Ich werde mich gerne einbringen in den neuen Schutzgebieten der Bundesstiftung, ich werde hier im Umweltzentrum Wiesenfelden tätig sein. Und ich werde viel mit Menschen reden, auch mit solchen, die Einfluss haben. Wenn das Herz voll ist, hat man immer genug zu tun!

Hubert Weinzierl, geboren 1935 in Ingolstadt an der Donau, ist seit 1953 in der Naturschutzbewegung tätig. 1964 wurde er ins Präsidium des Deutschen Naturschutzrings (DNR) berufen. Von 1969 bis 2002 war er Vorsitzender des Bund Naturschutz in Bayern, von 1983 bis 1998 Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Von 2000 bis 2012 war er Präsident des DNR, von 2005 bis 2013 Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Seit 2001 ist er Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Hubert Weinzierl lebt seit vielen Jahren mit seiner Frau Beate Seitz-Weinzierl in Wiesenfelden in Niederbayern.

Der Text stammt aus der September-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen auf natur.de...