bedeckt München 17°
vgwortpixel

Umweltschutz:"Sparsamkeit statt Verzicht"

Uns erstaunt, dass der neue Lebensstil, den Sie einfordern, gar keinen Verzicht braucht...

Das kommt darauf an, welchen Standard Sie ansetzen. Ich würde lieber von Sparsamkeit sprechen statt von Verzicht. Das ist etwas ganz anderes. Ich finde es übrigens unerträglich, dass der Begriff Sparen geradezu verfemt ist. Denn mit Sparsamkeit kann man auch Gewinne erzielen. Nicht nur im Bereich Energie und Ressourcen. Allein der Gewinn an Lebenszeit ist ja unersetzlich.

Die Lust an der Entschleunigung, am nachhaltigen Konsum, an der Natur, an der Ästhetik und Harmonie der Lebensräume, an Freiheit und Zufriedenheit, das klingt nicht nach Verzicht, sondern nach Glück! Nachhaltigkeit muss Kult werden! Wir dürfen die Zukunft der Welt nicht den Bankern überlassen. Wir müssen erkennen, dass sich das Wohlergehen eines Volkes nicht am Bruttosozialprodukt messen lässt, sondern dass wir auf die Suche nach den "Glücksprodukten" gehen sollten.

Wir möchten noch einmal den Begriff Sparsamkeit aufgreifen - und aufs Energiesparen kommen. Alle Fachleute sagen seit 15, 20 Jahren, das sei unsere größte Ressource. Trotzdem sind alle Regierungen daran bislang hoffnungslos gescheitert. Wir haben zwar sparsame Geräte ohne Ende, aber trotzdem brauchen wir immer mehr Energie. Woran liegt das?

Das ist der Wahnsinn der Unbescheidenheit. Dass wir nicht bereit sind - ich benutze jetzt das Wort - auf Unsinn zu verzichten. Dass wir ganze Häuser heizen, obwohl wir eigentlich nur zwei Zimmer bewohnen. Dass wir zu große Autos fahren, dass es in Deutschland nicht mal ein Tempolimit gibt. Daran sehen Sie, wie schwer es ist, von der Erkenntnis zum Handeln zu kommen. Deshalb erfordert eine solche Wende auch eine Wende in der Bildung.

Aus natur 9/2013

mehr auf natur de... | Ausgabe bestellen...

  • natur 9/2013

    Der Text stammt aus der September-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen auf natur.de...

Wir brauchen eine ganz konkrete Bildung zur Nachhaltigkeit. Es geht nicht an, dass eine Verschwendung lediglich durch eine neue Verschwendung ersetzt wird, also Kohle- und Atomstrom einfach durch grünen Strom. Sondern wir müssen zunächst alles daran setzen, die Energie zu ernten, die überhaupt nichts kostet: nämlich jene, die gespart werden kann. Energieeffizienz ist derart unterentwickelt, was wieder mit den verfemten Begriffen des Sparens und Verzichtens zusammenhängt.

Da sind wir dann doch wieder beim Thema Verzicht. Weil die Wirtschaft möglichst viele Produkte verkaufen möchte, hat sie an Verzicht oder an Ihrer Glücksvorstellung kein Interesse, sie möchte wachsen...

Nehmen wir den einfachsten Bereich, den der Lebensmittel. Wenn eine Gesellschaft bereit ist, 15 bis 20 Prozent mehr für gesunde Lebensmittel auszugeben, dann haben wir einen Wachstumsbereich noch und nöcher. Wenn eine Gesellschaft bereit ist, im Mobilitätsbereich andere Wege zu gehen - da gibt es so vieles, was ohne Verzicht möglich ist - und uns sogar Wachstum beschert, aber ein qualitativ neues Wachstum.

Anders gefragt: Intakte Handys oder elektrische Zahnbürsten landen beim Wertstoffhof, nur weil sich der Akku nicht auswechseln lässt. Jedes Gerät hat sein eigenes Ladesystem. Es gibt Zusatzgeräte, die bei jedem Kauf mitgeliefert werden. Auf der einen Seite ein riesiges Zusatzgeschäft, auf der anderen eine unglaubliche Ressourcenverschwendung. Da wäre es doch ganz einfach, eine Verordnung zu erlassen die besagt: bestimmte Standards sind vorgeschrieben, ein Akku muss auswechselbar sein...

...und zwar weltweit!

Genau. Aber dazu brauchen wir doch keine Kulturwende, sondern nur eine klare gesetzliche Vorgabe. Warum passiert das nicht?

Nun, das sind nationale Egoismen, das sind Egoismen der Unternehmen, die damit ihre Gewinne machen. Was da an Elektronikschrott auf uns zukommt, ist nach der Kernenergie mit die größte Herausforderung.

Wenn Sie unserer Kanzlerin eine solche Regelung vorschlagen, da müsste Sie doch sagen: Der Mann hat Recht. Doch was sagt sie?

Die Kanzlerin hat dafür ein eigenes Instrumentarium, den "Rat für Nachhaltige Entwicklung", der ihr ununterbrochen sehr qualifizierte Vorschläge macht - die Gutachten liegen alle vor. Sie sind schlicht und einfach noch nicht durchsetzbar. Und da hoffe ich eben auch auf eine andere Kultur, die dann der Politik sagt, in Gestalt des Wählers: Wir wollen es anders haben. Ich weiß, es klingt utopisch. Aber ohne Utopien hätten wir in der Umweltpolitik nie etwas erreicht.

"Die Zeit ist jetzt reif"

Außerdem gibt es immer wieder neue Entwicklungen, die über Nacht Dinge ändern. Wir leben in einer Zeit unheimlich rascher Veränderungen. Wenn wir vor zwei Jahren dieses Gespräch geführt hätten, dann hätten wir nicht daran geglaubt, dass es in Deutschland das Ende der Kernenergie gibt. Oder im Naturschutz. Da hat mir früher jeder gesagt: "In Deutschland wird es niemals einen Nationalpark geben. Das passt doch nicht." Heute haben wir 14. Das macht Hoffnung.

Und wenn alles geschehen wäre, was 1992 auf dem Erdgipfel in Rio beschlossen wurde, wäre das hervorragend gewesen. Dort sind das Konzept der nachhaltigen Entwicklung in die internationale Politik eingeführt und großartige Instrumentarien verabschiedet, aber nicht umgesetzt worden. Vielleicht war die Zeit nicht reif. Ich glaube, sie wird jetzt reif.

Wenn Sie sagen, die Zeit wird reif - im Bereich Klimapolitik sieht es nach dem Gegenteil aus. Deutschland und Europa gehen rückwärts.

Allein die Wetterextreme werden uns zwingen, dass auch in der Klimapolitik etwas passiert. Genauso wie wir nach Fukushima die Kernenergie abgeschaltet haben. Die Tatsache, dass die Geldmärkte und die Finanzpolitik in den letzten Jahren alles bestimmt haben - und noch bis heute bestimmen, das ist eine Katastrophe. Eine Menschheitskatastrophe, die in den Auswirkungen mindestens genauso schlimm ist wie ein Krieg.