Umweltschutz:EU will Plünderung der Meere stoppen

Strengere Fangquoten und Kontrollen sollen die Fischbestände schützen. Doch aus den Mitgliedstaaten ist heftiger Widerstand zu erwarten.

Cerstin Gammelin

Die Europäische Union plant eine radikale Reform ihrer Fischereipolitik. Das hat EU-Kommissarin Maria Damanaki am Mittwoch in Brüssel angekündigt. Spätestens von 2013 an soll der Fischfang deutlich eingeschränkt werden. Die Kommissarin will verhindern, dass weiterhin viel mehr Fische gefangen werden als nachwachsen, wodurch inzwischen ganze Fischbestände vom Aussterben bedroht sind.

Brüssel: Kabeljau muss geschont werden

Der Fischmarkt in Lowestoft, Großbritannien. EU-Kommissarin Maria Damanaki will den Fischfang von 2013 deutlich eingeschränken.

(Foto: dpa)

Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) fordert seit Jahren drastische Fangbeschränkungen. Seiner Analyse nach sind 90 Prozent der Bestände überfischt. In den europäischen Gewässern sind vor allem der Rote Thunfisch, die Makrele, der Hering, der Rotbarsch und der europäische Aal gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht.

Um die Plünderung der Meere zu beenden, will Damanaki für jeden Fischbestand mehrjährige Fangpläne vorgeben. Die darin festgelegten Quoten sollen ausschließlich auf wissenschaftlicher Grundlage errechnet werden. Politische Nachverhandlungen unter den europäischen Mitgliedstaaten, wie sie heute üblich sind, will sie verbieten. "Die Zeit der politischen Kompromisse zulasten der Fischbestände ist dann vorbei", sagte Damanakis Sprecher der Süddeutschen Zeitung.

Die Kommissarin will den Mitgliedsländern zudem mehr regionale und dezentrale Kompetenzen einräumen. Die Fischer im Mittelmeer müssten andere Maßnahmen ergreifen, um den Bestand zu sichern als etwa deren Kollegen in der Nord- und Ostsee, erklärte der Sprecher. Damanaki will deshalb eine Art Werkzeugkasten bereitstellen, aus der sich die Mitgliedstaaten bedienen könnten.

Die Kommission werde strenger als bisher kontrollieren, ob ihre Vorgaben eingehalten würden. Heute drücken sich viele Fischer vor der Kontrolle, indem sie erst nach Arbeitsschluss der Inspektoren in den Hafen einlaufen. Künftig müssen sie damit rechnen, umgehend ihre Lizenz zu verlieren.

Schließlich sollen die Beihilfen für Fischer gekürzt oder anders verteilt werden. Statt wie bisher Verschrottungsprämien für stillgelegte Fischerboote zu zahlen, will die Kommissarin das Geld lieber in Innovationen investieren, etwa in neue Netze, die den Beifang reduzieren. Heute gehen zu viele junge Fische ins Netz, die noch nicht gelaicht haben.

Damanaki muss jedoch mit enormen Widerständen aus den Mitgliedstaaten rechnen. Ihr Vorgänger im Amt, Joe Borg, scheiterte bei seinen Bemühungen, die Fischereipolitik umzukrempeln und etwa 82.000 Kutter stillzulegen. Vor allem traditionelle Fischfangländer wie Italien, Frankreich, Spanien und Portugal wehren sich aufgrund ihrer starken Lobby in der fischverarbeitenden Industrie gegen Beschränkungen.

Aber auch Deutschland hielt bisher nichts davon, weniger zu fischen. In ganz Europa hängt eine knappe halbe Million Arbeitsplätze an der Fischerei. Auch die Nachfrage nach Fisch ist ungebrochen: Jeder Deutsche verspeist jährlich etwa 15 Kilogramm, der Spanier 40 Kilogramm und der Portugiese sogar 55 Kilogramm.

An diesem Donnerstag wollen Damanaki und ihre für Forschung zuständige Kollegin Máire Geoghegan-Quinn auf einem Kongress zum Erhalt der Meere die Grundzüge ihrer Reform vorstellen. Im Frühling 2011 soll der endgültige Richtlinienentwurf folgen.

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