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Umweltschutz Das Artensterben ist mindestens so gefährlich wie der Klimawandel

Jedes Tier, auch die Schnecke, hat eine Funktion in der Natur.

(Foto: dpa-tmn)
Alle reden vom Insektensterben. Doch das ist nur ein kleiner Teil einer viel größeren biologischen Katastrophe.
Kommentar von Tina Baier

Das Insektensterben, über das viel geredet wird, seit es kürzlich wissenschaftlich nachgewiesen wurde, ist schlimm. Die schlechte Nachricht ist, dass dieses Phänomen wahrscheinlich nur ein kleiner Ausschnitt einer viel größeren Krise ist. Überall auf dem Planeten geht derzeit ein gigantisches Artensterben vor sich.

Es ist nicht auf einzelne Brennpunkte wie etwa das Great Barrier Reef vor Australien beschränkt, von dem diese Woche bekannt wurde, dass dort im Jahr 2016 ein Drittel aller Korallen gestorben sind. Es findet auf allen Erdteilen statt, sowohl in den Meeren als auch auf dem Land. Es betrifft Arten quer durch den Stammbaum des Lebens und auch viele, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Geschätzt verschwinden jedes Jahr 20 000 bis 25 000 Spezies für immer von der Erdoberfläche.

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In der Natur hat jedes Lebewesen eine wichtige Funktion

Angesichts dieser biologischen Krise müssten Politik und Wissenschaft eigentlich überall auf der Welt Sofortmaßnahmen ergreifen. Das Artensterben ist nämlich mindestens so gefährlich wie der Klimawandel, vielleicht sogar noch gefährlicher. Denn während es beim Klimawandel zumindest die Hoffnung gibt, dass es irgendwann gelingt, die Konzentration des Treibhausgases CO₂ in der Atmosphäre wieder zu senken, ist der Verlust einer Spezies nicht mehr rückgängig zu machen. Ein Lebewesen, das ausgestorben ist, ist für immer weg.

Zu glauben, dass den Menschen das egal sein kann, wäre fatal. Denn in der Natur hat jedes Lebewesen, und sei es noch so klein, eine wichtige Funktion. Sterben zum Beispiel die Flügelschnecken (auch Seeschmetterlinge oder Thecosomata genannt) im Indopazifik, weil sich ihr Kalkgehäuse durch die Versauerung des Wassers schlicht auflöst, stirbt automatisch auch eine andere Molluskenart, genannt Seeengel, die sich ausschließlich von diesen Flügelschnecken ernährt. Irgendwann kommen solche Veränderungen am oberen Ende der Nahrungskette an, bei den Walen oder eben beim Menschen.

Einer der Hauptgründe für das weltweite Artensterben ist der Verlust von Lebensraum, der keineswegs nur weit weg im Regenwald stattfindet, sondern genauso direkt vor unserer Haustür. Erst diese Woche hat der Weltdiversitätsrat wieder einmal mitgeteilt, dass Tiere und Pflanzen auch in Europa rasant schwinden, und dass einer der Hauptverursacher die intensive Landwirtschaft ist. Pestizide töten nun einmal nicht nur Schädlinge, sondern auch andere Tiere. Und wenn jeder Quadratzentimeter Boden intensiv bewirtschaftet wird, gibt es eben keine Ausweichmöglichkeit mehr. Ein erster Schritt wäre, Pestizide wenigstens nicht mehr prophylaktisch einzusetzen, sondern erst, wenn die Pflanzen tatsächlich von Schädlingen befallen sind. Das würde schon vielen Arten helfen.

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Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war fälschlicherweise von "Meerengeln" anstelle "Seeengeln" die Rede. Der Meerengel ist jedoch eine Hai-Art, auch Gemeiner Engelhai genannt. Bei Seeengeln (Clione limacina) handelt es um eine Ruderschnecken-Art. Ebenso haben wir die missverständlichen "Flügelschnecken" präzisiert.

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