bedeckt München 14°

Umweltschutz:Wo eigentlich Urwald sein sollte, wachsen jetzt Eukalyptus-Bäume und Soja

Gleichzeitig kürzte die Regierung Temer den Etat wichtiger Behörden. Das Umweltministerium musste auf mehr als 40 Prozent seines Budgets verzichten. Da es trotzdem die Gehälter seiner Angestellten zahlen muss, reduzierten sich vor allem die Mittel für Schutzprogramme. Dem Ministerium ist auch die chronisch unterbesetzte Behörde ICM-Bio unterstellt, die die Nationalparks verwaltet und schützen soll.

Seit 2012 schreibt das Gesetz auch den Anteil von Flächen vor, den Eigentümer naturbelassen erhalten mussten. In der Region Amazonas liegt diese Quote bei bis zu 80 Prozent, zudem gilt dort ein Moratorium gegen den Anbau von Soja. "Brasilien hat gute Arbeit beim Schutz des Amazonas-Regenwaldes geleistet, aber die anderen Biome haben den Kürzeren gezogen", fasste es Marcia Macedo vom Woods Hole Research Center in Massachusetts vor einiger Zeit zusammen. Allerdings zeigen neueste Zahlen eine Zunahme der Abholzung am Amazonas; die norwegische Regierung hat Brasilien bereits den Stopp von Entwicklungshilfegeld angedroht.

In den anderen Regionen müssen Besitzer allerdings nur 20 Prozent ihres Landes erhalten. Unter dem größtem Druck steht seit Langem die Cerrado-Savanne, die sich von der Grenze zu Paraguay im Südwesten über die Hauptstadt Brasília bis in den Nordosten erstreckt. Nach Schätzung des brasilianischen Umweltministeriums war 2009 bereits die Hälfte des Ökosystems durch Landwirtschaft, Viehhaltung und Bergwerke verloren gegangen - immerhin eine Million Quadratkilometer. Das Waldgesetz gab 2012 weitere 400 000 Quadratkilometer für die Entwaldung frei. Besonders im Fokus steht zurzeit die Matopiba genannte Grenzregion der Staaten Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia, die die brasilianische Regierung explizit als Entwicklungszone ausgewiesen hat. Mehr als die Hälfte der 400 000 Quadratkilometer freigegebener Cerrado-Naturfläche entfällt auf die vier Bundesstaaten.

Dieses Schicksal droht auch der benachbarten Caatinga. Das Waldgesetz gibt hier 240 000 Quadratkilometer frei; 110 000 davon könnte die Landschaft bis 2050 verlieren, stellte vor drei Jahren eine Modellstudie unter Beteiligung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen fest. Wie im benachbarten Cerrado wäre dann etwa die Hälfte des ursprünglichen Lebensraums zerstört. Diese Entwicklung kritisiert der Biologieprofessor José Alves heftig. "Wir wissen sehr wenig darüber, wie dieses Biom überhaupt funktioniert. Aber wir haben schon gelernt, dass es sehr empfindlich ist."

Alves' Versuche, sich gegen den Verlust der Naturflächen zu stemmen, werden von Budgetkürzungen aus Brasília durchkreuzt. Ursprünglich sollte es acht Zentren in der Region geben, erzählt er, die die Aufforstung erkunden. Sie haben seit 2013 ihre Finanzierung praktisch komplett verloren. Sein Institut ist von einst 30 auf fünf Mitarbeiter zusammengeschrumpft. Der Professor formt Zeige- und Mittelfinger zum Dolch und sticht sich in die Brust. "Es trifft mich ins Herz." Piauís Gouverneur hingegen, Wellington Dias von der Arbeiterpartei, verbreitet Optimismus. Er will die Natur in seinem Bundesstaat mit der Aktion "ativos verdes" (die grünen Aktivposten) schützen. Die brasilianischen Gesetze sehen ein Handelssystem für den Erhalt der Vegetation vor: Wer auf seinem Land die 20-prozentige Naturquote nicht erfüllt, kann ein Zertifikat von jemandem kaufen, der auf seinem Grund entsprechend mehr vom Biom erhält.

Für einen besonders armen, noch recht grünen Bundesstaat wie Piauí mag darin eine Chance liegen. Doch dass dieses System nicht überall greift, zeigt sich an der Landstraße PI-236 zwischen Oeiras, der ehemaligen Hauptstadt des Staates aus der Kolonialzeit, und dem Ort Regeneração. Der Bus klettert hier zunächst auf ein Hochplateau, auf beiden Seiten der gewundenen Fahrbahn liegt undurchdringlicher Caatinga-Wald. Oben führt die Straße kilometerweit schnurgerade über die Ebene, und die Felder beginnen. An einer Stelle, so hatte es der ortskundige Führer erzählt, habe der Besitzer einer Farm sein Land komplett gerodet und statt dessen Eukalpytus-Bäume angepflanzt. Die Plantage ist bald gefunden, schlanke Stämme in lichten Reihen, soweit das Auge reicht. Doch links und rechts des künstlichen Waldes steht mitnichten der natürliche: Dort erstrecken sich Sojafelder. Irgendwann in den vergangenen 18 Monaten, sagt der Führer erschrocken, müssen auch diese Flächen entwaldet worden sein.

Gouverneur Dias, auf das Beispiel angesprochen, erklärt lediglich, die Gesetze in seinem Staat sähen vor, dass Landbesitzer sogar 30 Prozent der Fläche im natürlichen Zustand erhalten. Einem Europäer liegt nun die Frage auf der Zunge, welche Quote in dem armen Bundesstaat tatsächlich gilt. Und wer das kontrolliert. Mit etwas Kenntnis der brasilianischen Wirklichkeit muss man vermuten: Keine von beiden Quoten gilt. Und niemand kontrolliert.

© SZ vom 02.05.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema