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Umweltreligion in Indien:"Manchmal müssen wir unser Leben geben"

Peeraram Bishnoi hat einen privaten Park gegründet, der verletzte Wildtiere aufnimmt und pflegt.

(Foto: Helena Schaetzle und Sudharak Olwe; Sudharak Olwe / Helena Schätzle)

Im Nordwesten Indiens lebt das Volk der Bishnoi. Ihre Religion wurzelt in der Liebe zur Natur. Um Bäume und Tiere zu schützen, setzen sie viel aufs Spiel - sogar ihr Leben.

Es ist dunkel und kühl und eine halbe Stunde bis Mitternacht, als der Mann mit dem Turban in den Bus steigt. Er hat kaum Gepäck. Nur eine Umhängetasche, ein wuchtiger olivgrüner Quader - mehr braucht er nicht. Nicht einmal eine Decke hat er mitgebracht. Durch die Fenster wird der Fahrtwind pfeifen, die bitterkalte Nachtluft der Thar-Wüste - es kümmert ihn nicht. Er ist eine Ein-Mann-Armee mit einer Mission und einem Ziel. Seelenruhig, selbst als er diesen Satz sagt, der erschaudern lässt: "Manchmal müssen wir unser Leben geben." Jodhpur, Bundesstaat Rajasthan. Sechs Stunden sind es bis Sanchore, ein 70 000-Seelen-Städtchen nicht weit von der Grenze zu Pakistan. Morgen ist dort Markt, viele Menschen, dort will er hin.

Als die Bustür sich öffnet, Sanchore, 5:45 Uhr, dauert es nur einen Augenblick, dann hat die Dunkelheit den Turbanmann verschluckt. Durch die Nacht und die Kälte huscht er zum Haus seines Gastgebers, "großer Bruder" nennt er ihn. Er wird schon erwartet. Zusammen wollen sie die letzten Vorbereitungen treffen. Nichts soll schiefgehen heute.

Im Schneidersitz hockt der Turbanmann auf dem kühlen Boden des Hauses und steckt acht Batterien, große Monozellen, in ein schwarzes Kästchen. Das Kästchen ist sein wichtigster Kompagnon: "PA Super Power Megaphone PM-99". Ein Verstärker mit Wumms. Damit wird Khamu Ram Bishnoi, so der Name des Turbanmannes, die Demonstration beschallen, die er heute, wie jeden Monat, durch die Marktstraße von Sanchore führt: "Clean India Mission", wider den Plastikmüll.

Aus natur 09/2018

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  • natur 09/2018

    Der Text stammt aus der September-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 09/2018 auf natur.de...

Khamu Ram Bishnoi, 52 Jahre, kindlich strahlende Augen zwischen silbernem Schnurrbart und Turbanunterkante, ist der Initiator der Demo und ihr Animateur. Und ihr Ausrüster. 150 handgemachte Pappschilder hat er mitgebracht, so viele fasst seine olivgrüne Tasche. Hat sie akkurat angeordnet wie ein DJ seine Plattenauswahl, um die Menge mit sicherer Hand durch die kommenden Stunden zu führen. "Your planet needs you" steht auf einem der Schilder. Auf anderen: "Give us food not plastic", "Hate pollution love nature", "I love mother earth".

Bevor sie aufbrechen, Khamu Ram Bishnoi und sein "großer Bruder" Dayaram Bishnoi, stärken sie sich. Hocken auf dem Küchenboden, Blechteller vor den Füßen, Dayarams Frau reicht frischgebackenes Fladenbrot zum Frühstück. Mit den Fingern mantschen sie das Brot und etwas Erbsengemüse zu Brei.

Wo die Bishnoi leben, sind die Tiere zutraulich.

(Foto: Helena Schaetzle und Sudharak Olwe; Sudharak Olwe / Helena Schätzle)

Auch wenn sie denselben Familiennamen tragen: Khamu Ram und Dayaram sind nicht verwandt. In Indien kann jeder sich den Namen geben, den er mag (einer der ganz wenigen bürokratischen Akte, die hier unkomplizierter sind als anderswo). Und so tragen viele Menschen in Rajasthan den Namen Bishnoi. Er bezeichnet den Glauben, dem sie angehören: Die Gemeinschaft der Bishnoi, gegründet von Guru Jambeshwar im Jahr 1485 unserer Zeitrechnung.

Damals, als Rajasthan unter einer verheerenden Dürre litt, hatte der Hirte Jambeshwar eine Erleuchtung. Die Vision einer weniger wüsten, friedvolleren Zukunft. In der Menschen im Einklang miteinander und mit der Natur leben würden. In der Bäume nicht Feuerholz- und Tiere nicht Fleischlieferanten wären. Er stellte 29 Gebote auf und gab damit den Bishnoi ihren Namen - 20 heißt auf Hindi "bis" und neun "noi". Viele Regeln betreffen den Umgang mit der Umwelt. Fälle keine grünen Bäume! Esse kein Fleisch! Fühle mit allen Lebewesen!

Die besten Wasserschützer der Welt

Es gibt keine verlässliche Zahl, wie viele Menschen der Religion, die nach einer Zahl benannt ist, heute folgen. Schätzungen reichen von knapp einer bis zu zwei Millionen. Ihr Stammland ist, auch nach mehr als 500 Jahren, die Wüste Thar. Wo Bishnoi leben, ist diese Wüste grüner. Sind die Tiere zutraulicher, die Pfauen, die Indischen Gazellen, die Hirschziegenantilopen. Es kommt vor, dass Bishnoi-Frauen verwaiste Tierbabys säugen. Viele Bishnoi, obwohl auch sie zu den Hindus zählen, verbrennen ihre Toten nicht. Sie beerdigen sie, um kein Holz für Feuer zu verschwenden.

"Die Bishnoi", sagt Rajat Bhargava, leitender Wissenschaftler der Bombay Natural History Society in Mumbai, "sind die besten Wasserschützer der Welt. Sie bewahren jeden einzelnen Tropfen." Manohar Singh, seit drei Jahrzehnten Tierpfleger und verantwortlich für die Wildtierrettungsstation in Jodhpur, sagt: "Ihre Hilfsbereitschaft ist rührend. Manche fahren verletzte Gazellen im eigenen Auto hierher, damit wir sie schneller behandeln können."

Falls nötig, bekommen die Tiere in dem Pflegepark nicht nur Futter, sondern auch Medizin.

(Foto: Helena Schaetzle und Sudharak Olwe; Sudharak Olwe / Helena Schätzle)

Wenn indische Zeitungen über die Bishnoi berichten, fallen Wörter wie "Ökokämpfer" oder "Märtyrer". Das prägendste Ereignis in ihrer Geschichte, im Jahr 1730, als 363 Frauen und Männer ihr Leben ließen, hallt bis heute nach. Der Maharadscha von Jodhpur hatte befohlen, für seinen neuen Palast Khejri-Bäume zu fällen. Doch in der Nähe des Dorfs Khejarli stellte sich eine Bishnoi-Frau, Amrita Devi, den Soldaten in den Weg. Kein Baum ist den Bishnoi heiliger als der Khejri. Der noch am kargsten Flecken gedeiht. Dessen Krone so licht ist, dass unter ihm auch andere Pflanzen wachsen. Als die Soldaten mit ihren Äxten ausholten, umarmte die Frau einen der Bäume. Dann schlugen die Soldaten zu. Immer mehr Bishnoi kamen aus den Dörfern, stellten sich vor die Bäume, wurden geköpft. Als der Maharadscha von dem Massaker erfuhr, bat er die Bishnoi um Vergebung. Und verbot in ihrem Gebiet die Jagd und das Fällen.

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