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Umweltkatastrophe:Das Wasser suchte sich seinen Weg - in Richtung Wüste

Die kleinen Seen im Flussdelta zu retten, dort wo der alte Kapitän Vögel schießt, erscheint dagegen machbar. Dämme sollen das Wasser auffangen, bevor es in die Wüste fließt. Kanäle verteilen es dann auf ein Netzwerk mehrerer Seen. "In Kasachstan war es einfacher, das Problem zu lösen", sagt Sokolow. Dort reichten 13 Kilometer Damm, um einen einzigen großen See zu füllen, den nördlichen Aralsee. In Usbekistan aber liegt die Hoffnung der Menschen in neun kleinen Seen und Reservoirs, später sollen vielleicht drei weitere dazukommen, für mehr Fische und Jobs. In Mujnak wird bereits eine neue Fischkonserven-Fabrik gebaut.

Für das neue Seensystem bräuchten sie anders als in Kasachstan jedoch mehrere Dämme, insgesamt 120 Kilometer lang und 350 Millionen US-Dollar teuer. Bisher aber, erzählt Sokolow, gab es nur eine Million jährlich, alles ging sehr langsam. Und nicht nur das Geld müsste zuverlässiger fließen. Mehr als fünf Kubikkilometer Wasser im Jahr sollten im Delta ankommen, damit Fische in den kleinen Seen überleben. Doch meist kommt weniger. Manchmal gar nichts, manchmal zu viel. Im Jahr 2017 zum Beispiel floss das Wasser, es floss und floss.

Die Dämme waren nicht fertig, also suchte es sich seinen Weg - in Richtung Wüste. Vorübergehend entstand dort ein dritter, großflächiger Teil-See. Das hat aber die Sache nur schlimmer gemacht: In den Boden, der dort zu einem Viertel als Salz besteht, konnte das Wasser nicht einziehen. Stattdessen zog es noch mehr Salz an die Oberfläche, bevor es dann ungenutzt verdunstete.

Sokolow nutzte das Malheur, um Druck zu machen. Es soll jetzt schneller gehen mit den Dämmen, in diesem Jahr hat der Fondsleiter 50 Millionen Dollar für das Projekt bekommen. Außerdem hilft ihm nun ein staatliches Bauunternehmen, bis 2025 soll alles fertig werden. Dann kann kein Wasser mehr Richtung Aralkum fließen, so der Plan. Genau wie Kasachstan schneidet Usbekistan die Wüste, die früher zum Aralsee gehörte, vom Wasser ab. War's das für den alten See?

Abror Gafurov vom Helmholtz-Zentrum in Potsdam versucht zu verstehen, wie Wasserreserven in Zentralasien entstehen. Er beschreibt einen Kreislauf: Sonne und Wind bringen Feuchtigkeit vom Aralsee und vom Kaspischen Meer nach Osten, in die Berge, dort schlägt sie sich nieder. Das Gebirge mit seinen Gletschern speichert das Wasser. Wenn Schnee und Eis im Sommer schmelzen, füllen sich die Flüsse.

Wie viel Wasser der Amudarja im Sommer führt, hängt davon ab, wie viel es im Winter regnet oder schneit. Und davon, wie groß die Gletscher sind und wie warm der Sommer wird. Der Klimawandel kommt hinzu. Hydrologe Gafurov kritisiert, dass in Zentralasien häufig der wissenschaftliche Ansatz fehle. "Die Frage, ob wir in 20 oder 30 Jahren noch genauso viel Wasser haben, stellt niemand", sagt er.

Auch heute könnte man den Vorrat in den Bergen besser berechnen. "Wenn die Länder nicht wissen, wie viel Wasser sie erwarten dürfen, werden sie ihre Staudämme stets geschlossen halten", sagt Abror Gafurov. Die höher gelegenen Länder brauchen die Dämme, um Strom zu erzeugen. Usbekistan braucht das Wasser für die Landwirtschaft. Wenn sie die Wasserreserven besser kalkulieren würden, könnten sie beispielsweise Quoten verteilen, erklärt er. Dann könnte vielleicht auch der Aralsee seine Quote abbekommen.

Nach dem großen Staubsturm mussten die Gärtner alle Bäumchen einzeln abwaschen

Aralsee - Protagonisten

Früher arbeitete Almas Towaschew, 79, als Kapitän und steuerte sein Schiff bis nach Kasachstan.

(Foto: Bigalke)

Ohne Wasser aber siegt die Wüste, und die Wüste ist ein Problem für sich. Der Wind trägt den Staub von dort leicht 300 Kilometer weit, 100 Millionen Tonnen verteilt er laut Experten des Rettungsfonds Ifas jedes Jahr über das Land. Staub, Salz und schlechtes Wasser haben viele Menschen in Karakalpakistan krank gemacht. Die Sterblichkeit von Kindern und Müttern ist dort deutlich höher als im Rest Usbekistans, es gibt mehr Tuberkulosefälle und chronische Atemwegserkrankungen.

Nicht weit vom alten Kapitän wohnt Perdegul Assanowa, sie hat 36 Jahre lang als Krankenschwester in der Klinik von Mujnak gearbeitet. Sie trägt ein weißes Kleid, ein weißes Kopftuch. Auf ihrem Fensterbrett stehen Konservendosen, aus denen grüne Kletterpflanzen wachsen. Sie hat nie ans Weggehen gedacht.

Stolz legt sie eine sowjetische Urkunde auf den Tisch neben das Brot. "Veteran der Arbeit", steht darauf. Als es den See noch gab, kamen die Kranken in die Klinik, wurden gesund, und gingen wieder.Dann aber kamen neue Krankheiten nach Mujnak, und sie gingen nicht: Anämie, Hepatitis, Krebs, Tuberkulose. Sie sei kein Wissenschaftler, sagt die Veteranin der Arbeit, aber das Wasser mit seinen Pestiziden, das einseitige Essen, der Salzstaub in der Luft seien sicher der Grund für all das gewesen. Die Menschen, so erzählt man sich in Mujnak, hatten früher ganz klare Augen, weil sie viel Fisch aßen. Jetzt seien die Augen getrübt vom Staub. Dagegen sollen Büsche helfen, vor allem die Pflanzenart Saxaul.

Der Präsident hat angeordnet, dass jede Provinz Usbekistans Traktoren nach Mujnak schicken muss, insgesamt 530 Fahrzeuge. Damit und mithilfe der Armee ist es diesen Winter gelungen, knapp eine halbe Million Hektar Wüstenboden zu bepflanzen, so viel wie in den vergangenen 20 Jahren zusammen. "Meiner Schätzung nach werden 20 Prozent davon überleben", sagt Fondsleiter Sokolow über die Sträucher. "Aber auch das wäre schon was." Noch besser wäre Gras, um Sand und Staub festzuhalten. Doch Gras zu finden, das in der Wüste überlebt, ist schwer. Ein neues Innovationszentrum in Nukus, der größten Stadt der Region, soll es trotzdem versuchen. Fährt man von Mujnak Richtung Süden, quasi dem Wasser nach, gelangt man nach Nukus.

Baumwoll- und Weizenfelder säumen die Straße. Daneben verlaufen Wassergräben, sie werden zwischendurch zu schlammigen Tümpeln, manchmal badet eine Kuh darin. Etwa ein Drittel des Wassers versickert in diesen Kanälen, bevor es zu den Feldern gelangt. Die Regierung will mehr Gräben betonieren, mehr Tröpfchen-und Sprenkel-Bewässerung nutzen, mehr Wein und weniger Baumwolle anbauen, mehr Weizen und weniger Reis. Doch bisherwerden laut Ifas jedes Jahr nur etwa ein Prozent der landwirtschaftlichen Fläche auf sparsame Bewässerungsmethoden umgestellt.

Auf einer Obstplantage nördlich von Nukus testen sie, was in dieser trockenen, salzigen Region überhaupt wachsen kann. Auf einem kleinen Feld stehen Reihen von Spalierobst, vor allem Apfelsorten. Pappeln umrahmen die Plantage, um den Wind abzuhalten. Doch als der große Staubsturm vor einem Jahr kam, hat das wenig genützt. Die Gärtner mussten danach jedes Bäumchen einzeln abwaschen. Das usbekische Forschungsinstitut für Gartenbau, Weinbau und Weinbereitung hat die Plantage angelegt. Ayapbergen Tolibayev leitet seit dem Frühjahr die Abteilung des Instituts in Karakalpakistan. Auf der Plantage haben Gärtner 2013 die ersten Bäume gepflanzt, drei Jahre später gab es die erste große Ernte. "Jetzt sehen wir, welche Sorten für die Region geeignet sind", sagt Tolibayev.

Den Usbeken schmeckt vor allem der süße Apfel Golden Delicious, der hält sich auch über den Winter. Im Prinzip haben die Gärtner heimische und importierte Sorten gemischt: Die Wurzeln stammen aus Usbekistan und sind an das Klima gewöhnt. Was oben drauf sitzt, Äste und Früchte, Äpfel, Pflaumen, Quitten, stammen aus dem Ausland. In zwei der Reihen, wo das Feld besonders salzig war, stehen kleinere Quitten. Um zu zeigen, dass man selbst in sehr salzigen Boden etwas pflanzen kann, erklärt Ayapbergen Tolibayev.

Die Baumsetzlinge verschenken sie an Privatleute, Betriebe müssen zahlen. Außerdemschulen die Gärtner andere darin, die Bäume zu pflegen und richtig zu bewässern. Die Nachfrage ist groß, die Baumschule wird wachsen. Der Flug von Nukus in die usbekische Hauptstadt Taschkent dauert anderthalb Stunden. Vom Flieger aus sieht man Felder im satten Grünvor der Stadt. Das Ministerium für Wassermanagement gehörte früher zum Landwirtschaftsministerium, heute ist es eigenständig.

Der Minister spricht im runtergekühlten Konferenzraum viel darüber, wie sie Wasser sparen wollen. Er spricht auch über den kasachischen Damm. "Damals haben wir unsere Unzufriedenheit geäußert", sagt er. Aber am Ende zählen gute nachbarschaftliche Beziehungen. Niemand weiß schließlich, was passiert, wenn das Wasser in der Region nichtmehr für alle reicht. Die Regierungen der fünf Länder sprechen zwar darüber, wie sie das Wasser der Flüsse unter sich aufteilen.

Usbekistan löst das Problem teilweise so, dass es Strom von den Wasserkraftwerken in Tadschikistan und Kirgisistan einkauft, sagt der Minister. Die öffnen dann die Dämme ihrer Wasserspeicher und Usbekistan bekommt mit dem Strom gleichzeitig das Wasser, das es für seine Felder braucht. Und was ist mit dem Aralsee? Die Antwort des Ministers dürfte dem Kapitän in Mujnak nicht gefallen. "In der heutigen Situation", sagt er, "ist es unmöglich, die Rückkehr des Aralsees in Erwägung zu ziehen."

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