Weltnaturkonferenz in Montreal:Der Natur in Deutschland geht es schlecht

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Deutschland: Nationalpark Wattenmeer

Naturschutz kann erfolgreich sein, wie im Nationalpark Wattenmeer - wenn ihm genug Platz gegeben wird. In anderen Region Deutschlands sieht es vergleichsweise trostlos aus.

(Foto: imago images / blickwinkel)

Beim bevorstehenden Weltnaturgipfel in Montreal wird um den weltweiten Schutz der Natur gerungen, und Deutschland gibt sich ambitioniert. Aber auch vor der eigenen Haustür bleibt viel zu tun.

Von Thomas Krumenacker

Wenn die Staaten der Erde ab Anfang Dezember in Montreal die heiße Phase im Ringen um ein weltweites Naturschutzabkommen einläuten, spielt Deutschland im Team Ambition. Gemeinsam mit der EU und zahlreichen weiteren Staaten hat sich die Bundesregierung der von Frankreich und Costa Rica ins Leben gerufenen "Koalition der Hochambitionierten für Mensch und Natur" (HAC) angeschlossen. Ziel des informellen Staatenbündnisses ist es, bei der UN-Biodiversitätskonferenz COP 15 weitreichende Beschlüsse für mehr globalen Naturschutz durchzusetzen - allen voran den Schutz von 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche des Planeten.

Allerdings könnte beim Blick auf die Bilanz im eigenen Land den internationalen Vorreitern etwas mehr Ambition nicht schaden. Denn nicht nur im Amazonas-Regenwald oder dem Kongo-Becken geht es der Natur schlecht. "Die Gesundheit der europäischen Natur ist in Gefahr", warnt auch die Europäische Umweltagentur (EEA) in ihrer aktuellen Bewertung. Viele Tier- und Pflanzenarten, Lebensräume und Ökosysteme - "allesamt lebenswichtig für unser Wohlergehen" - seien durch Zersiedelung, nicht nachhaltige Land- und Forstwirtschaft oder Verschmutzung bedroht. Als Folge nehme die biologische Vielfalt in Europa weiterhin in alarmierendem Tempo ab. "Es sind viel mehr Anstrengungen erforderlich, um die derzeitigen Trends umzukehren und eine widerstandsfähige und gesunde Natur zu gewährleisten", mahnen die EU-Umweltprüfer.

Auch in Deutschland steht es nicht gut um den Zustand der Natur. Gleich ob in den Roten Listen, den Rechenschaftsberichten der Bundesregierung zur Umsetzung der Biodiversitätsstrategie oder den Bilanzen zur Verwirklichung der EU-Naturschutzrichtlinien: Beinahe alle wissenschaftlichen Analysen zur Lage der Natur in Deutschland zeichnen ein düsteres Bild mit nur wenigen Lichtblicken. Aufwärts ging es in den vergangenen Jahren immer dort, wo mit großem Aufwand gezielt einzelnen Arten geholfen wurde. So konnten sich beispielsweise früher stark gefährdete Vogelarten wie Seeadler, Schwarzstorch oder Kranich wieder erholen. Die Artenvielfalt und die Lebensräume in der Fläche stehen dagegen weiter stark unter Druck.

Nach Schulnoten hätte Deutschland im Fach Umweltschutz eine Fünf

Zuletzt hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr Bilanz gezogen, wie weit sie mit der Umsetzung ihrer bereits 2007 beschlossenen Strategie für mehr Biodiversität gekommen ist. In der thematisch breit gefassten Analyse wird der Zustand von Gewässern und Wäldern und das Ausmaß des Flächenverbrauchs ebenso gemessen wie der Grad der Landschaftszerschneidung durch Leitungen und andere Infrastruktur oder der Anteil der ökologischen Landwirtschaft und das Bewusstsein der Öffentlichkeit für biologische Vielfalt. Insgesamt wird der Zustand der Natur anhand von 18 Indikatoren bewertet. Weil nicht zu allen Bereichen ausreichend aktuelle Daten vorliegen, gab sich die Regierung nur zu 13 von ihnen eine Art Zensur: Eine Spitzennote Eins fehlte, denn keines der selbstgesteckten Ziele wurde erreicht. Bei den Indikatoren zum Grad der Landschaftszerschneidung und zur nachhaltigeren Forstwirtschaft wurden gute bis leidlich befriedigende Werte ausgemacht. Bei allen anderen elf Indikatoren attestiert sich die Bundesregierung mangelhafte oder sogar ungenügende Fortschritte, weil sie weit oder sogar sehr weit vom Zielwert entfernt bleiben. Nach Schulnoten hätte Deutschland im Fach Umweltschutz eine Fünf.

Problematisch stellt sich auch der Zustand der meisten Ökosysteme dar. Weniger als zehn Prozent der Flüsse, Seen und Küstengewässer sind in einem guten ökologischen Zustand. Das ist immerhin eine leichte Verbesserung gegenüber der letzten Bilanz von 2015, rückt aber die Einhaltung der Verpflichtung aus der europäischen Wasserrahmenrichtlinie in unrealistische Ferne, nach der alle Gewässer innerhalb der nächsten fünf Jahre in einem guten ökologischen Zustand sein müssen. Hauptproblem auch hier ist die Landwirtschaft: Jeder fünfte Grundwasserkörper in Deutschland enthält viel zu viel Nitrat. "Besonders ungünstig ist der Zustand bei den Lebensräumen des Grünlands, bei marinen und Küstenlebensräumen, Binnengewässern, aber auch bei Mooren und Sümpfen", heißt es in der Bewertung der Bundesregierung zur Lage der Lebensräume in Deutschland. "Überwiegend positiv fallen nur die Felsen und Schutthalden auf."

Als einen besonders wichtigen Hinweisgeber für den Zustand der Natur insgesamt hat die Bundesregierung einen "Schlüsselindikator für Artenvielfalt und Landschaftsqualität" festgelegt, der auf Basis der Bestandsentwicklungen von mehr als 50 Vogelarten aus allen Lebensräumen ermittelt wird. Vögel sind ein ideales Barometer für den Zustand der Natur insgesamt, weil sie auf intakte Lebensräume angewiesen sind und zugleich sehr rasch auf Veränderungen reagieren können. Lässt sich ein Vogel in einem Lebensraum nieder oder nehmen seine Bestände darin zu, ist das ein Gütesiegel für dessen ökologischen Zustand insgesamt. Denn dann geht es auch Insekten, Pflanzen, Gewässern oder Wäldern gut. Verlässt eine Art ihr angestammtes Revier, kommt das einer Abstimmung mit den Schwingen gleich: Der Vogel stellt diesem Lebensraum ein Armutszeugnis aus. Das geschieht offenbar flächendeckend, denn auch dieser Indikator findet sich im aktuellen Rechenschaftsbericht zur Biodiversitätsstrategie in der Kategorie "weit vom Zielwert entfernt". Besserung sei in den kommenden Jahren "ohne erhebliche zusätzliche Anstrengungen von Bund, Ländern und auf kommunaler Ebene in möglichst allen relevanten Politikfeldern" nicht in Sicht.

Auch die vor Kurzem veröffentlichte neue Fassung der Roten Liste der Brutvögel unterstreicht den ökologischen Notstand in Deutschland. Mehr als die Hälfte aller rund 260 Brutvogelarten ist in ihren Beständen gefährdet oder steht wegen massiver Bestandsverluste bei noch häufigen Arten auf einer sogenannten Vorwarnliste. Heute leben hierzulande rund 14 Millionen Vögel weniger als noch zu Beginn der 1990er-Jahre.

Naturschutz auf großer Fläche hilft

Einige Arten haben sich bereits ganz verabschiedet. Seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor mehr als 200 Jahren gelten 14 Vogelarten in Deutschland als ausgestorben. Die Liste könnte bald auf einen Schlag deutlich länger werden. Sechs weitere Arten haben so lange nicht mehr hierzulande gebrütet, dass sie in den nächsten beiden Jahren für ausgestorben erklärt werden, sollte nicht noch ein kleines Wunder passieren. "In Deutschland droht ein Aussterben von Brutvogelarten in bislang unbekanntem Ausmaß", warnen die Autoren der Roten Liste.

Anderen Gruppen geht es nicht besser. Besonders kritisch ist die Situation nach Angaben des Rote-Liste-Zentrums bei Libellen, Amphibien und Reptilien. "Ähnlich kritisch sieht es bei Käfern, Schmetterlingen und einigen Pflanzengruppen aus, die zu jeweils fast 50 oder mehr Prozent Arten mit einem schlechten Erhaltungszustand umfassen", bilanziert das vom Bundesamt für Naturschutz getragene Zentrum. Die meisten Arten mit günstigem Erhaltungszustand gibt es noch unter den Säugetieren.

Dass Natur auch in einem dicht besiedelten und stark genutzten Land wie Deutschland gelingen kann, zeigen vor allem die Großschutzgebiete wie das Wattenmeer. Mit fast 8000 Quadratkilometern Nationalparkfläche entlang der Küsten Hamburgs, Schleswig-Holsteins und Niedersachsens ist es das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet. "Wir haben in den letzten Jahrzehnten netto keine Biodiversität im Wattenmeer verloren", zieht Hans-Ulrich Rösner eine positive Bilanz, er ist Leiter des WWF-Wattenmeerbüros. Intensive Fischerei, die geplante Ölförderung und allen voran der durch den Klimawandel ausgelöste Anstieg des Meeresspiegels machen das auch von der Unesco als Weltnaturerbe anerkannte Küstengebiet zwar nicht zur sorgenfreien Region für ihn. "Aber es zeigt sich hier, dass Naturschutz erfolgreich sein kann, wenn ihm ausreichend Raum gegeben wird", sagt Rösner. Gerate eine Art an der einen Stelle unter Druck, gebe es immerhin die Chance, dass sie sich an anderer Stelle halte und von dort aus erhole.

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