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Umwelt - Rostock:Biologe: Nord- und Ostsee sind mehr als ein Wirtschaftsraum

Deutschland
Umgestürzte Bäume die zum Teil schon im Wasser der Ostsee liegen prägen das Bild am Weststrand auf der Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Foto: Jens Büttner/zb/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

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Stralsund/Rostock (dpa/mv) - Nord- und Ostsee werden nach Ansicht des Meeresbiologen Henning von Nordheim von den Anrainerländern zu sehr als reiner Wirtschaftsraum betrachtet. "Die Industrialisierung der Meere hält ungebremst an. Der Biodiversitätsschutz wird fast nur akzeptiert, wenn er die Wirtschaft nicht behindert", sagt von Nordheim. Er hat seit 2014 als Honorarprofessor den einzigen Lehrstuhl für Meeresnaturschutz in Deutschland inne, an der Universität Rostock. "Weil ich das Bedürfnis habe, die Notwendigkeit des Schutzes der Meeresnatur Studierenden zu vermitteln", erklärt der 65-Jährige.

Mit der Ausweisung von Meeresnaturschutzgebieten in Nord- und Ostsee sei einiges erreicht worden, aber es sei auch noch viel zu tun. Nach 15 Jahren sei das Management der Schutzgebiete noch nicht ideal. Seit 2004 gibt es zusätzlich zu den Länder-Meeresschutzgebieten in der Ausschließlichen Wirtschaftszone von Nord- und Ostsee je drei Schutzgebiete für Riffe und Sandbänke: "Doggerbank", "Borkum Riffgrund" und "Sylter Außenriff-Östliche Deutsche Bucht" in der Nordsee sowie "Fehmarnbelt", "Kadetrinne" und "Pommersche Bucht-Rönnebank" in der Ostsee. Formal hat Deutschland fast die Hälfte - 45 Prozent - seiner Meeresfläche unter Schutz gestellt.

Doch die Liste der Beeinträchtigungen in Nord- und Ostsee, die von Nordheim aufzählt, ist lang: Plastikmüll, Überdüngung, zu starke Unterwasserschall-Belastungen durch Rammungen, Baggern, Sprengungen, Schiffsverkehr, die Sand- und Kiesentnahme, die Offshore-Windkraft, das Militär, die Verlegung von Kabeln und Rohrleitungen. Als Hauptproblem bezeichnet der frühere Abteilungsleiter für Meeresnaturschutz beim Bundesamt für Naturschutz auf der Insel Vilm jedoch die Fischerei. "Sie greift täglich und flächendeckend in das Ökosystem ein", begründet er und plädiert dafür, zumindest zerstörerische Praktiken wie die Grundschleppnetzfischerei in Schutzgebieten zu unterlassen.

Dem stimmt auch Christian von Dorrien vom Institut für Ostseefischerei in Rostock zu. Die Gebiete seien ausgewiesen, aber seit 15 Jahren sei zumindest in der Ostsee noch keine Regulierung erfolgt. Die Bodenschleppnetzfischerei müsse zwar in den Bereichen von Riffen und Sandbänken eingestellt werden, allerdings dürfe Deutschland die Fischerei in den Schutzgebieten nicht allein verbieten, sagt er. Nötig sei ein Beschluss der EU-Kommission, weil auch Fischer aus anderen EU-Staaten betroffen seien. Dagegen sei der Fischfang mit Schleppnetzen, die nicht den Boden berühren, auch in den Schutzzonen gestattet. Diese zielten nur auf den Schutz des Meeresbodens ab.

Die Fischerei wird von Nordheim zufolge zu intensiv betrieben, einzelne Bestände seien zu sehr genutzt. Verantwortungsvolle Jäger würden nie den Bestand an Muttertieren gefährden, aber Fischer würden zum Beispiel Heringe fangen, bevor sie abgelaicht haben, und den Rogen auf dem asiatischen Markt verkaufen. Jährlich dürften nach seiner Ansicht und auch der von Fischereiwissenschaftlern nur bis zu 30 Prozent eines Bestandes entnommen werden, um deren dauerhafte Nutzung zu sichern. Es seien aber bei manchen Beständen deutlich mehr als 60 Prozent. "Die zu intensive Fischerei ist vermutlich die schlüssigste Erklärung für die Abnahme der Fischbestände", macht von Nordheim deutlich. Eutrophierung und Klimawandel spielten sicherlich auch eine Rolle, aber daran müsse die Fischentnahme angepasst werden.

Der Wissenschaftler wünscht sich mehr direkten Dialog zwischen Meeresnutzern und Meeresnaturschutz. Es gebe längst viele technologische Möglichkeiten, um Eingriffe in die Meeresnatur gering zu halten und die übermäßige Schädigung der Lebensräume zu vermeiden. Auch im Fischereibereich gebe es neben der Quotierung der Fangmenge die Möglichkeit, mit alternativen Netzen zu arbeiten, etwa um Beifänge von Schweinswalen oder Vögeln zu verringern. Für die Meeresschutzgebiete regt er an, die Fischerei dort einige Jahre ruhen zu lassen, damit sich die Bestände erholen. Damit seien etwa im Mittelmeer gute Erfahrungen in teilweise nur ein paar hundert Hektar großen Schutzgebieten gemacht worden.

Zu seinen aktuellen Projekten im deutschen Meeresnaturschutz gehört von Nordheim zufolge die Wiederansiedlung der einheimischen Störe in Nord- und Ostsee und der Europäischen Austernriffe in der Nordsee auf dem Borkum-Riffgrund. Als bedauerlich empfindet er, dass Erfolge und Bemühungen im Meeresnaturschutz wie die Rückkehr der Kegelrobben und Kormorane oder der Schutz der Schweinswale vielfach als Belastung empfunden würden.

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