Umwelt - Letschin:Mit Violine und Gitarre: Anwohner musizieren für die Oder

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Umwelt - Letschin: Menschen bei einer Veranstaltung der Kienitzer Bürgerinitiative "Save Oder Die" an der Oder. Foto: Patrick Pleul/dpa
Menschen bei einer Veranstaltung der Kienitzer Bürgerinitiative "Save Oder Die" an der Oder. Foto: Patrick Pleul/dpa (Foto: dpa)

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Letschin (dpa/bb) - Tim Klotz bedruckt eifrig T-Shirts mit dem Logo "Save Oder Die". Die gleichnamige Bürgerinitiative hat an diesem Sonntag entlang der Oder eine große musikalische Kette organisiert. Die Idee der Organisatoren: Von der Quelle bis zur Mündung Musik zu machen für den Schutz des Flusses. Hunderte Anwohner der Oder, Naturschützer und Freunde des Flusses brachten Violine, Gitarre, Akkordeon, Konga mit - andere ihre Stimmen, um für die Wiederherstellung und Renaturierung des Flusses zu singen. Auftrittsorte waren unter anderem Kienitz, Groß Neuendorf, Zollbrücke, Schwedt und Hohensaaten. Auch in Frankfurt (Oder) und Aurith sollten kleine Konzerte stattfinden.

Organisatorin Steffi Bartel zeigt sich gerührt. "Ich bin überwältigt, dass so viele Menschen an die Oder gekommen sind, um gemeinsam zu singen", sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. Auch polnische Aktivistinnen und Umweltschützer seien auf die deutsche Seite nach Kienitz gekommen. "Es geht eine wahnsinnige Energie über das Wasser", ist Bartel überzeugt.

Zuvor hatten am Samstag rund 100 deutsche und polnische Umweltschützer in einer gemeinsamen Aktion an der Oder für einen besseren Schutz des geschädigten Flusses demonstriert. Unter den Teilnehmenden an der Europabrücke Neurüdnitz-Siekierki waren das länderübergreifende Bündnis "Zeit für die Oder", das polnische Bündnis "Rettet die Flüsse", das Bürgerbündnis "saveoderdie" aus Gemeinden im Oderbruch und der WWF Deutschland.

Die Akteure hätten sich symbolisch auf der Brücke getroffen, sagte WWF-Gewässerexperte Tobias Schäfer der dpa. Die Umweltschützer hätten deutlich machen wollen, dass die Wiederherstellung des Flussökosystems nun Priorität haben muss. Zudem sei auf alle Eingriffe zu verzichten, die dem Fluss zusätzlich schaden könnten.

Seit Anfang August war aus dem deutsch-polnischen Grenzfluss tonnenweise toter Fisch geborgen worden. Mehrere Hundert chemische Substanzen könnten als Mitverursacher der Umweltkatastrophe in Frage kommen, die genaue Ursache ist aber noch unklar. Bis Ende September soll der Abschlussbericht einer deutsch-polnischen Expertengruppe zu möglichen Ursachen vorliegen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein hoher Salzgehalt im Fluss ein wesentlicher Grund ist, verbunden mit Niedrigwasser, hohen Temperaturen und einer giftigen Algenart.

"Mit der Aktion sollen auch die polnischen kritischen Stimmen mehr Gehör finden", betont der WWF-Experte. Es sei darum gegangen, überregional eine Brücke zu schlagen.

Die Kienitzer Bürgerinitiative "Save Oder Die" hat sich mit dem "Aktionsbündnis lebendige Oder" solidarisiert. Das Bündnis fordert unter anderem von Politik und Verwaltung eine lückenlose Aufklärung der Umweltkatastrophe an der Oder sowie einen sofortigen Stopp des Oder-Ausbaus. Der Ort Kienitz gehört zu Märkisch-Oderland. Der Kreis liegt auf einer Länge von rund 80 Kilometern an der Oder zur Grenze nach Polen und war besonders vom massenhaften Fischsterben betroffen.

"Alle Menschen sind aufgefordert, sich wieder mit Natur zu verbinden", sagt der 49-jährige Tim Klotz bei der Musik-Aktion für die Oder. Er hat seinen Kontrabass mitgebracht. Diese Aktion von vielen solle nur der Beginn sein, zeigt er sich überzeugt. "Wenn wir in die Zukunft schauen, dann wollen wir soviel Menschen mobilisieren, um eine Million Unterschriften gegen den Oder-Ausbau nach Brüssel zu schicken."

Auch Odette Bollfras und ihr Mann Frank sind an den Oderdeich gekommen. Sie lieben den Fluss und erleben gerade noch an anderer Stelle die Auswirkungen der Umweltkatastrophe. Die Tourismusbranche habe seit dem Fischsterben schwer gelitten, berichten sie. Das Paar betreibt einen Kiez-Laden in Kienitz - einen Supermarkt hat der Ort schon lange nicht mehr. Verkauft wird alles, was Touristen brauchen könnten - auch viele regionale Produkte. Nun seien Pensionen und Campingplatz leer. Beide hoffen, dass sie über den Winter kommen.

© dpa-infocom, dpa:220903-99-618768/4

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