Umwelt Endlich keine Kohle mehr

Noch immer stammen rund 40 Prozent des weltweit erzeugten Stroms aus Kohlekraftwerken.

(Foto: Robb Kendrick)

Kohle war schon immer ein brutaler Energieträger. Dass sich ihr Zeitalter dem Ende zuneigt, lässt auf eine sauberere und gerechtere Welt hoffen - wenn es rechtzeitig kommt.

Von Marlene Weiß

Gut 120 Meter unter der Oberfläche in einer illegalen Kohlemine in Indien ist das Leben eines Menschen nicht mehr viel wert. "Alles um dich herum ist nur einen Hauch vom Zusammenbruch entfernt", schreibt der Fotograf Robb Kendrick, der für National Geographic vor einigen Jahren die Bilder auf diesen Seiten gemacht hat, über seine Erfahrungen in den dunkelsten Ecken der Kohleindustrie. "Wacklige Leitern, die hinab in nasse Dunkelheit führen, kein Fluchtweg, keine Wasserpumpen, kein Licht, keine Lüftung; Minenarbeiter in Flip-Flops und Shorts, die sich im Dunkeln eine Zigarette anzünden, wenn sie Pause machen." Auf dem Rücken liegen die Arbeiter in schmalen, unbefestigten Gängen, "Rattenlöcher" genannt, und hacken Kohle aus dem Untergrund. Wenn irgendetwas schief geht, sind alle hier unten tot.

Bergbau

Die schmutzige Welt der Kohle

Kohle war schon immer ein schmutziger und brutaler Energieträger, und am grausamsten ist er zu den Ärmsten der Armen. Das beginnt in den Minen, die Kendrick fotografiert hat, es geht weiter in den Regionen rund um schmutzige Kohlekraftwerke - etwa in China, deren Dreck alljährlich Zigtausende tötet, und es hört bei den Opfern des Klimawandels noch lange nicht auf. Kohle hat die Dampfmaschinen der industriellen Revolution befeuert, sie hat die moderne Welt erst ermöglicht und kann sie noch in den Untergang treiben. Doch jetzt sieht es aus, als sei ihre Zeit um.

Dabei war lange gegen Kohle einfach nicht anzukommen. Zu groß war der Energiehunger, zu üppig die Lagerstätten, zu billig das Produkt; überall schossen neue Kohlekraftwerke aus dem Boden. Noch immer stammen rund 40 Prozent des weltweit erzeugten Stroms aus Kohlekraftwerken. Aber inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass das Ende des Kohlezeitalters naht. Und was für eine Hoffnung für die Menschheit in diesem Ende liegt: auf eine bessere, gerechtere, sauberere Welt, auf eine Welt, in welcher der Klimawandel einigermaßen erträglich bleibt - falls das Ende denn rechtzeitig kommt.

China hat Anfang des Jahres 103 geplante Kohlekraftwerke gestoppt

Die Chancen dafür stehen jedenfalls zur Zeit so gut wie nie zuvor. Zwar werden noch immer neue Kohlekraftwerke gebaut, aber das Tempo ist eingebrochen: 2016 kamen die neuen Kohlemeiler im Bau laut einem aktuellen Greenpeace-Bericht weltweit nur noch auf eine Kapazität von 65 Gigawatt, fast zwei Drittel weniger als noch 2015. Der weltweite Kohleverbrauch geht seit 2014 zurück und könnte durchaus weiter sinken. China und Indien, die lange ein Kohlekraftwerk nach dem anderen ans Netz nahmen, sind dabei, sich von der Kohle abzuwenden. Indien will kaum noch neue Kraftwerke bauen, China hat Anfang des Jahres 103 geplante Kohlekraftwerke gestoppt.

Teils werden nun wohl halb fertige Meiler zu Bauruinen, weil China keinen Bedarf mehr für sie hat. Noch in diesem Jahr will das Land obendrein ein nationales Handelssystem für Emissionsrechte starten: Dann müssen Betreiber von Kraftwerken für jede Tonne CO₂, die sie in die Luft pusten wollen, ein Zertifikat besitzen. Wer nicht genug CO₂-Scheine vorweisen kann, muss sparsameren Kollegen welche abkaufen. Beide Länder bauen in rasantem Tempo erneuerbare Energien aus.

Erneuerbare Energie China und Indien werden zu Klima-Pionieren
Erneuerbare Energie

China und Indien werden zu Klima-Pionieren

Forscher sehen Asien dank zügiger Investitionen in erneuerbare Energien auf gutem Kurs für den Klimaschutz. Die USA unter Trump geben dagegen kein gutes Bild ab.   Von Marlene Weiß

In Großbritannien war kürzlich erstmals seit sehr langer Zeit 24 Stunden lang kein einziges Kohlekraftwerk am Netz. Schon 2025 soll dort das letzte Kohlekraftwerk dauerhaft abgeschaltet werden. Seit auf das CO₂, das Kraftwerke emittieren, eine schmerzhafte Abgabe erhoben wird, ist der Kohlestrom-Anteil im Vereinigten Königreich eingebrochen, die Anlagen rechnen sich kaum noch. Auch in den USA werden derzeit kaum noch Kohlekraftwerke geplant, stattdessen schalten die Betreiber dutzendfach alte Meiler ab. Wind- und Sonnenenergie, selbst Erdgas sind im Land des Frackings schlicht billiger. Präsident Donald Trump will zwar nach eigener Aussage Frieden mit der Kohle schließen, aber vermutlich kommt er damit zu spät. Wenn es so weitergeht, wird das Zeitalter der Kohle bald für immer vorbei sein, ob es Trump passt oder nicht.

Trotzdem können Mächtige wie Trump, die die Zeichen der Zeit nicht sehen oder nicht sehen wollen, noch eine Menge Schaden anrichten, falls es ihnen gelingt, das Ende hinauszuzögern. Ein Jahrzehnt mehr oder weniger kann für den Klimawandel den Unterschied zwischen "gerade noch erträglich" und "absolut katastrophal" machen. Und dass so ein Kohleausstieg trotz aller wirtschaftlichen und klimapolitischen Offensichtlichkeiten kein Selbstläufer ist, zeigen auch Länder wie Deutschland, die sich geradezu zwanghaft an der Kohle festklammern.