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Umwelt - Berlin:Fast 500 Hitzetote im Vorjahr: Klimastreit im Parlament

Berlin (dpa/bb) - An den Folgen der großen Hitzewelle im vergangenen Jahr sind in Berlin etwa 490 Menschen gestorben. In den ungewöhnlich heißen Sommertagen in den Jahren 2006 und 2015 gab es rund 390 beziehungsweise 310 Hitzetote in der Hauptstadt. Das geht aus Berechnungen des Robert-Koch-Instituts hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen.

"Als Folge des Klimawandels treten in Deutschland seit etwa der Jahrtausendwende Hitzewellen in einer ungewöhnlichen Häufigkeit auf", schreibt das Institut in einem Bulletin. "Starke und/oder längere Hitzewellen führen dabei regelmäßig zu einer erhöhten Mortalität, besonders in den älteren Altersgruppen." Mortalität steht für Todesrate.

Bei einer Debatte über Klimaschutz im Berliner Abgeordnetenhaus bekräftigten die Grünen am Donnerstag ihr Ziel, Benzin- und Dieselautos bis 2030 aus der City zu verbannen. "Der Klimanotstand ist Realität", sagte der Grünen-Parlamentarier Georg Kössler. Die Politik müsse nun radikal umsteuern. Dazu zähle, in gut zehn Jahren keine Verbrennungsmotoren in der Innenstadt mehr zuzulassen. Noch sei genug Zeit, das auch sozialverträglich zu gestalten.

"Neben Emissionsreduktionen müssen wir uns heute schon um Klimaanpassung kümmern", sagte Kössler mit Blick auf die Zahl der Hitzetoten der dpa. "Berlin braucht mehr Abkühlung. Wir brauchen endlich mehr Entsiegelung im Straßenland, mehr Bäume und mehr Gründächer. Das gehen wir mit dem kommenden Landeshaushalt an."

Auch der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz mahnte im Plenum ein entschlosseneres Handeln beim Klimaschutz an und nannte ein Beispiel: "Es ist doch peinlich, dass im Jahr 2019 noch Schulen gebaut werden ohne Solaranlagen auf dem Dach."

Der umweltpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Henner Schmidt, warf Rot-Rot-Grün und Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) Versagen beim Klimaschutz vor. "Wir brauchen schnell konkrete Maßnahmen für die Gebäudesanierung und für mehr erneuerbare Wärme sowie mehr attraktive Angebote für den ÖPNV", forderte er.

AfD-Fraktionschef Georg Pazderski warf dem Senat und der rot-rot-grünen Koalition "Klimahysterie" vor. "Ja, es steht außer Frage, dass sich das Klima ändert. Vor 10 000 Jahren war das so, und es wird auch in Zukunft so bleiben." Es sei falsch, dafür "zwanghaft" die Schuld bei den Menschen suchen.

Während der Parlamentsdebatte gab es zwei Zwischenfälle. Der AfD-Abgeordnete Frank Scholtysek hielt während einer Rede des Grünen-Abgeordneten Kössler plötzlich ein Plakat hoch, das wie ein Ortseingangsschild gestaltet war. Darauf stand: "Umerziehungslager Berlin - entmotorisierte Zone". Über dem Satz war in Form eines roten Stempels zu lesen: "Abgelehnt".

Auch Klima-Aktivisten störten die Sitzung. Sie entrollten auf einer Besuchertribüne ein Transparent, auf dem stand: "Klimanotstand Berlin". Sicherheitspersonal begleitete die rund ein halbes Dutzend Protestierer daraufhin hinaus. Die Aktion blieb friedlich.

Ein Sprecher der Gruppe sagte der dpa, Berlin müsse wie andere Kommunen auch den Klimanotstand ausrufen und mehr gegen die Erderwärmung tun. Die Aktivisten gehören nach eigenen Angaben zu dem Bündnis "Klimanotstand", das innerhalb von drei Monaten 43 522 Unterschriften für ihr Anliegen sammelte und vor kurzem an das Abgeordnetenhaus übergab.