Umwelt - Berlin:Brent Spar wurde für Greenpeace zum größten Sieg

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Berlin
Mitglieder von Greenpeace protestieren am 29.05.1995 gegen die geplante Versenkung der Ölplattform "Brent Spar" in der Nordsee. Foto: Tim Brakemeier/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

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London/Berlin (dpa) - Im Frühjahr 1995 stand die deutsche Öffentlichkeit einig hinter der Umweltorganisation Greenpeace - und gegen die Ölkonzerne Shell und Esso. Greenpeace-Aktivisten besetzten am 30. April in der Nordsee die ausgediente Ölplattform Brent Spar und forderten, auf die geplante Versenkung des riesigen Stahltanks in der Tiefsee zu verzichten. "Es ging um den Schutz der Meere; wir fühlten, dass wir das Recht auf unserer Seite haben", sagt Christian Bussau von Greenpeace, der damals dabei war. "Ein Konzern darf nicht mal eben so seinen Industrieschrott im Meer entsorgen."

Tatsächlich war die Sachlage etwas komplexer, doch das spielte im Verlauf der Kampagne keine große Rolle. Nachdem die Bilder der mutigen Schlauchboot-Aktivisten in stürmischer See vor dem gigantischen Stahl-Ungetüm im Fernsehen gelaufen waren, stellte sich niemand mehr auf die Seite von Shell. Kirchen und Gewerkschaften, Medien und Politik ergriffen einhellig Partei für die Umweltschützer. Shell-Tankstellen in Deutschland wurden boykottiert, in Einzelfällen sogar attackiert. Vergleichbar war die Brent-Spar-Kampagne mit den Anti-Atom-Protesten zuvor und den Fridays-for-Future-Demonstrationen heute.

Wobei der Protest in Deutschland nicht auf der Straße stattfand, sondern auf hoher See und in den Medien. Die Aktivisten trugen die Hauptlast. "Wir hatten keinen Strom, kein fließendes Wasser, Duschen gab es auch nicht", erinnert sich Bussau. "Wir hatten einen Raum beheizt, sonst war es bitterkalt. Die Temperaturen Anfang Mai lagen knapp über dem Gefrierpunkt. Weil es so kalt war, haben wir uns nicht waschen können", berichtet er. Doch die Mobilisierung funktionierte. 

Nach einem wochenlangen Nervenkrieg und ihrer Räumung sind die Aktivisten erfolgreich. Shell verzichtet auf die geplante Versenkung und entsorgt die Brent Spar an Land; ein großer Teil wird zu einem Kai-Fundament in Norwegen, der Rest verschrottet. Das war auch deshalb erstaunlich, weil die Proteste sich weitgehend auf Deutschland, Dänemark und die Niederlande beschränkten, die Entscheidung aber in Großbritannien zu treffen war. 

"Wir waren auf Wolke sieben", erinnert sich Bussau. "Das war eine Bilderbuch-Kampagne und wir dachten, wir machen so weiter und können alles. Die Landung war hart." Trotz der riesigen Zustimmung der Bevölkerung brachte die Brent-Spar-Kampagne Greenpeace keinen nachhaltigen Zufluss von Förderern und Spenden. Die Probleme und Themen wurden komplexer. "Schwarz gegen Weiß, Klein gegen Groß, das funktioniert nicht mehr so", sagt Bussau. "Es gibt mehr Grautöne."

Immer noch dient die Brent-Spar-Kampagne in den PR-Akademien als Anschauungsmaterial für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit. Bis heute existieren zwei Versionen der Brent-Spar-Auseinandersetzung nebeneinander, schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Klaus. "Die eine Version sieht Brent Spar als ökologischen Sieg gegen die Umweltverschmutzer, zelebriert das gewachsene Umweltbewusstsein und die Durchsetzungsfähigkeit der Bevölkerung, die andere Version entdeckt einen Missbrauch der Demokratie durch die "Protestmaschine" Greenpeace, sieht eine Manipulation der Manipulateure und beklagt eine Fehlfunktion im Mediensystem." 

Nach Brent Spar haben die Anrainer-Staaten der Nordsee die Versenkung von Ölförderanlagen in einem Abkommen ausgeschlossen. Doch auch ein Vierteljahrhundert später gibt es Streit um die Entsorgung alter Fördertechnik aus dem Brent-Ölfeld nordöstlich der Shetland-Inseln. Die vier Bohrinseln Brent Alpha, Bravo, Charlie und Delta haben seit den 1970er Jahren umgerechnet mehr als drei Milliarden Barrel (je 159 Liter) Öl und Gas gefördert. Nun ist Schluss, das Feld ist ausgefördert. Nur Brent Charlie produziert noch Erdgas, aber das endgültige Betriebsende dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Seit Jahren läuft bereits der Rückbau der Bohrinseln. Die rund 25 000 Tonnen schweren Aufbauten von Brent Bravo und Delta sind bereits mit dem Spezialschiff "Pioneering Spirit" in einem Stück abgenommen, an Land gebracht und demontiert worden. Nur die Stümpfe der Trägerkonstruktionen ragen noch über die Wasseroberfläche.

Doch auch nach mehr als zehn Jahren Diskussion, mehr als 300 Studien und einem Diskurs mit 180 Organisationen und 400 Einzelpersonen ist noch immer nicht klar, was mit den Strukturen unter Wasser passieren soll. Brent Alpha ist eine Stahlkonstruktion mit einem Sockel, doch Bravo, Charlie und Delta besitzen sogenannte Schwerkraftfundamente aus Beton, jeweils rund 300 000 Tonnen schwer. In 140 Metern Wassertiefe in der rauen Nordsee stehen 64 riesige Betonzellen, 60 Meter hoch, mit einem Meter dicken Wänden. Sie wurden als Tanks genutzt und enthalten 41 000 Kubikmeter Öl-Sand-Gemisch. Das sind insgesamt knapp 11 000 Tonnen Öl. Dazu kommen 640 000 Kubikmeter leicht belastetes ölhaltiges Wasser.

"Die müssen raus", fordert Bussau. "Es muss so wenig wie möglich von den Förderplattformen im Meer zurückbleiben." Allerdings liegen unterschiedliche Bewertungen auf dem Tisch. "Die Risiken der vollständigen Entfernung sind größer als der Nutzen für die Umwelt", sagt Katrin Satizabal, Expertin für Öl- und Gasförderung bei der deutschen Tochterorganisation des Shell-Konzerns. Nach intensiver Prüfung aller Optionen anhand der vorgeschriebenen Kriterien Sicherheit, Auswirkungen auf die Umwelt, technische Umsetzbarkeit, Sozialfolgen und Wirtschaftlichkeit halte Shell es für geboten, die Sockel und Fundamente im Wasser zu belassen.

Die Entscheidung trifft die britische Regierung, doch die anderen Staaten reden mit. Berlin steht an der Seite der Umweltschützer. "Wir haben jetzt die Chance, für die Zukunft eine klare Verfahrensweise für die umweltverträgliche Entsorgung alter Ölplattformen festzulegen", sagt Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth. 

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