SZ-KlimakolumneWird die Klimapolitik zum Kollateralschaden?

Lesezeit: 2 Min.

Demonstration gegen den Krieg vor dem Reichstagsgebäude.
Demonstration gegen den Krieg vor dem Reichstagsgebäude. Sebastian Gabsch via www.imago-images.de/imago images/Future Image

Die Erderwärmung spielt in der öffentlichen Debatte plötzlich kaum noch eine Rolle - wie sollte es auch anders sein. Der Krieg in der Ukraine könnte den Abschied von fossiler Energie aber dennoch beschleunigen.

Von Michael Bauchmüller

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Wenn die Zeit drängt, dann kann man nicht bis Freitag warten. Nicht mal die Fridays for future. Diese Woche haben sie schon am Donnerstag demonstriert, in vielen Städten weltweit. Zehntausende folgten dem Aufruf. Es ist eine Generation, der fast nichts erspart bleibt, wie mein Kollege Thomas Balbierer von der Demo in Berlin schrieb: erst Klimakrise, dann Pandemie, jetzt Krieg. Und wer weiß schon, was noch alles kommt. Wie viel näher dieser Krieg noch rücken mag. Es ist schrecklich.

Ein Krieg, das lernen wir gerade im Zeitraffer, verändert alles, wertet alles um. Selbst die Klimapolitik könnte zu seinem Kollateralschaden werden. Zu Anfang der Woche hatte der Weltklimarat IPCC seinen neuesten Teilbericht vorgelegt. "Der Menschheit läuft die Zeit davon", titelten meine Kollegen im Wissen - und legten dar, wie Trockenheit, Starkregen, Sturmfluten das Leben auf dem Planeten verändern. Doch der IPCC-Bericht ging nahezu unter. Die Tage bestimmen brennende Städte, weinende Menschen, wütende Reaktionen. Wie sollte es anders sein?

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Zu den Dingen, die eine rasante Umwertung erfahren, zählt aber auch die Rolle fossiler Energien. Die waren bisher immer da, ohne jedes Fragezeichen: Die Wohnung war warm, aus der Zapfpistole kam Sprit, Strom floss auch. Was alle Klimapolitik bis heute nicht geschafft hat, die schnelle Ablösung grauer Energie, könnte nun der Krieg vorantreiben. Erdgas gilt plötzlich als gefährliche Langstreckenwaffe Putins, Sprit ist teuer wie nie, und die Heizkostenabrechnungen kommen erst. Zu den bemerkenswerten Einsichten dieser Tage gehört deshalb auch jene, die FDP-Chef Christian Lindner vorigen Sonntag im Bundestag so gefasst hat: "Erneuerbare Energien lösen uns von Abhängigkeiten. Erneuerbare Energien sind deshalb Freiheitsenergien." Griffiger lässt sich die Energiewende in diesen Tagen nicht begründen.

Daraus ließen sich jetzt sofort einige Schlüsse ziehen: Was den Ausbau der Erneuerbaren noch hemmt, an zähen Genehmigungsverfahren, unpräzisen Naturschutz-Vorgaben, übervorsichtigen Luftverkehrsregeln, mangelnder Beteiligung von Bürgern - all das ließe sich auflösen. Es bräuchte einen wahren Turbo bei der Sanierung von Gebäuden und beim Austausch von Öl- und Gasheizungen. Es schreit nach Alternativen zum motorisierten Individualverkehr. Die Gelegenheit, so traurig und erschütternd der Anlass ist, war nie so günstig wie jetzt.

Das verlangt allerdings eine Menge Wachsamkeit, denn manche Reaktion zielt in die falsche Richtung. Eine Verlängerung der Atom-Laufzeiten zum Beispiel dürfte zur Sicherheit der Energieversorgung kaum etwas beitragen, aus ganz praktischen Gründen. Auch der eilige Bau zweier Flüssigerdgas-Terminals könnte sich als überhastet erweisen: Solche Häfen gibt es reichlich in Europa. Letztlich ist auch das nur neue fossile Infrastruktur - allenfalls mit dem Zusatz, dass sich irgendwann dort auch grüner Wasserstoff entladen lässt. Obacht auch bei der Kohle: Manches mag dafür sprechen, einzelne Kohlekraftwerke in der Krise ein paar Monate länger am Netz zu lassen als geplant. Doch manch einer möchte gleich den ganzen Kohleausstieg verschieben. Das sind durchsichtige Manöver.

Sie merken schon: ein Klima-Newsletter, der sich ganz um den Krieg dreht. Es wird nicht der letzte dieser Art gewesen sein. Ein Tag im Februar hat alles verändert.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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