Krieg in der Ukraine„Mit dem ‚Flamingo‘ scheppert es richtig“

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Dieses Videobild des ukrainischen Mediums ZN.ua soll den Start des Langstrecken-Marschflugkörpers „Flamingo“ zeigen.
Dieses Videobild des ukrainischen Mediums ZN.ua soll den Start des Langstrecken-Marschflugkörpers „Flamingo“ zeigen. (Foto: HANDOUT/AFP)

3000 Kilometer Reichweite, eine Tonne Sprengstoff: Der „Flamingo“ gilt als neue Superwaffe der Ukraine. Doch wie sehr kann sie wirklich den Krieg beeinflussen? Fragen an den Sicherheitsexperten Fabian Hoffmann von der Universität Oslo.

Interview von Felix Hütten

SZ: Herr Hoffmann, was ist der „Flamingo“ überhaupt – eher Rakete oder Drohne? 

Fabian Hoffmann: Der Flamingo ist ein Marschflugkörper. Der große Unterschied zu einer Drohne ist der Antrieb. Für den Flamingo hat der Hersteller ein bereits bestehendes Triebwerk genommen, also kein eigenes neu erfunden. Das Triebwerk ist vergleichbar mit dem eines kleinen Flugzeugs; technisch ist das nichts Besonderes.

Nur soll der „Flamingo“ wesentlich mehr Gewicht tragen können?

Und das ist ein weiterer wesentlicher Unterschied zu den Mini-Marschflugkörpern oder Langstrecken-Drohnen, die die Ukraine bislang einsetzt. Diese Waffen können nur wenig Last tragen. Das macht sie günstig, nur ist eben der Schaden im Ziel auch nur gering, wenn sie mit zum Beispiel zehn Kilogramm Sprengstoff einschlagen. Hier haben wir gesehen, dass etwa ein Feuer, das in einer russischen Öl-Raffinerie nach einem Einschlag ausbricht, schnell wieder gelöscht und die Schäden repariert sind.

Wenn der Hersteller einhalten kann, was er verspricht, dann wird der „Flamingo“ Russland richtig wehtun.
Fabian Hoffmann

Anders mit dem „Flamingo“?

Natürlich, hier sprechen wir von einer ganz anderen Energie, ähnlich wie ein Taurus-Penetrator, der mit 950 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit einschlägt, mit 400 Kilogramm Sprengstoff. Jetzt haben die Ukrainer die Chance, wirklich Zerstörung anzurichten. Mit dem Flamingo scheppert es richtig.

Und deshalb gilt der „Flamingo“ als so bedeutend für die Ukraine?

Was ihnen immer gefehlt hat, waren die schweren Flugkörper. Da sind sie auf westliche Partner angewiesen, und die konnten oder wollten nicht in ausreichender Zahl liefern. Und so war klar, sie müssen das selbst in die Hand nehmen. Wenn der Hersteller einhalten kann, was er verspricht, dann wird der Flamingo Russland richtig wehtun.

Die westlichen Bündnispartner hätten ihrerseits früher und mehr solcher Waffensysteme liefern können.

Das ist womöglich der zentrale Punkt, warum die Ukrainer sich letztlich dafür entschieden haben, Flamingo zu produzieren: Wir haben es in Europa komplett versäumt, die eigene Produktion solcher Waffen hochzufahren. Die Europäer kommen einfach nicht in die Puschen. Von meiner Seite aus völliges Unverständnis. Wir haben massiv in Raketen und Flugabwehr investiert. Aber diese Waffen, die als offensiv gelten, waren irgendwie politisch nicht gewollt.

Fabian Hoffmann forscht am Oslo Nuclear Project (ONP) der Universität Oslo zu den strategischen Auswirkungen konventioneller Langstreckenwaffen und analysiert deren Auswirkungen auf die konventionelle und nukleare Abschreckung. Er ist Experte für Raketentechnologie, Nuklearstrategie und Verteidigungspolitik.
Fabian Hoffmann forscht am Oslo Nuclear Project (ONP) der Universität Oslo zu den strategischen Auswirkungen konventioneller Langstreckenwaffen und analysiert deren Auswirkungen auf die konventionelle und nukleare Abschreckung. Er ist Experte für Raketentechnologie, Nuklearstrategie und Verteidigungspolitik. (Foto: Katsis – aesthesia photography)

Der „Flamingo“ aber ist eindeutig eine Offensivwaffe, er soll bis zu 3000 Kilometer weit fliegen können: Welche Ziele rücken dadurch in Reichweite?

Flugbasen, Militärbasen, Logistikzentren, Munitionsdepots. Ich gehe davon aus, dass die Ukraine die Kampagne mit dem Ziel weiterführen wird, die wirtschaftliche Kapazität Russlands zu schwächen. Damit geraten auch Öl- und Gas-Infrastruktur ins Visier.

Dafür aber müsste die Waffe in nennenswerter Zahl produziert werden. Halten Sie es für realistisch, dass der Hersteller die Produktion nun auf sieben „Flamingos“ pro Tag hochfahren kann?

Ein bisschen PR-Show ist schon dabei. Derzeit soll ein Flamingo pro Tag produziert werden, sieben Stück sind sehr optimistisch. Der Knackpunkt ist das Turbofan-Triebwerk. Die Frage ist also: Wie viele Triebwerke kann der Hersteller produzieren?

Außerdem ist derzeit unklar, wie präzise die Waffe wirklich ist?

Der Hersteller gibt an, dass der Flamingo in der Hälfte aller Fälle in einem Radius enger als 14 Meter treffen kann. 14 Meter hin oder her sind etwa bei einer Öl-Raffinerie, die von einem 1150-Kilogramm-Gefechtskopf getroffen wird, relativ egal. Da richten Sie so oder so großen Schaden an. Ein gehärtetes Ziel wie etwa einen Kommandobunker aber muss ich schon ziemlich genau treffen, sonst ist er nur schwer zu durchbrechen. Und hier habe ich derzeit noch Zweifel.

Das leiten Sie aus dem ersten Einsatz ab?

Hier haben wir gesehen, dass der Flamingo funktioniert, wenn auch nicht perfekt. Mutmaßlich hat die Ukraine drei Flamingos auf eine russische Aufklärungsbasis abgeschossen. Einer kam nicht an, warum ist unklar. Einer hat getroffen, einer nicht. Und der, der getroffen hat, ist zehn bis 40 Meter weit vom Ziel entfernt eingeschlagen. Wenn man also wohlwollend sein möchte, könnte man sagen, einer von dreien hat sein Ziel getroffen. Und das Ziel war ein relativ einfaches Ziel, wenig Flugabwehr. Zehn bis 40 Meter, na ja, da ist noch Luft nach oben.

Und deshalb ist der „Flamingo“ nicht die Wunderwaffe, die den Krieg entscheidend beeinflussen wird?

Der Flamingo wird den Krieg ganz sicher nicht im Alleingang gewinnen. Aber er könnte Russland dazu zwingen, die eigene Flugabwehr weiter und tiefer im Land zu verteilen. Das schwächt Putins Truppen natürlich erheblich, schon jetzt fliegen ukrainische Drohnen sichtbar für alle ins Land hinein. Im Militärjargon würde man sagen: Mit dem Flamingo multiplizieren sich die Angriffsvektoren.

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