Überdüngung:Was der Verbraucher tun kann

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Hat der Umweltrat demnach auch nicht mehr Einfluss als die Lobbygruppen der Industrie?

Wir wählen unsere Themen völlig unabhängig. Unser Auftrag lautet, die Umweltpolitik wissenschaftlich zu begleiten, auf Fehlentwicklungen und Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen - und das nicht nur gegenüber der Bundesregierung, sondern auch gegenüber der Öffentlichkeit. Aber wir können natürlich der Regierung nichts diktieren, nur im Spiel der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kräfte unsere Empfehlungen platzieren. Wir wollen und müssen kooperativ überzeugen. Beim Stickstoff etwa haben wir viele Interessengruppen auf unserer Seite, neben den Naturschutz- und Wasserverbänden auch die Forstwirte und Waldbesitzer, die sich ebenfalls Sorgen machen.

Wir wärmen uns im Hofladen des Mainäppelhauses ein wenig auf. Zusätzlich zu den zwei Hektar auf dem Lohrberg bewirtschaftet der Verein 15 Hektar Streuobstwiesen am Fuß des Berges. Er hat neben den Pavillons für Laden und Bistro zwei Hallen für die Verarbeitung der Äpfel gebaut und bietet umweltpädagogische Veranstaltungen an. 50 Menschen helfen mit, die meisten ehrenamtlich. Nach einem kurzen Plausch mit dem Ladenbetreiber kauft Manfred Niekisch ein paar Äpfel und eine Flasche Apfelbrand.

Sehen Sie diese Bio-Äpfel? Die haben den ein oder anderen Flecken, was ihre Qualität aber überhaupt nicht schmälert. Das meinte ich vorhin beim Brokkoli: Wenn die Verbraucher bereit wären, zu akzeptieren, dass Obst und Gemüse nicht immer aussieht wie in der Werbung, wären wir einen großen Schritt weiter. Wir müssten weniger Ware aus ästhetischen Gründen wegwerfen, könnten effizienter wirtschaften. Auch das würde die Stickstoffsituation entschärfen.

Gab es eigentlich einen konkreten Anlass für den Umweltrat, Stickstoff jetzt zu thematisieren?

Das ist über mehrere Jahre gereift. Wir sind sieben Professoren und Professorinnen aus ganz verschiedenen Fachrichtungen: Naturschutz, Agrarökonomie, Medizin, Energietechnik, Politik, Umweltrecht, Ökologie. Jedes Mitglied macht Vorschläge, welche Themen sie oder er für brennend hält. Dann diskutieren wir sie ausführlich und wählen aus. In letzter Zeit haben wir viel zu Energie gemacht, weil wir meinen, die Energiewende muss gelingen. Jetzt wenden wir uns stärker ökologischen Fragen zu.

Sind die Mitglieder auch mal verschiedener Ansicht?

Wir diskutieren vieles hart durch, aber wenn wir etwas veröffentlichen, dann immer im Konsens. Jedes einzelne Gutachten wird von allen getragen. Das Spannende dabei ist, dass wir ständig voneinander lernen. Jeder hat sein Fachgebiet, auf dem er den anderen voraus ist. Als wir im letzten Gutachten ein mögliches Design für den Strommarkt besprochen haben, war ich ziemlich ahnungslos und habe mir von meinen Kollegen erst einmal erklären lassen, worauf es ankommt. Wenn es um Ökologie geht, kann ich natürlich etwas mehr beitragen.

Wenn Sie mal weniger Fachliches beitragen können, helfen Ihre Fragen den Fachkollegen dann, einen unbefangenen Blickwinkel einzunehmen?

Durchaus, auf der anderen Seite hat natürlich schon jeder seine Lieblingsthemen, die er durchbringen will. Wir wollen jetzt das Thema Wildnis angehen, von dem zunächst nicht jedem klar war, dass es drängt. Als Umweltrat haben wir auch erlebt, dass unsere Gutachten zunächst als randständig empfunden wurden. Kurze Zeit später aber waren sie dann in der Mitte der Diskussion. 2011 erläuterten wir in einem Sondergutachten, wie die Energiewende, also 100 Prozent erneuerbare Energien, in Deutschland wirtschaftlich tragbar erreicht werden kann. Industrie und manche Experten fragten sich, warum wir das taten. Es war nicht zuletzt als Antwort auf die damals aktuelle Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke gedacht. Und dann geschah Fukushima...

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