Überdruss statt Aufmerksamkeit Naturschutz mit Jahrgangsprädikat

Seehund, Kleiber und Kopfkohl: Wie sinnvoll ist die regelmäßige Kür der Pflanzen und Tiere des Jahres?

Von Annett Zündorf

Mit dem Kopf voran läuft der Kleiber Bäume hinab, als würden die Gesetze der Schwerkraft für ihn nicht gelten. Dann blickt er rasch nach rechts und links, bevor er in seiner Höhle verschwindet. Seinen Namen verdankt der kleine Vogel dem Trick, mit dem er den Eingang der Baumhöhle, die er oft von Spechten übernimmt, auf seine Körpergröße verkleinert: Er klebt ("kleibert") Lehmkügelchen um die Öffnung.

"Vogel des Jahres 2006": der Kleiber.

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Gerade so groß wie eine Kohlmeise ist der Vogel, der mit blaugrauem Gefieder und spitzem Schnabel in Europas Wäldern lebt. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat den Akrobaten des Waldes bereits im Oktober zum "Vogel des Jahres 2006" gekürt. Der Kleiber reiht sich damit ein in die wachsende Gemeinschaft der Jahreswesen.

Zwei Dutzend Arten werden inzwischen Jahr für Jahr zum Tier oder zur Pflanze des Jahres ausgerufen: vom Baum bis zum Weichtier, vom Moos bis zur Nutzpflanze. Was das bringt, ist unklar. In einigen Fällen ist der Erfolg zu erkennen, meist aber prüft niemand nach, ob die Wahl Konsequenzen hat. Eine Koordination zwischen den einzelnen für die Auswahl verantwortlichen Organisationen fehlt ebenso, wie eine Absprache darüber, welche Kriterien für Natur-des-Jahres-Organismen gelten sollen.

Die Artengemeinschaft ist mittlerweile derart groß, dass sich mit ihren Vertretern ein eigener Naturpark errichten ließe. Der hätte 2005 so ausgesehen: Steinhummel und Rostbinde summen über Brandknabenkraut und Großen Klappertopf. Ein Uhu sitzt in der Krone der Rosskastanie, hinter dem Stamm versteckt sich ein Braunbär und lauert auf die Bachforelle.

"Aktionen werden gut angenommen"

Etwas weiter grast das Bentheimer Landschaf. Zwischen Moosen, Flechten, Heil-, Gift- und Nutzpflanzen aller Art leben in verschiedenen Biotopen und Kulturlandschaften Blutegel, Zebra-Springspinne und das Weichtier des Jahres: der Tigerschnegel.

Begonnen hat die Naturschutzarbeit mit Jahrgangsprädikat vor 35 Jahren. Damals wollte der Nabu den Wanderfalken retten. Er rief ihn bundesweit zum Vogel des Jahres aus. Der einst auf der Roten Liste als "vom Aussterben bedroht" geführte Vogel mit nur wenigen Brutpaaren gilt heute nur noch als "gefährdet".

Knapp 700 Paare brüten wieder in Deutschland. Dieser Erfolg sei nicht nur Verdienst des Nabu, sagt Markus Nipkow, Vogelexperte der Organisation. Aber die Eier bewachenden Vogelenthusiasten leisteten damals einen großen Beitrag und machten die Vogel-des-Jahres-Idee zu einer echten Erfolgsstory.

"Wir machen bis heute weiter, weil diese Aktionen so gut angenommen werden", sagt Nipkow. So pflanzten Vogelfans Hecken für den Neuntöter (Vogel des Jahres 1985), befestigten in vorher verriegelten Kirchtürmen Kästen für Schleiereulen (1977) und renaturierten Feuchtwiesen für Weißstörche (1984 sowie 1994). "Es gibt Arten, für die kann man aktiv etwas tun", sagt Nipkow.

Pflanzenkür zur Wasserqualitätsbestimmung

Allerdings auch welche, bei denen das nicht funktioniert. So wie beim äußerst seltenen Goldregenpfeifer (1975) und beim Birkhuhn (1980). Denn sind die Vögel nur lokal verbreitet, läuft der Schutz bisweilen ins Leere. Deswegen kürt der Nabu seit zwölf Jahren der Allgemeinheit bekannte Tiere. "Es ist wichtig, dass die Menschen etwas für die Vögel tun können", sagt Nipkow, "der Vogel steht schließlich stellvertretend für einen Lebensraum." So soll der Kleiber 2006 die naturnahe Waldbewirtschaftung mit genügend Alt- und Totholz repräsentieren.

Neben solchen von den Medien und Politikern vor Ort begleiteten Aktionen verblassen Flechte, Wasserpflanze und Weichtier. Dennoch scheint die Vergabe der Prädikate mittlerweile zum guten Ton zu gehören. Insgesamt 24 Natur-des-Jahres-Titel haben diverse Organisationen 2005 ausgelobt. Geld ist damit nicht verbunden; ein Kuratorium wählt die Art aus, dann wird sie mit Tamtam bekannt gegeben. Die Ziele sind dabei so unterschiedlich wie die Erfolge.

Während die einen ihren Titel in die Welt posaunen, ohne je eine Rückmeldung zu erhalten, wollen die anderen vor allem eine bestimmte Zielgruppe erreichen. Der Förderkreis Sporttauchen zum Beispiel wählt seit 2003 eine Wasserpflanze des Jahres, die vorwiegend in Fachmagazinen vorgestellt wird. Die gekürte Pflanze soll als Indikator dienen und von den Tauchern erkannt werden: Wo die Pflanze wächst, ist das Wasser sauber - das Jahreswesen als Sinnbild für ein intaktes Ökosystem.

Ein anderes Konzept verfolgt der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN). "Wir kümmern uns um Sorten, die aus dem Handel genommen wurden", sagt Ursula Reinhard, Vorsitzende des VEN. Diese Sorten sind zwar kommerziell nicht mehr erfolgreich, haben aber oft Vorteile wie einen besseren Geschmack und verschobene Reifezeiten.

Salbei gleich mehrfach prämiert

"Bei Hobbygärtnern sollen die Bohnen nicht gleichzeitig reifen, sondern nacheinander", sagt Reinhard. Ruft der VEN ein Gemüse des Jahres aus, dann beginnt er sogleich mit einer Sammelaktion: Gärtner, die noch alte Sorten kultivieren, sollen Exemplare beisteuern, die dann vermehrt werden. Später können Interessierte Saatgut oder Jungpflanzen kaufen. 2006 ist der Kopfkohl an der Reihe. Am besten gelaufen sei 2003 die Kartoffel, sagt VEN-Vorsitzende Reinhard.

Giftpflanze, Boden und Pilz des Jahres: Die Inflation der Titel könnte statt Aufmerksamkeit auch Überdruss beim Publikum bewirken - doch im Bundesamt für Naturschutz beobachtet man den Prozess gelassen. "Naturschutz ist oft artgebunden", sagt Vizepräsident Rudolf Ley. Es gebe so viele Jahreswesen, weil jeder seine eigene Klientel bediene.

Sein Amt habe vor ein paar Jahren sogar überlegt, selbst einen Titel zu vergeben. "Wir haben uns aber entschieden, das dem Ehrenamt zu überlassen." Immerhin begrüßt es Ley, dass die meisten Vereine nicht mehr nur stark gefährdete Arten von der Roten Liste küren, sondern auch bekanntere Arten. "Sie zeigen den Menschen, dass es sich lohnt, in Naturschutz zu investieren."

Bisweilen kommen sich die Ausrufer aber auch in die Quere: Der "Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus e.V." hat 2003 erstmals eine Heilpflanze des Jahres gekürt: den Salbei. Dem Verein war allerdings völlig entgangen, dass der Verband der Heilkräuterfreunde schon seit 1990 die Heilpflanze des Jahres wählt - darunter bereits 1998 den Salbei. Nebenbei wurde das Kraut 2003 auch noch zur Staude des Jahres gekürt.

Ob und wie der Naturschutz durch die Titel des Jahres beeinflusst wird, lässt sich somit kaum beurteilen. Der nächste Titel wird dennoch bereits vorbereitet: Die Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde will erstmals ein Reptil des Jahres ausrufen. Vielleicht kann der Kleiber dann der Zauneidechse beim Sonnenbad zusehen.