Überbevölkerung Eine Frage der gerechten Verteilung von Ressourcen

Inzwischen sind wir vor dem Stadion an der Weltbevölkerungsuhr angekommen, die die Stiftung zum Tag des siebenmilliardsten Menschen aufgestellt hat. Gerade macht eine Familie Fotos davor. Die digitale Anzeige zählt unermüdlich mit, wie viele Menschen der ­Statistik zufolge in diesem Moment gerade auf der Erde leben. Die letzte Stelle springt mehrmals pro Sekunde um und macht das ­abstrakte Thema ein wenig besser begreiflich.

Also, wirklich vorstellen kann ich mir diese Zahl ja nicht ...

Ich glaube, keiner von uns kann sich vorstellen, was das heißt: sieben Milliarden Menschen. Ich versuche es mal zu ­verdeutlichen: Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung um rund 80 Millionen ­Menschen. Das entspricht in etwa der ­Bevölkerungszahl Deutschlands! Wenn man sich jetzt klarmacht, dass jedes Jahr eine ganze Bevölkerung der Bundesrepublik mehr auf der Erde lebt, dann ist das schon etwas greifbarer. Auf der anderen Seite bleibt es eben eine unglaublich große Zahl.

Aber auch was wir hier sehen, ist ja nur eine Hochrechnung. Sie sind ­Mathematikerin: Sind ­solche Prognosen überhaupt realistisch?

Schon kleine Veränderungen in der ­Geburtenrate haben enorme Auswirkungen. Deswegen werden die Berechnungen auch alle zwei Jahre angepasst. Gerade für den entscheidenden Kontinent Afrika hat man zum Beispiel vor zehn Jahren noch eine deutlich niedrigere Bevölkerungszahl für 2050 vorhergesagt. Man musste jedoch in den letzten Jahren feststellen, dass die Fertilitätszahlen nicht so zurückgehen, wie man das zuvor angenommen hatte. Gleichzeitig trägt auch die höhere Lebenserwartung, die ja erstmal etwas Positives ist, zum Bevölkerungswachstum bei. In den aktuellen Projektionen rechnen die Vereinten Nationen mit einem Bevölkerungszuwachs von dreieinhalb Milliarden bis zum Ende des Jahrhunderts. Der tatsäch­liche Zuwachs kann aber auch weitaus höher sein. Deshalb ist es so wichtig, nicht zu warten, sondern jetzt zu handeln.

Nun sieht die Situation in Europa vollkommen anders aus: Wir machen uns Sorgen, dass die Deutschen eines Tages aussterben, und investieren in Kitas, Kindergeld und Reproduktionsmedizin. Zu Recht oder nicht doch auf gewisse Weise kontraproduktiv?

Ich denke, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, die nichts unmittelbar miteinander zu tun haben und die man auch nicht gegeneinander ausspielen sollte. Global gesehen ist es ohnehin egal, ob in 20 Jahren in Deutschland noch 80 ­Millionen oder 70 Millionen Menschen leben. Die hierzulande verbreiteten ­Sorgen bezüglich Rentensystem, Arbeitsmarkt und so weiter machen eigentlich nur deutlich, wie entscheidend die Bevölkerungsentwicklung in einem Land für das Wohlergehen und ein gutes Leben ist.

Gerade unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit gibt es aber auch Stimmen, die hierzulande für eine Förderung des Verzichts auf eigene Kinder plädieren. Frei nach dem Motto: Der nachhaltigste Mensch ist der, der nicht geboren wird.

Leben ist wertvoll, extrem wertvoll und zwar jedes. Und es muss alles dafür getan werden, damit die Menschen, die geboren wurden, gut leben können. Einwände wie den, dass die Erde mehr als eine Milliarde Menschen eigentlich nicht verkraftet, ­halte ich für ­absoluten Unsinn. Selbstverständlich müssen wir uns den Heraus­forderungen des Wachstums stellen. Aber anstatt Extrem-Szenarien zu beschreiben, sollten wir uns um eine gerechte Verteilung der Ressourcen bemühen.

Sie glauben also nicht, dass wir unsere natürliche Bevölkerungsgröße längst überschritten haben?

Dass wir so viele Menschen sind, ist ein Zeichen von verbesserten Lebensbedingungen - insbesondere im Bereich ­Gesundheit. Gerade die steigende Lebenserwartung und sinkende Kindersterblichkeit weltweit sind doch tolle Erfolge. Und auf lange Sicht führt das auch dazu, dass der Wunsch nach vielen Kindern zurückgeht - weil Eltern sicher sein können, dass ihre Kinder auch überleben. Diese Entwicklung braucht natürlich Zeit. Ich sehe allerdings eine große Herausforderung darin, einen nachhaltigen Lebensstil für alle Menschen zu erreichen.

Wenn man den ändert, könnte man ja zumindest den ökologischen Fußabdruck des Menschen verringern. Aber gegen die wachsende Bevölkerung kann ein Einzelner nichts tun, oder?

Nun, nicht direkt. Aber Sie könnten zum Beispiel spenden. Oder Sie können Anfragen ans Entwicklungsministerium stellen, um das öffentliche Interesse am Thema Bevölkerungswachstum deutlich zu machen. Aber tatsächlich wird schon diese Frage, was man konkret tun kann, viel zu selten gestellt. Denn das Bevölkerungswachstum wird meist als Tatsache ­gesehen, die nicht beeinflussbar ist. Und das stimmt nicht. Allein dass man die Weltbevölkerungsprojektionen immer wieder nach oben anpassen muss, zeigt schon, dass es keine vorgezeichnete Linie gibt. Die Entwicklung kann durch das, was wir heute tun, verändert werden. Das Ziel unserer Stiftung ist, den universellen Zugang zu Aufklärung und freiwilliger ­Familienplanung zu ermöglichen. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir einen wichtigen Beitrag zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums unter menschlichen Bedingungen leisten.