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DER SÄNGER

Singen heißt nicht siegen

(Foto: Foto: dpa)

Mit Leiermelodik bringen Fans ihr Team in Form - glauben sie

Singende Fußballfans erinnern Musikhistoriker an Urmenschen. Denn der Stadion- Gesang ist dem Ursprung von Musik und Sprache eng verwandt: dem Affektlaut, den Johann Gottfried Herder einst "wehklagendes Stöhnen" genannt hatte.

Mit diesem stimmlichen Signal, so vermuten Forscher, koordinierten die ersten Menschen anstrengende Arbeit in Gruppen. "Ein solcher Arbeitsgesang ist auch der Fangesang. Er soll die Leistung der Mannschaft steigern", erklärt Reinhard Kopiez, Musikpsychologe an der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

Als ästhetischer Beleg dafür gilt die so genannte Ruf-Terz, die in den meisten Fangesängen enthalten ist: Die Melodie folgt meist dem Vorbild des Kinderliedes "Backe, backe Kuchen" - "einem Terz-Quint-Sext-Modell", sagt Kopiez. Mit dieser Melodik sei jeder Mensch in der westlichen Hemisphäre von Kindheit an sozialisiert. Er kennt sie als Signal, das Handlung motiviert.

Entsprechend singen Fußballfans am häufigsten, um von der eigenen Mannschaft Leistung zu fordern - ein Ziel, das die Gesänge aber verfehlen, sobald es auf dem Fußballplatz nicht um konditionelle Tätigkeiten geht. "Beim Dauerlauf können Fangesänge helfen, aber wenn Spieler komplizierte Situationen erkennen müssen, kann der Gesang sie stören", sagt Kopiez, der das Buch "Fußball- Fangesänge" geschrieben hat.

Dennoch lässt der Fan das Singen nicht. Schließlich drückt es sein Gemeinschaftserlebnis auf den Rängen aus, das bestimmt ist von enttäuschten und erfüllten Erwartungen, "den stärksten emotionalen Reizen überhaupt, die affektiv verarbeitet werden", sagt Kopiez.

Im Gesang setzten die Fans ihre Affekte ins erleichternde Gruppenerlebnis um - auch dann, wenn das Spiel durch Aktionslosigkeit enttäuscht. In diesem Fall hält das Singen die motivierende Stimmung aufrecht. Häufig kommt es in solchen Situationen auch zu Sängerwettstreiten zwischen Anhängern unterschiedlicher Teams.

Dadurch entstehen Innovationen im Fangesang, wie sich vor allem nach internationalen Begegnungen feststellen lässt. So kam der Fangesang erst 1974 nach Deutschland - offenbar aus Großbritannien, wo die Fans bereits seit 1963 singen. Was die Fans der deutschen Nationalelf bei der diesjährigen WM von ihren Gegnern lernen, wird man einige Monate später bei Bundesligabegegnungen in den deutschen Stadien hören, sagt Kopiez.

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