Süddeutsche Zeitung

Türkischer Kreationismus:Feldzüge fürs ewige Kaninchen

Viel Geld ist im Spiel und viel Macht über Menschen, wenn der einflussreichste muslimische Kreationist Adnan Oktar mit seinen Büchern gegen Darwin kämpft.

Kai Strittmatter, Istanbul

Dafür, dass er die Welt für bloße Illusion hält, dafür trägt der Mann, der nun auf das Boot springt, einen in der Istanbuler Sonne erstaunliche Blendwirkung entfaltenden Anzug: weiße Rohseide von Hals bis Fuß, aus Gold die Gürtelschnalle, die Manschettenknöpfe und die Krawattennadel. Schneeweißes Hemd unter schneeweißer Krawatte.

Um ihn flatternd ein Pulk von eilfertig die Hälse reckenden jungen Beschattern, fast alle in spitzen Lederschuhen und gestreiftem Tuch. Auch nimmt er sein Thema verdammt ernst, und uns alle dazu, die er auf den Bosporus geladen hat, dafür, dass für ihn das Universum nichts ist als ein Schatten und alle Materie nur Einbildung. "Ich bin Wissenschaftler. Haben Sie keine Angst", sagt er, "im Grunde ist es ganz einfach". Über den gestreiften Anzügen geht ein Lächeln auf. Wir haben nun drei Stunden.

Auf einem Boot mit Adnan Hodscha, mit "Meister Adnan", wie ihn manche Zeitungen hier nennen, nicht alle in ehrerbietigem Ton. Adnan Oktar heißt der Mann mit vollem Namen, manchmal auch Harun Yahya, so nennt er sich in seinen Schriften. Oktar alias Yahya ist einer der meistgedruckten Autoren der Türkei, und wem der Name kein Begriff ist, der wird vielleicht bald über ihn stolpern, denn auch wenn die Welt nur Blendwerk ist, so hat sie es doch verdient, dass ihr einer die Wahrheit ausrichtet. Nehmen wir die schlimmsten Verbrecher des letzten Jahrhunderts: Hitler, Stalin und Mao. Was ist ihnen gemein?

"Sie alle waren Darwinisten", sagt Adnan Oktar. Also: "Die Wurzel von Kommunismus und Faschismus ist die Lehre Darwins." Wie Darwins Ideen auch schuld sind am Freimaurertum, am wildgewordenen Kapitalismus und, ja, auch am Terror der PKK.

Der 100-Dollar-Atlas

Adnan Oktar wiederum ist der Mann, der der Welt den Darwin austreiben möchte, damit sie endlich in Frieden leben kann. Wie gesagt, im Grunde ist es ganz einfach: "Wenn es so etwas wie eine Evolution gegeben hätte, dann stünde sie im Koran." Und für jene, denen das zu einfach ist, hat Oktar nachgelegt: "Ich habe Darwin widerlegt", sagt er. Es haben nur noch nicht alle gemerkt. Auch deshalb treiben nun ein paar eingeladene Journalisten auf dem Bosporus, hinter sich im Regal die Werke des Meisters: "Die Steinzeit - eine historische Lüge".

Andere wiederum, die haben es gemerkt, und auch das erfordert ein paar klärende Worte jenes Mannes, der sonst die Öffentlichkeit scheut. Sein markantes Profil, der streng nach hinten gekämmte Grauschopf, der akkurat gestutzte Kinn- und Backenbart - Oktar wirkt ein wenig wie einer jener K.u.K.-Diplomaten, die in den alten Schwarzweiß-Filmen beim Defilee in Wien der Kaiserin die Hand küssen. Nur dass er statt Monokel eine schnittige Sonnenbrille trägt.

"Sie sind darüber in Panik geraten", sagt Adnan Oktar. "'Das Buch ist so beeindruckend', haben sie gesagt, 'das müssen wir verbieten'". Das wären die Franzosen. Oktar nippt an einem Glas mit Kirschsaft. "Aber kann man die Sonne verbieten?" Das wäre Adnan Oktar. Oder Harun Yahya. Oder seine Ideen, die er verpackt hat in einem "Atlas der Schöpfung", ein Werk so mächtig, dass man es junge Schüler nicht ohne Aufsicht möchte stemmen lassen: Sie könnten sich einen Rückenschaden zuziehen.

Das Buch hat in Frankreich im Frühjahr für Wirbel gesorgt: Wie aus dem Nichts plumpste es auf die Schreibtische von Lehrern, Schuldirektoren, Bibliothekaren und Redakteuren. Zigtausendfach. 800 Seiten Hochglanz, sechs teure Kilo, eine einfache Botschaft: Darwin lügt. Es gab nie eine Evolution. Gott hat die Welt erschaffen, und zwar auf einen Schlag. Seite für Seite die irritierend simple Beweisführung.

Foto links: versteinerter Kaninchenknochen, Foto rechts: kuscheliges Kaninchen. Text: "Die Kaninchen, die vor 38 Millionen Jahren gelebt haben und die Kaninchen von heute unterscheiden sich nicht. Das beweist, dass Kaninchen nie der Evolution unterlagen, sondern geschaffen wurden." Auf der nächsten Seite ein Rehkitz, der gleiche Text. So geht das 600 Seiten.

Dann der Anhang: Der Darwinismus ist die Wurzel allen Übels und die Welt nichts als Einbildung. Warum ihm ein eingebildeter Darwin überhaupt Kopfweh bereiten sollte, erfährt der Leser nicht wirklich, dafür aber die Antwort auf die großen Fragen: Gott allein existiert, im Islam allein finden wir Rettung.

Die französische Presse war in heller Aufregung. Wer steckt hinter diesem flächendeckenden Bombardement? Woher haben die so viel Geld? Christliche Evolutionsgegner, alter Hut, aber muslimische Kreationisten - seit wann gibt es die denn?

Die Regierung in Paris bestellte eine Untersuchung, der Biologe Herve Le Guyader kam zum Schluss, die Melange aus Islamismus und vorgeblicher Wissenschaft erscheine ihm "extrem gefährlich": Nur wenige Schüler besäßen die "intellektuelle Ausrüstung", die aufwendig präsentierten Scheinargumente zu widerlegen. Absender der Bücher war die türkische "Wissenschafts- und Forschungsgesellschaft" BAV, jene Organisation, deren "Ehrenvorsitzender" Adnan Oktar ist.

Frankreich, erklärte die BAV, habe man deshalb zum Ziel genommen, weil es die Heimat von Voltaire, Rousseau und Jean-Paul Sartre sei, also jener Denker, die verantwortlich seien für "die perversesten Ideen gegen heilige Dinge." Auf dem Boot sitzt Adnan Oktar und fragt spitz: "Werden sie unsere Bücher nun verbrennen?"

Die wandernden Fossilien

Dass Muslime es den christlichen Fundamentalisten gleichtun und organisierte Kampagnen gegen die Lehre von der Evolution starten, ist relativ neu. Zwar wird die Erde auch im Koran in sechs Tagen erschaffen, anders als die Bibel schweigt sich der Koran jedoch über Details und Daten aus.

So hatten die meisten Muslime nie ein Problem damit, Millionen von Jahren Erdgeschichte in ihr Weltbild zu integrieren. Es ist etwa zwei Jahrzehnte her, dass die Kreationisten- PR aus den USA auch in muslimische Kreise überschwappte. Vor allem in der Türkei. Offiziell ist das Land eine säkulare Republik. 1985 jedoch, kurz nach dem letzten Militärputsch, als der Staat den Türken mit Hilfe der Religion linke Ideen austreiben wollte, da fand der Kreationismus Eingang in die Lehrpläne der Schulen.

Und heute? Eine Umfrage 2006 ergab, dass nur jeder vierte Türke die Evolution für eine Tatsache hält, fast die Hälfte zweifelt sie an. Und Hüseyin Celik, immerhin Erziehungsminister, verteidigte im November in einem Interview mit CNN-Türk die ebenfalls von amerikanischen Evolutionsgegnern erdachte Hypothese des "Intelligenten Design", die an den Anfang alles Seins einen intelligenten Schöpfer stellt. "Die Evolutionstheorie überlappt mit Atheismus", sagte der Minister. Da nur ein Prozent der Türken Atheisten seien, sollte das "Intelligente Design" in die Schulbücher.

"Die Türkei ist zum Hauptquartier des Kreationismus im Mittleren Osten geworden", meint Haluk Ertan, ein Genetiker an der Istanbul-Universität. Er gibt zum einen dem Bildungssystem Schuld: "Keiner bringt den Schülern rationales Denken und Hinterfragen bei." Und dann ist da der Feldzug von Kreationisten wie Oktar. "Sie sind so erfolgreich, weil sie so viel Geld einsetzen", sagt Ertan. "Sehen Sie sich den Atlas an. Ein Stück kostet bestimmt 100 Dollar. Die geben Millionen aus. Woher haben sie das Geld?"

Es gibt andere muslimische Kreationisten in der Türkei. Aber keiner ist so erfolgreich wie Adnan Oktar, der von "Intelligentem Design" nichts hält. Er vertritt einen simplen Kreationismus alter Schule, der sich Argumente und Beweismaterial bei den fundamentalistischen Instituten in den USA borgt: eine merkwürdige Koalition der Extremen in Christentum und Islam. Vielleicht hilft ihm bei seiner Wirkung sein betonter Nationalismus.

Ganz sicher die Durchschlagkraft seiner Organisation, die nicht wenige eine Sekte nennen. "Adnan Oktar ist ein Kultführer", sagt Edip Yüksel. "Seine Organisation funktioniert wie der Scientology-Kult. Er lockt junge, reiche Leute an, er nimmt ihnen Freiheit und Würde und beutet sie aus."

Edip Yüksel kennt Adnan Oktar aus der Zeit Mitte der 80er Jahre, als Oktar sein Architekturstudium abbrach und begann, Mitstudenten um sich zu scharen, denen er seine Version des Islam predigte. Yüksel selbst hatte damals seine ersten Bestseller über den Koran veröffentlicht. "Adnan war besessen von der Idee, junge reiche Leute in teuren Kleidern zu rekrutieren. Er ist nicht dumm, er ist ein Virus, der direkt das Hirn einer Gesellschaft angreift. Was Organisation angeht, ist er smart, ein Meister der Manipulation", sagt Edip Yüksel. "Als ich entdeckte, dass er sich für den Mahdi hielt, den von vielen Muslimen erwarteten Messias, brach ich den Kontakt ab."

Edip Yüksel lebt heute in den USA. Er ist Anwalt, schreibt Bücher über progressiven Islam und hält Kontakt zu Aussteigern aus Oktars Gruppe, mit denen er Webseiten über die Praktiken Oktars betreibt. "Diese Menschen sind traumatisiert", erzählt Yüksel, "er erfindet Geschichten über sie, schüchtert sie ein, erpresst sie. Manchmal arbeitet seine Organisation mit mafiösen Methoden. Er hat 400 bis 500 Leute, die 24 Stunden für ihn da sind, seine Bücher schreiben, die schmutzige Arbeit erledigen. Er ist ihr Gott, sie geben ihm alles."

"Unterstützung konservativer Kreise"

Mehrmals schon stand Adnan Oktar vor Gericht, er wurde stets frei gesprochen. Erst am 18. Mai jedoch entschied das Oberste Gericht in Ankara, dass ein laufender Prozess gegen seine Organisation nicht wegen Verjährung eingestellt werden dürfe. Die Anklage laute auf "Bedrohung und Einschüchterung" kritischer Journalisten, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu. Unter anderem sollen die Oktar-Anhänger Journalisten als "sexuell entartet" verleumdet haben, Fotomontagen seien an Verwandte und an öffentliche Institutionen geschickt worden. "Trotzdem genießt der Mann weiter die Unterstützung konservativer Kreise", sagt Edip Yüksel.

Tatsächlich organisiert Oktars BAV überall im Land Konferenzen. Ihre wandernden Fossilien-Ausstellungen sind nicht nur in Restaurants zu sehen, sondern auch auf gemeindeeigenem Gelände wie in der Istanbuler Tünel-Metrostation. Acht Millionen Mal will Adnan Oktar seine mehr als 250 Bücher schon verkauft haben. "Eine Millionen Downloads im Monat", verkündet stolz Altay Eti vom Verlag "Global Publishing". Der Verlag hat nur einen Autor im Programm: Harun Yahya. Längst auch auf Urdu, Indonesisch und Deutsch.

In Baden-Württemberg fand Harun Yahya, dessen Bücher unter frommen Auslands-Türken kursieren, schon Eingang in den Verfassungsschutzbericht: Wegen seines alten Buches "Die Holocaust-Lüge". Der Titel ist mittlerweile aus dem Programm gefallen, der Nachfolge-Band heißt "Das Grauen des Holocaust". Hier leugnet Oktar den Genozid nicht mehr und weist den Verdacht des Antisemitismus von sich, um sodann ein "geheimes Bündnis" zwischen Nazis und "radikalen Zionisten" zu enthüllen, welches einen "jüdischen Rassismus" geschaffen habe, der den Nahen Osten in Blut ertränke.

Die Prozesse, die Vorwürfe - Adnan Oktar sagt, das sei "normal", wenn einer die Welt mit seinen Ideen erschüttere: "Jedem großen Denker passiert so etwas." Mit Freude erfülle ihn derweil, wie der Papst manche seiner, Oktars, Gedanken übernehme. Steht er einer Sekte vor? "Um mich herum sind nur Freunde, nur Brüder." Hält er sich für den Messias? "Es ist eines der großen Zeichen des Mahdi", steht auf seiner Webseite, "dass er nie behaupten wird, der Mahdi zu sein". Müssen kritische Journalisten ihn fürchten? "Manche Mitglieder der Presse denken, ich hegte negative Gefühle für sie. Aber das stimmt nicht". Oktar streicht sich über den Bart: "Ich denke, Gott hat jedem sein Schicksal vorbestimmt."

Das Boot nähert sich dem Ufer. Adnan Oktar hebt sein Glas. Wer die Zeichen zu deuten wisse, sagt er, der sehe um uns herum die Geburtswehen des Goldenen Zeitalters. "Ich hoffe" - Oktar blickt in die Runde - "dass wir gemeinsam bald das Ende der Zeiten erleben werden. Vielen Dank." Wir legen an. Der Pulk gestreifter Anzüge bildet einen Ring um zwei bereitstehende Limousinen. Der Mann in Schneeweiß springt in den schwarzen Mercedes, von hinten braust ein Landrover heran, um Deckung zu geben. Die Kolonne stiebt davon.

Auf dem Regal an Deck prangt noch immer der "Atlas der Schöpfung": Deutsche Version, eben fertiggestellt. "Wissenschaft kennt keine Grenzen", hatte der Meister gesagt.

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Quelle:
SZ vom 9.7.2007
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