Süddeutsche Zeitung

Artenschutz:An der Nordsee sterben massenhaft Seevögel

  • In den vergangenen vier Wochen sind rund 20 000 verstorbene Trottellummen an der niederländischen Nordseeküste angespült worden. Die taubengroßen Hochseevögel überwintern dort.
  • Die Ursache des Massensterbens ist unklar. Medizinische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die toten Vögel stark unterernährt waren.
  • Das Frachtschiff MSC Zoe hatte in der betroffenen Region während eines Sturms im Januar Container verloren, von denen einige gefährliche Chemikalien enthielten.

Spaziergänger an der niederländischen Küste machen derzeit häufiger eine traurige Entdeckung: Seit vier Wochen werden in großer Zahl tote oder sterbende Seevögel an die Strände geschwemmt. Fast immer sind es Trottellummen, gut taubengroße Hochseevögel, die derzeit in der Nordsee überwintern und normalerweise nur zum Brüten an Land kommen.

Das Massensterben der Trottellummen alarmiert Wissenschaftler und die niederländische Regierung. "Das Ausmaß ist gravierend, etwas Ähnliches hatten wir Jahrzehnte nicht", sagt Mardik Leopold von der Universität Wageningen. Zwar gebe es immer wieder Todesfälle unter Seevögeln, auch in größerer Zahl. "Aber dass so viele Vögel auf so kleinem Raum gefunden werden, können wir nicht erklären", sagt der Biologe, der im Auftrag der niederländischen Regierung die Ursachenforschung koordiniert.

In der Region sind Gift-Container eines Frachschiffs versunken

Bislang sind seinen Schätzungen zufolge 20 000 Lummen betroffen. "Etwa ein Vogel pro Tag und Kilometer - und es hört nicht auf." Über die Ursachen rätseln die Wissenschaftler. "Jede unserer Arbeitshypothesen hat immer einen Haken", räumt Leopold ein. So auch die Vermutung, der Lummentod hänge mit der Havarie des Superfrachters MSC Zoe im Januar zusammen. Das Schiff hatte im Sturm vor der niederländischen Küste 345 Container verloren, von denen viele - auch zwei mit gefährlichen Chemikalien - bis heute nicht geborgen werden konnten.

Geografisch würde die Havarie mit dem Lummensterben zusammenpassen. Aber wenn das Gift - oder auch verschluckte Plastikteile - aus den Containern die Ursache ist: Warum trifft es dann nur Trottellummen und nicht andere Hochseevögel, die zu Tausenden im gleichen Gebiet überwintern? "Ich kann mir kein Gift vorstellen, das nur eine Vogelart trifft", bekennt auch Leopold skeptisch.

Bislang haben die Forscher 16 Lummen seziert, um die Todesursachen zu finden. Gewissheit brachte dies zwar nicht, aber einige Hypothesen können nun verworfen werden. Die Vögel waren nicht mit Öl verschmutzt, es konnten keine Gifte nachgewiesen werden, und die Tiere hatten kein Plastik im Magen. Aber: Alle waren extrem abgemagert und zeigten Anzeichen, verhungert zu sein. Das Magen-Darm-System befand sich häufig in Auflösung, eine typische Erscheinung, wenn verhungernde Tiere beginnen, die eigenen Innereien zu verdauen. Fanden die Lummen in der stürmischen See nicht ausreichend Fisch? "Massensterben bei Vögeln sind normalerweise durch Nahrungsmangel ausgelöst. Aber wir hatten keine besonders starken Stürme. Das Wetter kann das nicht erklären", sagt Leopold. "Wir haben keinen rauchenden Colt gefunden", bilanziert er die bisherigen Sektionsergebnisse.

Trottellummen tauchen bis zu 180 Meter tief

Zu den Rätseln gehört auch, dass das Vogelsterben nicht im gleichen Ausmaß auf die angrenzenden deutschen Küstengebiete übergreift. Zwar melden auch die Behörden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein eine höhere Zahl von tot aufgefundenen Trottellummen als üblich. "Aber die Zahl ist noch nicht besorgniserregend", sagt der Leiter des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, Peter Südbeck. Ähnliches berichtet Christian Wiedemann von der schleswig-holsteinischen Nationalparkbehörde. Auf rund 70 Vögel beziffert er die Totfunde der vergangenen Wochen. "Wir scheinen uns bisher nur im Randbereich dieses Phänomens zu befinden." Auch einige der in Deutschland tot aufgefundenen Lummen sollen aber genauer untersucht werden. 30 Vögel will man in den kommenden Tagen sezieren.

Auch im einzigen deutschen Brutgebiet der Trottellummen auf Helgoland gibt es bislang nicht außergewöhnlich viele verendete Exemplare. Zählungen ergaben, dass sich dort bereits bis zu 4000 Vögel nahe dem Brutfelsen aufhalten. Die Zahl der Brutpaare steigt leicht. Seien es früher 2000 bis 2500 Paare gewesen, betrage die Zahl aktuell 3000 Paare, sagt Jochen Dierschke, der Leiter der Inselstation des Instituts für Vogelforschung Wilhelmshaven.

Ihrem Namen werden Trottellummen übrigens - wenn überhaupt - nur an Land gerecht, wo ihre für das Leben auf hoher See geformten Körper unbeholfen wirken und auch wegen ihrer aufrechten Haltung und ihrer Schwarz-Weiß-Färbung an Pinguine erinnern. Die Vögel laufen auf den Fußwurzeln statt auf Zehen, weshalb ihr Gang "trottelig" wirkt. Im und unter Wasser sind die Vögel wahre Bewegungskünstler. Wie Pinguine "fliegen" sie, angetrieben von Füßen mit Schwimmhäuten und kurzen Schlägen der kräftigen Flügel in Stromlinienform torpedoschnell unter Wasser auf der Jagd nach Fischen und Krebsen. Tauchgänge in 180 Meter Tiefe sind dabei keine Seltenheit.

"Das Weltnaturerbe Wattenmeer steht unter immensem Druck"

In den Niederlanden erhoffen sich die Wissenschaftler nun von einer groß angelegten Autopsie mehr Erkenntnisse. Unter Beteiligung von Biologen, Tierärzten, Toxikologen und Virologen sollen noch in dieser Woche 100 weitere tote Vögel seziert werden. Auch eine besonders gefürchtete mögliche Ursache soll abgeklärt werden: Aviäre Influenza, die Vogelgrippe. "Auch wenn wir hier bisher keine konkreten Hinweise darauf haben, ist die Aviäre Influenza als Vogelkiller gut bekannt", sagt Leopold. Negative Auswirkungen auf den Gesamtbestand von Trottellummen in Europa erwarten Experten aber durch das Lummensterben nicht, vorausgesetzt, es bleibt beim derzeitigen Ausmaß. Bei einem europaweiten Bestand von mehr als zwei Millionen Paaren sei der Verlust von 20 000 Tieren für die Population verkraftbar.

In den Niederlanden hat das Vogelsterben dennoch eine Diskussion über die Gefahren für das Ökosystem Wattenmeer ausgelöst. Auch Nationalpark-Chef Südbeck warnt. Selbst wenn beispielsweise die meisten Schiffshavarien bislang glimpflich verlaufen seien: "Das Weltnaturerbe Wattenmeer steht unter immensem Druck, die Situation ist durchaus dramatisch." Erfolgen bei der Verbesserung der Schiffssicherheit stehe ein ständiges Wachstum des Schiffsverkehrs gegenüber. "Diesmal heißt die Beinahe-Katastrophe MSC Zoe, im vergangenen Jahr hieß sie Glory Amsterdam und davor Katja", erinnert Südbeck an die jüngsten Schiffshavarien. "Wir müssen ungeheuer aufpassen."

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SZ vom 13.02.2019
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