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Interview am Morgen: Brandrodungen:"Ein Streichholz, und der Wald brennt"

In Bolivien sollen dieses Jahr mehr als fünf Millionen Hektar Trockenwälder verbrannt sein.

(Foto: AFP)

In Südamerika verbrannten dieses Jahr neben Regenwald Millionen Hektar tropische Trockenwälder. Botaniker Klaus Mummenhoff erklärt, was diesen Lebensraum so einzigartig macht - und warum er einer der weltweit gefährdetsten ist.

Der Botaniker Klaus Mummenhoff von der Uni Osnabrück forscht an der Schnittstelle zwischen Evolutionsbiologie und Ökologie. Zudem beschäftigt er sich seit 25 Jahren mit tropischen Trockenwäldern - einem Ökosystem, das durch Brandrodungen derzeit stark bedroht ist.

SZ: Bei den Tropen denken die meisten an dichten Dschungel, Regenwald. Sie beschäftigen sich dagegen seit mehr als 20 Jahren mit tropischen Trockenwäldern. Was fasziniert Sie so daran?

Klaus Mummenhoff: Mich fasziniert die Anpassung von Arten an diesen Extremstandort. Typisch für einen tropischen Trockenwald ist der Wechsel von ausgeprägten Regen- und Trockenzeiten. Die Jahresmitteltemperaturen betragen 24-30°C mit Spitzen bis zu 43°C. Während es in der Regenzeit sehr nass ist und das Gebiet an einen Tieflandregenwald erinnert, liefert der Wald in der Trockenzeit ein völlig anderes Bild. Die meisten Baumarten werfen als Verdunstungsschutz in dieser Zeit ihr Laub ab und viele Bäume blühen und fruchten. Trockenwälder gibt es auf allen Kontinenten und sie gelten als die am stärksten bedrohten tropischen Ökosysteme - vor Tieflandregenwäldern, Mangroven und Korallenriffen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Welche Pflanzen machen diese Ökosysteme aus?

Diese Wälder sind neben vielen Baum-, Strauch-, Lianenarten und einigen Kakteen und Aufsitzerpflanzen auch reich an Tierarten. Allein in Costa Rica leben in Trockenwäldern 76 verschiedene Reptilien und Amphibien, 270 Vogelarten, 117 Säugetierarten und über 13 000 Insektenarten. Es gibt Bäume mit einer dicken feuerresistenten Borke, Bäume, die auch nach dem Blattabwurf mithilfe ihrer grünen Stammoberflächen Fotosynthese betreiben und solche mit ausgeprägtem Wasserspeichergewebe. Einige dieser Bäume können in ihren Stämmen Hunderte Liter Wasser speichern.

Zuletzt waren die Tropen wegen der verheerenden Brände in Südamerika in den Schlagzeilen. Wie gefährlich ist Feuer für Trockenwälder?

Trockenwald eignet sich sehr gut zur Brandrodung. In der Trockenzeit bedeckt ein Teppich aus trockenem Laub den Waldboden. Dann braucht es nur noch ein Streichholz, und der Wald brennt. Das war in diesem Jahr weniger in Brasilien der Fall, aber in Bolivien. Berichtet wurde ja in den Medien zumeist über Brasilien. Dort verbrannten etwa 1,25 Millionen Hektar, zumeist Tieflandregenwald. In Bolivien verbrannten dagegen schätzungsweise bis zu 5,3 Millionen Hektar - und das waren vorwiegend Trockenwälder. Zehntausende Bolivianer warfen der Regierung um Evo Morales vor, mit der Förderung der Umwandlung von Wald in Rinderweiden und Ackerflächen die Basis für viele außer Kontrolle geratene Brände bereitet zu haben und demonstrierten im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Oktober 2019 gegen die Regierung. Denn die Brände wurden größtenteils von Menschen gelegt - um Platz für Viehweiden und den Anbau von Soja, Zuckerrohr, Chia und Sonnenblumen zu schaffen.

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Wer hat denn da Druck gemacht?

Vor allem die betroffene lokale Bevölkerung, aber auch gebildete Bevölkerungsschichten in ganz Bolivien protestierten gegen diese destruktive Politik. Während die Großgrundbesitzer an den ganz großen Flächen interessiert sind, haben die in der Regel nur für den Eigenbedarf produzierenden Kleinbauern eher keinen Anteil am Export - und auch kein Interesse an großflächigen Brandrodungen. Das ist aber die größte Gefahr für dieses Ökosystem: Der Bedarf an Flächen für die Rinderzucht, aber auch den Futtermittelanbau für die intensive Tiermast weltweit.

Liegt das nur an der leichten Entflammbarkeit?

Schon vor Hunderten Jahren ist es in den Trockenwald-Gebieten zu Brandrodungen gekommen. In der Trockenzeit ist der Wald nicht nur leichter zu roden, es können auch leichter Güter transportiert werden, das Klima ist günstig und die Böden sind relativ fruchtbar. So haben bereits prä-kolumbianische Kulturen wie die Inka auf gerodeten Trockenwaldflächen Mais, Tomaten, Bohnen und Erdnüsse angebaut. Somit sind die Anfänge der Zivilisation in Süd- und Mittelamerika wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Trockenwäldern zu sehen.

Ist dieses Ökosystem denn schon weitgehend erforscht?

Sicher nicht. Das liegt daran, dass deutlich mehr Forschergruppen im Tieflandregenwald arbeiten als im Trockenwald. Es sind aber auch nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Flächen vorhanden. Wenn der Mensch nicht eingegriffen hätte, würden tropische Trockenwälder in großen Teilen der Tropen dominieren. Fast der ganze zentrale und südliche Teil Indiens würde vom Klima her vorwiegend Trockenwälder tragen - aber von denen ist nicht mehr viel übrig. Bis auf einige Fragmente wurde der Wald im letzten Jahrhundert gerodet. Das ist das generelle Problem: Es gibt weltweit keine größeren zusammenhängenden Trockenwaldflächen mehr - so wie es beispielsweise für den amazonischen Tieflandregenwald der Fall ist. Diese Fragmentierung erschwert den Schutz über Landesgrenzen hinaus.

Die leuchtend gelben Blüten von Tabebuia ochracea (Goldtrompetenbaum) sind in den laublosen Kronen in der Trockenzeit weithin für potentielle Bestäuber sichtbar.

(Foto: D. Janzen/W. Hallwachs)

Wie sähe ein wirksamer Schutz denn aus?

Kleinräumig habe ich das in Costa Rica gesehen. Die Flächen müssen streng geschützt werden. Verbote von Jagd und Brandrodung sowie ein aktives Feuermanagement, also das kontrollierte Abbrennen von Grasflächen und die konsequente Bekämpfung von Waldbränden, sind wichtige Schritte. Kleinere Bestandslücken können sich dann selbstständig aus den benachbarten reiferen Waldgebieten regenerieren. Weit auseinander liegende Waldinseln müssen mit biologischen Korridoren verbunden werden, um Lebensräume zu vernetzen und den Austausch genetischer Ressourcen zu ermöglichen. Außerdem versucht man, die lokale Bevölkerung mit einzubeziehen. Sie werden als Ranger in den Schutzgebieten und Nationalparks eingesetzt, kontrollieren und bekämpfen Feuer und brennen aggressive invasive Gräser nieder.

Aus illegal gefällten Bäumen entsteht teilweise auch Holzkohle. Können Verbraucher das erkennen?

Es taucht immer wieder Holzkohle auf, die aus Tropenholz hergestellt wurde. Es ist nur schwer nachzuverfolgen, ob Holzkohle aus Plantagenholz oder geschützten Waldbäumen hergestellt wurde. In Namibia gibt es ein interessantes Projekt, bei dem man die Holzkohle nur aus invasiven Gehölzen herstellt, die für das heimische Ökosystem schädlich sind. Aber lässt sich das im Einzelnen immer überprüfen? Wenn man unbedingt Holzkohle verwenden möchte, dann sollte man zumindest auf ein seriöses Gütesiegel achten, Holzkohle aus heimischen Forsten oder alternative Grillkohle z.B. aus Olivenkernen verwenden- oder einen Gasgrill.

Die Regenwälder gelten als die Lunge der Welt. Haben die Trockenwald-Ökosysteme denn auch eine überregionale Bedeutung?

Unter dem Gesichtspunkt der steigenden Temperaturen und vermehrten Dürren wäre es auf jeden Fall wichtig, wenn wir weltweit solche gut angepassten Wälder stärker schützen würden. In Deutschland ist ja die Diskussion in vollem Gange, wie wir unsere Wälder für den Klimawandel wappnen, indem wir zum Beispiel mehr Dürre resistente Baumarten anpflanzen. Derartige Bäume aus tropischen Trockenwäldern eignen sich natürlich nicht für unsere heimischen Wälder, aber vielleicht können sie ja von zunehmender Dürre bedrohte Wälder in wärmeren Klimazonen stabilisieren. In jedem Fall ist der tropische Trockenwald ein einzigartiges Biom, das schon aus sich heraus Schutzstatus genießen sollte.

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