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Ökologie:Stress in den Tropen

Korallenriff - Great Barrier Reef

Im Great Barrier Reef vor Australien sterben die Korallen.

(Foto: dpa)
  • Das Artensterben in den Tropen ist nicht auf Korallenriffe beschränkt.
  • Mit ähnlichen Problemen haben auch Ökosysteme in Regenwäldern zu kämpfen.
  • Artenschwund und Klimawandel dürften nicht getrennt betrachten werden, mahnen Experten. Beides gemeinsam gelte es zu bekämpfen.

Eines der prominentesten Opfer des Klimawandels ist das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australiens. Doch die Artenvielfalt geht nicht nur dort zurück, sondern überall in den Tropen. Der Grund dafür ist einer aktuellen Untersuchung zufolge nicht nur der Klimawandel, sondern ein fataler Mix von Faktoren, die sich gegenseitig verstärken und so den Lebewesen in den Tropen schwer zusetzen (Philosophical Transactions of the Royal Society).

Das hat Konsequenzen für die ganze Erde, denn in den Tropen befinden sich die beiden Ökosysteme mit der weltweit größten Artenvielfalt: Regenwälder und Korallenriffe. In den tropischen Wäldern leben mehr als zwei Drittel aller Landlebewesen, obwohl sie weniger als zwölf Prozent der eisfreien Erdoberfläche bedecken. Und nirgendwo in den Ozeanen gibt es so viele verschiedene Arten wie in den tropischen Korallenriffen, die etwa 0,1 Prozent der Meeresfläche ausmachen.

Ein internationales Forscherteam um den Ökologen Filipe França, der an der britischen Lancaster University und an der Embrapa Amazônia Oriental - einem Forschungsinstitut im brasilianischen Belém - arbeitet, hat Daten von mehr als hundert Orten ausgewertet, an denen Regenwälder und Korallenriffe geschädigt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass diese beiden extrem unterschiedlichen Ökosysteme durchaus mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ein großes Problem für beide sind etwa extreme Wetterereignisse wie Stürme und große Hitze, die in Zeiten der Klimakrise zunehmen.

Hitzewellen erwärmen das Flachwasser an Riffen. Und sie begünstigen Waldbrände. In beiden Fällen leiden die dort lebenden Tiere und Pflanzen.

Hitzewellen beispielsweise erwärmen nicht nur die Luft, sondern auch das flache Wasser, in dem die Korallen leben - manchmal innerhalb kürzester Zeit um mehrere Grad Celsius. Als Folge bleichen die Korallen aus, was wiederum dazu führt, dass auch viele von ihnen abhängige Fische sterben. In den tropischen Wäldern begünstigen Hitzewellen Waldbrände, was die dort lebenden Tiere und Pflanzen oft ebenfalls drastisch dezimiert.

Im Fall der Regenwälder beeinträchtigt die mit der Hitze einhergehende Trockenheit zudem die Fähigkeit des ganzen Ökosystems, sich nach einem Waldbrand wieder zu regenerieren. Das konnten die Studienautoren am Beispiel des Gebiets rund um die brasilianische Stadt Santarém zeigen, wo zum Jahreswechsel 2015/2016 eine große Dürre herrschte. Zusätzlich zu den Waldbränden reduzierte die Hitzewelle dort auch die Aktivität von Mistkäfern. Diese Insekten rollen neben dem Kot von Tieren auch Pflanzensamen durch die Gegend, tragen so zu ihrer Verbreitung bei, und forsten auf diese Weise den Wald nach einem Brand wieder auf. Das Beispiel zeige, dass Biodiversität wichtig ist, um Ökosysteme widerstandsfähig gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen, schreiben die Studienautoren. Umso schlimmer wirkt sich aus, dass der Mensch die Arten sowohl in Regenwäldern als auch in Korallenriffen zusätzlich dezimiert. "Viele lokale Bedrohungen wie Abholzung, Überfischung und Verschmutzung reduzieren die Biodiversität dieser Ökosysteme", sagt Studienautor Filipe França. Wegen dieser Zusammenhänge sei es wichtig, Artenschwund und Klimawandel nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern beides gemeinsam zu bekämpfen.

© SZ vom 28.01.2020/pai

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