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Meteorologie:Wie das trockene Frühjahr die Natur belastet

Waldbrandgefahr in Baden-Württemberg

Eine Investition in den Wald gilt als wertbeständig, gewinnbringend und nachhaltig. Risiken werden bei dieser Geldanlage oft ausgeblendet.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Vor allem Wälder sind durch den Niederschlagsmangel gefährdet.

Von Marlene Weiß

Regen, das wirkt nach den vergangenen Wochen wie ein Phänomen aus ferner Vergangenheit. Selbst wenn mal ein paar Tropfen fallen, scheinen sie auf dem trockenen Boden geradezu zu verdampfen. Steuert Deutschland also in eine Dürre, ähnlich wie schon 2018 und 2019? Tatsächlich waren die zweite März- und die erste Aprilhälfte außergewöhnlich trocken. Über diesen Vier-Wochen-Zeitraum fielen in Deutschland nur wenige Liter Regen pro Quadratmeter. Es ist zwar eine verbreitete Fehlwahrnehmung, dass der April besonders regenreich zu sein hätte: Es ist ein eher trockener Monat, viel mehr Niederschlag fällt im Schnitt im Sommer. Aber üblich wären über den Monat 50 bis 60 Liter pro Quadratmeter, davon ist der April derzeit weit entfernt. In den vergangenen Jahren war das ein häufiges Muster: Seit zehn Jahren fiel jeder April zu trocken aus, oft war es letztlich sogar der trockenste Monat im Jahr - normalerweise sollte das der Februar sein. Den Negativrekord hält bislang der April 2007 mit deutschlandweit vier Litern Regen pro Quadratmeter.

Zudem ist es für die Jahreszeit aktuell im Schnitt rund zwei Grad Celsius zu warm, sodass noch mehr Wasser verdunstet als üblich. Obendrein ist die Luft ungewöhnlich trocken. Der Grund für Letzteres ist eine hartnäckige Ostströmung: Zwischen einem Hoch über Südskandinavien und einem Tief über dem Mittelmeerraum wird derzeit statt feuchter Atlantikluft viel kontinentale, trockene Luft aus Russland herangeschaufelt. Im Ergebnis liegt die Luftfeuchte in Deutschland statt bei 40 bis 50 Prozent oft eher bei 20 bis 30 Prozent.

Zusammen mit Niederschlagsmangel und Hitze führt das unter anderem zu großer Waldbrandgefahr. Bereits jetzt gilt in weiten Teilen Brandenburgs und entlang der Elbe sowie in Teilen von Südhessen, Baden-Württemberg und Bayern die höchste Waldbrandgefahrenstufe fünf.

Trotz alledem ist die Situation zumindest für die Landwirtschaft in großen Teilen des Landes noch erträglich. Nach dem feuchten Winter, der mit einem sehr nassen Februar endete, sind die Böden in der Schicht bis 60 Zentimeter Tiefe nach den Bodenfeuchte-Messungen des Deutschen Wetterdienstes noch weiträumig relativ gut mit Wasser versorgt. Einzig in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg gibt es bereits Regionen, in denen der Wassergehalt in der oberen Schicht unter 50 Prozent der "nutzbaren Feldkapazität" gefallen ist - unterhalb von diesem Wert beginnt für viele Pflanzen Trockenstress. Allerdings kann es durchaus auch ein Problem sein, wenn nur die obersten Zentimeter Boden ausgetrocknet sind: Mais etwa wird wenige Zentimeter tief ausgesät, wenn um die Aussaat kein Regen fällt, kann die Saat nicht aufgehen.

In einigen Gebieten herrscht bereits jetzt eine "moderate Dürre"

Am schwersten dürfte der Wald von der Trockenheit betroffen sein. Für ihn kommt es nicht auf den obersten halben Meter an, er braucht Wasser auch in größerer Tiefe. Wie es dort um den Boden bestellt ist, zeigen die Karten, die das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig erstellt. Diese verdeutlichen, wie trocken der Boden in tieferen Schichten im Vergleich zu den seit 1951 erfassten Werten ist. Ist der Wassergehalt niedriger als in 80 Prozent der vergangenen Jahre, herrscht lokal eine "moderate Dürre", auf der Karte in Hellorange verzeichnet. Ist es trockener als in 98 Prozent der Vorjahre, wird die Karte dunkelrot. Das ist momentan in großen Teilen Sachsens, Sachsen-Anhalts und Süddeutschlands der Fall.

"Das Sorgenkind ist der Gesamtboden bis in 1,8 Meter Tiefe", sagt Andreas Marx, Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am UFZ. "Der ist in weiten Teilen Deutschlands immer noch nicht aus der Trockenheit der vergangenen Jahre herausgekommen. Die Wälder stehen dadurch weiter unter Trockenstress." Nicht überall sind die Auswirkungen gleich schlimm: Am Alpenrand oder im Harz, wo es normalerweise viel regnet, kann auch ein einigermaßen feuchter Boden eine Dunkelrot-Dürre-Bewertung bekommen - weil es sonst eben noch viel nasser ist. Aber in weiten Teilen des Landes sieht es für die Wälder übel aus: Geschwächt nach zwei Jahren Trockenheit und immer noch nicht ausreichend mit Wasser versorgt, treffen sie auf Horden von Borkenkäfern und anderen Schädlingen, die sich nach dem warmen Winter bester Gesundheit erfreuen dürften.

Dieser Zustand dürfte noch eine Weile Bestand haben; um die Speicher aufzufüllen, wäre über lange Zeit sehr viel Regen nötig. Obwohl die Jahresniederschläge in Deutschland etwa konstant geblieben sind, haben sich die Wettermuster verändert. "Der Zusammenhang zwischen Dürre und Klimawandel ist auch bei uns eindeutig", sagt Marx. Wenn der Sommer 2020 wieder lang, heiß und trocken wird, sieht es schlecht aus. Der Boden kommt viel leichter in eine Dürre hinein als wieder hinaus.

© SZ vom 22.04.2020
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