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Toxikologie:Gift im Eisbärenblut

Eisbären

Eisbären nehmen offenbar mehr industrielle Schadstoffe auf als gedacht.

(Foto: Ingrid Brunner)

In den Körpern der Raubtiere zirkulieren unerwartete chlor- und fluorhaltige Kohlenstoffverbindungen. Auch Menschen dürften ihnen ausgesetzt sein.

Wenn Eisbären vor strahlend weißer Kulisse Robben und Fische verschlingen, ist das schon lange kein reines Naturschauspiel mehr. Denn mit jeder Mahlzeit verleiben sich die als gefährdet geltenden Raubtiere industrielle Schadstoffe ein. Dass der Chemikaliencocktail vielfältiger ist als bisher angenommen, berichteten Forscher aus Kanada, Schweden und den USA kürzlich im Fachblatt Angewandte Chemie. Sie fanden in Blutproben mehr als 200 chlor- und fluorhaltige Kohlenstoffverbindungen, die bisher noch niemand dort vermutet hatte. Stoffe dieser Art gelten als ausgesprochen langlebig. Von einigen Vertretern weiß man, dass sie giftig wirken und Hormonhaushalt, Fortpflanzungsfähigkeit sowie die Entwicklung beeinträchtigen können. Ob sie Krebserkrankungen begünstigen, ist noch unklar.

Die Forscher vermuten, dass auch Menschen diesen Umweltgiften ausgesetzt sind

Das Blut von Eisbären wird schon seit den 1980er-Jahren regelmäßig untersucht, bisher allerdings vor allem auf bereits bekannte Umweltgifte. Forscher um Jonathan Martin von der Stockholm University hingegen suchten ergebnisoffen nach mit Fluor- oder Chloratomen gespickten Kohlenstoffverbindungen. Mit einer Kombination moderner chemischer Analysemethoden nahmen sie aktuelle sowie konservierte Blutproben aus den letzten drei Jahrzehnten unter die Lupe - und konnten kaum glauben, was sie fanden. In den Körpern der Eisbären zirkulieren offenbar eine ganze Reihe bisher unbekannter Stoffwechselprodukte giftiger polychlorierter Biphenyle (PCBs).

"PCBs werden schon seit den 1970er Jahren intensiv untersucht. Ich dachte, wir wüssten mittlerweile alles über diese Schadstoffe", sagt der Toxikologe Martin. Sein Team sei so skeptisch gewesen, dass es in Versuchen mit Mäusen geprüft habe, ob auch diese die im Eisbärenblut entdeckten PCB-Metaboliten produzierten. Sie taten es. "Wir vermuten deshalb, dass auch andere Organismen - Menschen eingeschlossen - den meisten dieser fluorierten und chlorierten Chemikalien ausgesetzt sind", so Martin.

Die Forscher fanden außerdem eine Vielfalt bisher unbekannter fluorierter Chemikalien im Blut der Eisbären und sehen nun Nachholbedarf bei den Regulierungen. "Einige PCBs und fluorierte Säuren sind durch die Stockholm-Konvention weltweit verboten, nicht aber die neuen fluorierten Chemikalien, die wir entdeckt haben", erklärt Martin. Man müsse nun herausfinden, in welchem Ausmaß diese Verbindungen vorhanden und wie schädlich sie für die einzelnen Spezies sind.

Wasser- und schmutzabweisende Fluorchemikalien, die mit den Fluoridsalzen in der Zahnpasta übrigens nichts gemein haben, stehen schon länger in der Kritik. Sie stecken in vielen Alltagsprodukten wie Lebensmittelverpackungen, Teppichen, Schuhspray, Lacken und Skiwachs, aber auch in Feuerlöschschäumen, Hydraulikflüssigkeiten, Schmiermitteln und Raumfahrttechnik. Gerade wird die Aufnahme von zwei weiteren Vertretern dieser Stofffamilie in die Stockholm-Konvention und die EU-Chemikalienverordnung Reach diskutiert.

Martin Scheringer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich fürchtet allerdings, dass Hersteller bei Verboten auf verwandte Substanzen umsteigen, die zwar erlaubt sind, aber womöglich noch mehr Schaden anrichten. "Von mehr als 4700 bekannten fluorierten Chemikalien sind nur etwa 25 hinsichtlich ihrer Umwelteffekte und ihrer Toxizität gut untersucht", moniert er. Gemeinsam mit 30 internationalen Forschern und Behördenvertretern forderte er deshalb kürzlich im Fachblatt Environmental Health Perspectives eine schnelle, umfassende Regulierung der langlebigen Substanzen statt der heute üblichen Einzelprüfungen. Schließlich lassen sich die Substanzen nicht mehr zurückholen. Je länger man wartet, desto größer wird das Problem - nicht nur für die Eisbären.