Toxikologen und die Tabakindustrie:Forschen gegen die Wahrheit

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Die Studienergebnisse zur Krebsgefahr durch Passivrauchen sind eindeutig. Trotzdem zweifelten deutsche Toxikologen immer wieder daran - und pflegen zugleich enge Verbindungen zur Tabakindustrie.

Thomas Kyriss und Nick Schneider

Die international anerkannten Forschungsergebnisse zur Krebsgefahr durch Passivrauchen sind ebenso zahlreich wie eindeutig. Dennoch haben in der Vergangenheit einige deutsche Toxikologen in Publikationen oder bei Auftritten immer wieder Zweifel an dieser erdrückenden Beweislage geäußert.

Rauchen wird teurer

Durch die gezielte Vergabe von Forschungsgeldern hat die Tabakindustrie über Jahre hinweg versucht, Einfluss auf Wissenschaftler zu nehmen.

(Foto: dpa)

Dokumente der Tabakindustrie legen offen, welche Beziehungen zwischen dieser Gruppe von Toxikologen und der Tabakindustrie bestehen.

Seit Ende der 1990er Jahre sind Tabakkonzerne in den USA durch Schadenersatzprozesse dazu gezwungen, ihre internen Dokumente im Internet zu veröffentlichen (www.legacy.library.ucsf.edu).

In den 1990er Jahren beobachtete der Zigarettenhersteller Philip Morris, dass in zahlreichen Ländern Rauchverbote erlassen wurden. Den internen Industriedokumenten zufolge waren der Firma Publikationen bekannt, die das Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen mit tabakspezifischen Nitrosaminen (TSNA) in Verbindung brachten. Die Firma plante, Forschungsvorhaben zu fördern, um sich an der Debatte zu beteiligen. Eine "TSNA Strategie" sah vor, für die Industrie unvorteilhafte Studien in Frage zu stellen und günstige Studienergebnisse zu duplizieren. Dazu sollten unabhängige Wissenschaftler genutzt werden.

Eine interindustrielle Arbeitsgruppe, an der neben Wissenschaftlern internationaler Zigarettenhersteller auch der deutsche Verband der Cigarettenindustrie (VdC, 2007 aufgelöst; Nachfolger ist der Deutsche Zigarettenverband) beteiligt war, formulierte entsprechende Ziele. So sollten Publikationen entstehen, die zeigen, dass Nitrosamine im Passivrauch aufgrund ihrer geringen Menge keine relevante Gesundheitsgefahr darstellen. Andere Forschungsprojekte sollten zeigen, dass die aufgenommenen Nitrosamine durch Nikotin gehemmt werden oder nicht aus Tabak, sondern aus Nahrungsmitteln stammen.

Obwohl TSNA nicht die einzigen krebsauslösenden Substanzen im Tabakrauch sind, haben sie große Bedeutung für die Erforschung des kanzerogenen Potenzials von Tabakprodukten. Eigene Testergebnisse von Philip Morris wiesen früh darauf hin, dass Tabakrauch in der Raumluft Kanzerogene freisetzt.

Aber Philip Morris verbarg dieses Wissen vor der Öffentlichkeit. Internen Dokumenten zufolge war der Firma auch bekannt, dass Mitte der 1990er Jahre weltweit nur vier Labors Erfahrungen mit dieser Art von Forschung aufweisen konnten, die nicht im Besitz der Tabakindustrie waren. Der Industrie war zudem bewusst, dass die Nachweismethodik für TSNA für die meisten Forscher zu teuer ist. Indem die Industrie gezielt Forschungsgelder vergab oder Forschungsgruppen die kostspielige Nachweismethodik finanzierte, ergab sich über die Jahre die Möglichkeit, Einfluss auf dieses Forschungsfeld zu bekommen.

Verborgenes Wissen

So erhielt zu Beginn der 1990er Jahre das Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Ludwig-Maximilians-Universität München über den VdC 250.000 DM zum Aufbau eines Nachweisverfahrens für TSNA. Forschungsnehmer war der Veterinärmediziner Elmar Richter. Er fand im Blut schwangerer Frauen, die Tabakrauch ausgesetzt waren, weder TSNA noch das im Zigarettenrauch vorkommende kanzerogene 4-Aminobiphenyl. Anderen Forschern war dies mit demselben Ansatz zuvor gelungen.

Volksentscheid über Verschärfung des Rauchersc

Immer wieder haben deutsche Toxikologen in Publikationen oder bei Auftritten Zweifel an den eigentlich eindeutigen Forschungsergebnissen geäußert.

(Foto: dpa)

Als Richter Kinder auf 4-Aminobiphenyl untersuchte, fand er zwar erhöhte Werte, brachte diese aber mit dem Wohnumfeld und nicht mit Passivrauch in Verbindung. Er sah dadurch Studien relativiert, in denen bei Kindern genetische Schäden durch Tabakrauch nachgewiesen worden waren.

1998 erhielt Richter für Untersuchungen auf TSNA bei Menschen und Nagern 135.000 Dollar von Philip Morris; für Folgeprojekte 1999 bis 2001 wurden noch einmal 583.000 Dollar bewilligt. Richters Anträge wurden befürwortet, weil Philip Morris festgestellt hatte, dass "ausreichende Beweise für die Kanzerogenität von Tabakrauch existieren" würden, die durch "sorgfältige metabolische Studien widerlegt werden könnten".

In seinen Veröffentlichungen bezweifelt Richter die Übertragbarkeit früherer tierexperimenteller Daten, die einen Zusammenhang zwischen tabakspezifischen Nitrosaminen und Krebserkrankungen, insbesondere der Lungen, belegen.

Übereinstimmend mit Plänen der Tabakindustrie veröffentlichte Richter Arbeiten, die zeigen, dass der Gehalt an TSNA im Rauch abnimmt, wenn ausreichend Nikotin im Ansatz vorhanden ist. Auch die Absicht der Industrie, die bei Rauchern und Passivrauchern nachweisbaren Nitrosamine anderen Quellen zuzuschreiben, findet sich bei Richter. Er identifizierte pflanzliche Alkaloide (Myosmine), die in Nüssen oder Auberginen in Spuren vorkommen, als Ursache der Nitrosaminbelastung und veröffentlichte dies 2002 bis 2009. Die Industriedokumente belegen, dass diese Arbeiten durch das Philip Morris External Research Program unterstützt wurden.

Ein weiteres Beispiel betrifft Hans Marquardt, ehemals Direktor der Abteilung für Toxikologie an der Universität Hamburg. Seit 1999 fungiert er als Managing Editor von Toxicology, dem offiziellen Organ der Britischen und Deutschen Gesellschaften für Toxikologie.

Tabakindustriedokumenten zufolge gehörte er seit 2000 als einziger Nicht-Amerikaner dem siebenköpfigen Wissenschaftlichen Beraterstab des Philip Morris External Research Program an, das 2000 bis 2008 weltweit Forschungsgelder vergab, auch an Richter. Für seine Beratertätigkeit erhielt Marquardt Honorar; auch floss Forschungsgeld an das Institut für Toxikologie der Universität Hamburg. Mindestens fünf Veröffentlichungen Richters, die mit Förderung von Philip Morris nach dem Jahr 2000 entstanden, erschienen in Toxicology.

In Diensten des Verbandes

Als Herausgeber des Lehrbuchs der Toxikologie gab Marquardt in der 2. Ausgabe von 2004 mit Elmar Richter und Gerhard Scherer zwei der Tabakindustrie nahestehenden Autoren Gelegenheit, das Kapitel über Rauchen und Passivrauchen zu verfassen. Die Autoren erkennen zwar an, dass Nichtraucherschutz sinnvoll sei und Passivraucher mit denselben Kanzerogenen wie Raucher konfrontiert seien; sie schließen aber, die Kanzerogenmengen wären so gering, dass der Nachweis für die Entstehung von Lungenkrebs wohl nie zu erbringen wäre.

Betroffen ist auch das heute der Rechtsform nach unabhängige Analytisch-Biologische Forschungslabor (ABF) in München - es ist eine Gründung des VdC und liegt in der Münchner Goethestraße gegenüber dem Walther-Straub-Institut, wo Richter tätig ist. Das ABF wird seit mehr als 20 Jahren von Gerhard Scherer geleitet. Im Juli 2008 war Scherer als Experte vom Bundesverfassungsgericht bei der Verhandlung über Verfassungsbeschwerden gegen die Nichtraucherschutzgesetze in Baden-Württemberg und Berlin geladen. Er bestritt dort relevante Gesundheitsgefahren durch Passivrauchen.

Ähnlich hatte sich Scherer 2007 bei einer Anhörung vor dem Landtag Rheinland-Pfalz geäußert. Dort präsentierte er sich als "an der Ludwig-Maximilians-Universität München habilitierter Toxikologe/Pharmakologe und Geschäftsführer des Analytisch-Biologischen Forschungslabors ABF in München". Weder erwähnte er, dass das Labor eine Gründung des VdC ist, noch, dass er seit langem in Diensten des Verbandes steht.

Den Industriedokumenten zufolge reichte Scherer seine Habilitationsschrift über Passivrauch 1993 beim Lehrstuhl für Pharmakologische Toxikologie der Universität München ein. Damals brüsteten sich Mitarbeiter des VdC in einer Sitzung, dass alle Daten dieser Habilitationsschrift aus Forschungsprojekten ihres Verbandes stammten.

Eine besondere Rolle spielt auch das Institut für Umwelttoxikologie der Universität Halle-Wittenberg. Es wird von Heidi Foth geleitet, seit 2004 Präsidentin der Gesellschaft für Toxikologie. Sie hat bereits 1994 mit Richter und unterstützt von Philip Morris über die entgiftende Wirkung von Nikotin geforscht. Industriedokumenten zufolge war Foth, wie auch einer ihrer Mitarbeiter, 2002 bis 2005 Forschungsnehmer des Philip Morris External Research Program und erhielt Förderung für eine Reihe von Präsentationen bei Kongressen.

Foth ist seit 2001 Mitglied im siebenköpfigen Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung; dort ist ihr Schwerpunkt die Beurteilung von Risiken chemischer Stoffe. Der letzte Report des Sachverständigenrates, der sich mit Gesundheitsgefahren durch Passivrauchen beschäftigt und einen effektiven Nichtraucherschutz fordert, stammt aus dem Jahr 2000, ein Jahr bevor die Expertin vom Bundesumweltminister in den Rat berufen wurde.

Die Beispiele zeigen, dass die Tabakindustrie bis heute Einfluss auf die toxikologische Forschung nimmt. Namhafte Wissenschaftler haben Fördergeld der Industrie angenommen. Forschungsansätze und publizierte Daten dieser Wissenschaftler stimmen auffallend mit den Plänen der Tabakindustrie überein, die kanzerogene Potenz des Passivrauchens zu verschleiern. Es ist vorstellbar, dass die gesundheitspolitische Diskussion um den Nichtraucherschutz in Deutschland ohne diese Verflechtungen eine andere Entwicklung genommen hätte.

Thomas Kyriss arbeitet an der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen im Zentrum für Pneumologie und Thoraxchirurgie. Nick Schneider ist am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg in der Stabsstelle Krebsprävention tätig. Dieser Text ist die gekürzte und bearbeitet e Fassung ihres Beitrags, der in diesen Tagen im Fachmagazin "Prävention - Zeitschrift für Gesundheitsförderung" (Bd.33, S.106, 2010) erscheint. Dort finden sich die Literaturbelege.

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