Tollwut in Deutschland:"Die Überwachung wird weitergehen"

Die Tollwut in Deutschland ist ausgerottet. Wie das gelungen ist, weiß Thomas Mettenleiter vom Friedrich-Loeffler-Institut.

Hanno Charisius

Nach einem Bericht des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit (FLI) ist die gefürchtete Fuchstollwut in Deutschland ausgerottet. Thomas Mettenleiter hat in den 1980er Jahren an der Entwicklung einer Schluckimpfung für Füchse mitgewirkt. Heute ist er Präsident des FLI, das zuletzt den Kampf gegen die Tollwut koordiniert hat.

Tollwut in Deutschland: Tollwutwutgefahr  in Deutschland ist vor allem von Füchsen ausgegangen.

Tollwutwutgefahr in Deutschland ist vor allem von Füchsen ausgegangen.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Über Ihrem Bericht steht, Deutschland sei tollwutfrei. Ganz Deutschland?

Mettenleiter: Seit am 3. Februar 2006 in der Nähe von Mainz der letzte tollwütige Fuchs amtlich diagnostiziert wurde, ist in ganz Deutschland kein Fall mehr nachgewiesen worden. Fledermäuse können das Virus noch in sich tragen, aber das Übertragungsrisiko auf andere Tiere und Menschen ist viel geringer, als es bei den Füchsen der Fall war.

SZ: Wenn man spazieren geht, sieht man überall in Deutschland noch die Schilder, die vor Tollwut warnen.

Mettenleiter: Die Bekämpfungsmaßnahmen werden von den zuständigen Landesbehörden durchgeführt. Ich könnte mir vorstellen, dass die örtlichen Behörden nicht alle aufgestellten Schilder kurzfristig abmontieren können. Das dauert immer eine Weile.

In Bayern etwa gab es seit 2002 keinen einzigen dokumentierten tollwütigen Fuchs mehr. Offiziell gibt es in ganz Deutschland seit Freitag keine tollwutgefährdeten Bezirke mehr. Die offizielle Deklaration durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz steht noch aus, aber das ist letztendlich eine Formsache.

SZ: Kann man so sicher sein, dass kein tollwütiger Fuchs mehr unterwegs ist?

Mettenleiter: Das ist in den vergangenen zwei Jahren intensiv untersucht worden, und es wurden keine weiteren Fälle beobachtet. Nach den Kriterien der Weltorganisation für Tiergesundheit OIE genügt das, um ein Land als tollwutfrei zu deklarieren. Die Überwachung wird aber weitergehen, insbesondere werden Tiere mit verdächtigen Symptomen immer auch auf Tollwut untersucht.

SZ: Wie ist es gelungen, das Virus zurückzudrängen?

Mettenleiter: Durch Schluckimpfung der Füchse. Die Impfköder wurden per Flugzeug über gefährdeten Gebieten abgeworfen und in Städten per Hand ausgelegt. Früher waren das Hühnerköpfe, in denen eine kleine Kapsel mit dem abgeschwächten Impfvirus steckte, heute sind das industriell gefertigte Köder, die millionenfach ausgelegt wurden. Seit Beginn der flächendeckenden Impfung sank die Zahl der gemeldeten Tollwutfälle von 10.484 im Jahr 1983 auf 56 Fälle im Jahr 1999.

SZ: Die Nachbarländer, so steht es in dem Bericht, waren viel früher tollwutfrei. Was haben die besser gemacht?

Mettenleiter: Zum einen hatten wir in Deutschland immer auch in städtischen Bereichen mit Tollwut zu kämpfen, insbesondere zuletzt in den Ballungszentren Frankfurt und Darmstadt. Der Fuchs hat sein Revier längst in urbane Gebiete hinein erweitert. Und dort kann man die Köder nicht einfach mit dem Flugzeug verstreuen.

Dazu kommt, dass der Kampf gegen die Tollwut in Deutschland Ländersache ist und die Abstimmung innerhalb und zwischen den einzelnen Bundesländern nicht immer so optimal war, wie sie vielleicht hätte sein können. Deshalb hat das FLI schließlich auf Bitten der Bundesregierung die fachliche Koordinierung übernommen.

SZ: Wann trat der letzte Fall von Tollwut bei einem Menschen auf?

Mettenleiter: Das ist etwas mehr als drei Jahre her. Aber damals wurden die Viren nicht von einem Tier auf Menschen übertragen, sondern während einer Transplantation von einer Organspenderin auf die Empfänger. Die Spenderin hatte sich im Ausland infiziert und das kam erst heraus, als sich Symptome bei den Organempfängern zeigten.

SZ: Muss man im Ausland noch die Tollwut fürchten?

Mettenleiter: Dort wo es Tollwut gibt, ist unbedingt Vorsicht angezeigt. Es sterben noch immer jährlich 40.000 Menschen an Tollwut, primär in Asien. Und es gibt mehr als eine Millionen Menschen jährlich, die eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe bekommen müssen, also eine Impfung nach einem Biss durch ein tollwütiges oder verdächtiges Tier.

SZ: Können die Viren zurückkehren?

Mettenleiter: Seuchen können immer wiederkommen. Auch die Tollwut könnte wieder einwandern. Deshalb werden die Impfkampagnen auch sehr weit in den Osten fortgesetzt, in die neuen Mitgliedstaaten der EU.

Und es kann passieren, dass illegal mitgebrachte Tiere aus Urlaubsländern die Erreger wieder einschleppen. Das ist in Deutschland glücklicherweise schon lange nicht mehr geschehen, passiert aber zum Beispiel in Frankreich immer mal wieder. Der nette Hund zum Beispiel, der einem im Urlaub in Nordafrika zugelaufen ist.

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