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Geschichte:Ein Blick auf die Schienbeine reicht: Karl der Große war tatsächlich sehr groß

Bei Karl dem Großen könnte häufiger Verzehr von gebratenem Fleisch ein Auslöser für die Gicht gewesen sein. Dazu passt es gut, dass sich der Kaiser regelmäßig in heißen, schwefelhaltigen Thermalquellen in der Nähe von Aachen erholte. Die Kuraufenthalte könnten ein Indiz dafür sein, dass er rheumatische Beschwerden wie Gicht oder andere Gelenkprobleme hatte. Das viele Jagen dürfte jedenfalls einen Anteil an den Verschleißerscheinungen gehabt haben.

"Gicht schädigt auch die Niere", sagt der Evolutionsmediziner Rühli. "Solche Schwächungen hätten bei gravierenden Infektionen wie einer Lungenentzündung eine Rolle spielen können." Aus seiner Sicht deutet die klinische Beschreibung auf eine schnell einsetzende und ansteckende Lungenerkrankung hin. Ohne Antibiotika können ältere Leute, die schon geschwächt sind und auch zu wenig trinken, an einer solchen Lungenentzündung sterben.

Bei den kristallinen Ablagerungen muss es sich aber nicht zwangsläufig um Harnsäurekristalle handeln. "Es könnte sich prinzipiell auch um Pilzsporen oder um eine chemische Reaktion aufgrund von Konservierungsmaßnahmen durch den deutschen Anthropologen Hermann Schaaffhausen im 19. Jahrhundert handeln", sagt Rühli. Als sein Kollege Schleifring vor 30 Jahren den Sarg öffnete, kam ihm jedenfalls ein stechender Geruch entgegen - als ob jemand Formaldehyd verwendet hätte. Diese Behandlung dürfte zumindest oberflächlich die DNA zerstört haben, auch wenn es eine DNA-Untersuchung bislang nicht gibt. Rühli würde sie liebend gern durchführen.

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An Karl dem Großen arbeiten sich noch immer Wissenschaftler in ganz Europa ab. Der französische Forensiker Philippe Charlier untersuchte zum Beispiel kürzlich mithilfe eines Röntgenmikroskops dessen Haare. Sie klebten an einem Wachssiegel des Herrschers in den französischen Nationalarchiven in Paris. Auch Frank Rühli forscht schon länger an Karl dem Großen. Vor acht Jahren errechnete er dessen Körpergröße aus Dicke und Länge des linken Schienbeins, das in der Aachener Schatzkammer verwahrt wird. Heraus kam eine Körperlänge von 1,84 Metern, ein Gewicht von 78 Kilogramm und ein Body-Mass-Index von 22. Alles Werte, die durch aktuelle Messungen bestätigt werden. "Karl der Große dürfte die Menschen seiner Zeit um 15 Zentimeter überragt haben", schätzt Rühli.

In der neuen Studie gibt es allerdings noch eine weitere Überraschung. Bei ihrem Quellenstudium stießen die Wissenschaftler auf eine eher vage Notiz des fränkischen Gelehrten Einhard. Darin heißt es, dass der Körper des Kaisers nach dem Tod sorgfältig gewaschen und behandelt wurde. Die Forscher machte das neugierig. Aus den Untersuchungsberichten von 1988 erfuhren sie, dass man neben den Knochen auch drei Säckchen aus weißer Seide in Karls Schrein entdeckt hatte.

Eines enthielt Zähne, das zweite Gipsbrocken, das dritte offenbar mumifizierte Muskulatur. Aus mittelalterlichen Berichten über merowingische Gräber aus dem 6. Jahrhundert wussten die Wissenschaftler bereits, dass die Toten oft einen aromatischen Duft ausstrahlten. "Man verwendete offenbar Gewürze und Kräuter", sagt Rühli. "Möglicherweise wurden auch salz- oder weinhaltige Lösungen zusammen mit Kräutern mithilfe eines Klistiers in den Körper injiziert." Harze wie in Ägypten waren hingegen eher unüblich.

Dass der Leichnam von Karl dem Großen teilweise mumifiziert wurde, könnte an den kalten Temperaturen im Januar 814 und am schnellen Einbalsamieren gelegen haben. Um das zu belegen, wäre aber eine neuerliche Exhumierung nötig. Der Eichensarg des Kaisers könnte also bald wieder geöffnet werden.

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