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Biologie:Sepien mit Selbstdisziplin

Pharaonen-Sepia vor der Küste Myanmars

(Foto: Imago)

Tintenfische üben Verzicht, wenn sie anschließend dafür belohnt werden. Damit ähnelt ihr Verhalten dem von Kindern im berühmten "Marshmallow-Test".

Von Tina Baier

Wenn es ums Fressen geht, machen die meisten Tiere eine einfache Rechnung auf: Mehr ist besser als weniger. Tintenfische beispielsweise, die die Wahl zwischen einer oder zwei Garnelen haben, entscheiden sich normalerweise für die größere Menge.

Eine Studie, die kürzlich im Wissenschaftsjournal Royal Society Open Science erschienen ist, zeigt jetzt, dass Tintenfische, die von allen wirbellosen Tieren die komplexesten Gehirne haben, viel mehr können, als 2>1 zu rechnen. Chuan-Chin Chiao, Biologe an der National Tsing Hua University in Taiwan, hat herausgefunden, dass Tintenfische der Art Sepia pharaonis lieber eine Garnele jagen als zwei, wenn sie vorher gelernt haben, dass sie für diese Entscheidung belohnt werden.

Im ersten Teil des Experiments sollten die Tintenfische zwischen einer leeren Kammer wählen und einer, in der eine Garnele herumschwamm. Beide Kammern waren durchsichtig, sodass die Tiere von außen sehen konnten, was sich darin befand. Tintenfische, die in die Kammer mit dem Leckerbissen schwammen und dort Jagd auf die Garnele machten, bekamen ein zusätzliches Shrimp als Belohnung.

Die Weichtiere scheinen zu wissen, dass es Vergangenheit und Zukunft gibt

Dann kam der entscheidende Test: Die trainierten Tintenfische sollten sich zwischen einer Kammer mit einer Garnele und einer mit zwei entscheiden. Fast alle schwammen in die Kammer mit einer Garnele. Damit entschieden sie sich anders als Artgenossen, die nicht am ersten Teil des Experiments teilgenommen hatten und stattdessen in die Kammer mit zwei Garnelen schwammen, in der es auf den ersten Blick mehr zu holen gab.

Warum verhalten sich die trainierten Tiere so? Wahrscheinlich stellen sie eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung auf, vermuten die Studienautoren. Dabei kommen die Tiere zu dem Ergebnis, dass es einfacher ist, eine Garnele zu fangen und eine zweite gratis dazuzubekommen, als unter größerem Energieaufwand zwei Shrimps jagen zu müssen. Das allein ist aber noch nichts Besonderes. Viele Tiere wägen ab, ob sich der Aufwand lohnt, den sie investieren müssen, um an Nahrung zu kommen. Kaum ein Lebewesen frisst sozusagen blind, was ihm über den Weg schwimmt, läuft oder sonst irgendwie angeboten wird. Das gilt sogar für Insekten. Erst kürzlich konnten deutsche Forscher zeigen, dass Schwarze Gartenameisen eher Futter mittlerer Qualität akzeptieren, wenn sie schlechte Qualität erwarten, als wenn sie davon ausgehen, mittlere Qualität vorzufinden.

Das aktuelle Experiment der Biologen aus Taiwan sagt jedoch noch viel mehr über die kognitiven Fähigkeiten von Tintenfischen aus. Offensichtlich erinnern sich die Weichtiere, was in der Vergangenheit passiert ist und berücksichtigen diese Erfahrung bei ihren Entscheidungen in der Gegenwart. Zudem scheinen sie zu wissen, dass es eine Zukunft gibt, in der sie für ihre Wahl belohnt werden.

Außerdem scheinen die Tintenfische über eine gute Impulskontrolle zu verfügen. Statt sich gleich gierig die zwei Garnelen zu schnappen, können sie sich offenbar gedulden und warten, bis sie ihre Belohnung bekommen. Bei Menschen wird diese Fähigkeit in einem berühmten psychologischen Experiment untersucht, dem "Marshmallow-Test", den der US-Psychologe Walter Mischel in den 1960er-Jahren erstmals angewandt hat. Mischel stellte Kindergartenkinder im Alter von vier bis sechs Jahren vor eine schwierige Wahl. Er legte ihnen ein Marshmallow oder eine andere begehrte Süßigkeit vor die Nase, mit der Ansage, sie könnten entweder sofort zugreifen oder sich die doppelte Portion verdienen, wenn sie es schafften, der Versuchung zu widerstehen. Dann verließ Mischel für eine Viertelstunde den Raum.

Ob Tintenfische einen ähnlich schweren inneren Kampf mit sich austragen müssen wie Kinder im Marshmallow-Test, weiß niemand. Auch Mischels Beobachtung, dass Kinder, die warten können, später durchschnittlich mehr Erfolg im Leben haben, lässt sich wohl kaum auf Tintenfische übertragen. Aber diese These ist mittlerweile auch für Menschen umstritten.

© SZ
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