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Tierversuche:Die experimentelle Chirurgie benötigt Großtiere

Gerade die experimentelle Chirurgie benötigt die Großtiere. So kommt es, dass das Annähen abgetrennter Gliedmaßen heute zum Standardrepertoire der Chirurgie zählt.

Dahinter stehen Experimente wie jenes, das ein Team der Universität Bern vor kurzem im Journal of Surgical Research publiziert hat: Die Forscher betäubten acht Schweine, amputierten ihnen die Pfoten und töteten sie. Die Gliedmaßen schlossen sie an eine Pumpe an, die das Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen anreicherte. So gelang es, das Gewebe über zwölf Stunden einigermaßen intakt zu halten.

Grausig mag auch die Methode wirken, die unter anderem Wiener Notfallmediziner entwickelt haben. Sie brachten Schweineherzen per Elektroschock zum Stillstand und pumpten dann eiskalte Kochsalzlösung in die Hauptschlagadern. So wurde der Organismus schlagartig gekühlt, alle pathologischen Prozesse wurden gestoppt.

Derart gelang es, die Tiere nach einer 35 Minuten-Phase klinischen Todes zu reanimieren, ohne dass die sonst unvermeidlichen Hirnschäden auftraten. Sollte sich diese Methode eines Tages auf Menschen übertragen lassen, könnten die Folgeschäden von Unfallopfern oder Infarktpatienten womöglich verringert werden.

Projekte wie dieses zeugen zugleich von der wachsenden Bedeutung der sogenannten translationalen Medizin. So heißt die entscheidende Phase in der Entwicklung neuer Therapien, wenn Forschungsergebnisse auf den Menschen übertragen werden sollen. Die dafür nötigen klinischen Studien sind teuer, jede Verkürzung dieser Phase würde selbst aufwendige Tierversuche rechtfertigen.

Das ist auch ein Grund, wieso Tiermediziner Wolf von der Universität München überzeugt ist, dass Schwein Ede und seine Verwandten vom Moorversuchsgut Badersfeld schon bald groß herauskommen werden in der Forschung: "Transgene Schweine erlauben es, länger am Tier zu forschen, bevor es an den Menschen geht."

Hinzu komme, dass die Schweine bei der Erforschung innerer Erkrankungen nicht so belastet werden wie bei manchen Experimenten der Vergangenheit. Vor allem aber sei die Qualität der Daten deutlich besser als in früheren Tiermodellen - nicht nur bei Diabetes.

"Humanmediziner ahnen gar nicht, was alles möglich ist"

"Nehmen Sie nur mal die Osteoporose", sagt Wolf. "Nager sind zu klein, um den typischen Bruch am Knochenende zu simulieren." Knochen, Sehnen, Knorpel - manches gehe eben nur am Großtier, und an Schweinen gehe es besonders gut.

"Die ersten sieben Schweine für das Osteoporose-Modell sind bereits fertig", sagt Wolf. Ein Mukoviszidose-Schwein stehe bereit, weitere transgene Krankheitsmodelle seien anderswo in Arbeit. "Wir können mittlerweile binnen eines Jahres ein neues Modell herstellen."

Zumindest auf Gut Badersfeld scheint das Klonen Routine geworden zu sein. Voraussichtlich im Mai wird ein Forscherkonsortium das komplette Schweinegenom veröffentlichen, das wird der Forschungsrichtung weiter Auftrieb geben. "Humanmediziner ahnen gar nicht, was alles möglich ist", sagt Wolf.

Schon träumen Forscher wieder vom Manhattan-Projekt der modernen Spitzenmedizin - der Xenotransplantation. Sie hoffen, Gewebe und Organe von Schweinen auf Menschen zu übertragen.

Ende der 1990er-Jahre war der Ansatz in Verruf geraten, nachdem es Hinweise gegeben hatte, dass krankheitserregende Viren vom Schwein auf den Menschen gebracht werden könnten. Nachdem sich die Befürchtungen nicht bestätigt haben und es mit den Stammzellen nicht so schnell vorangeht wie erhofft, gilt die Xenotransplantation wieder als Option.

So hat wiederum das Team von Wolf bereits transgene Schweine vorgestellt, deren Gewebe vor menschlichen Abwehrzellen geschützt ist. An der University of Minnesota gelang es dem Chirurgen Bernhard Hering, Diabetes bei Affen zu heilen, indem er Inselzellen aus der Bauchspeicheldrüse transgener Schweine implantierte.

Die Affen überlebten mit Schweineherzen viele Wochen. Nun wartet man darauf, dass die Xenotransplantations-Forschungsgruppe am Klinikum Großhadern in München Medizingeschichte schreibt und das erste Herz eines Schweines in der Brust eines Menschen schlägt.

© SZ vom 10.04.2010/mcs
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