Süddeutsche Zeitung

Tiersterben:Der Amphibien-Mörder

Ein Pilz bedroht die Amphibienwelt: Wissenschaftler schätzen, dass der Töpfchenpilz bis zu 40 Prozent aller Spezies ausrotten wird - darunter auch bislang noch unbekannte Arten.

Britta Verlinden

Er ist ein Massenmörder mit niedlichem Namen: Der Töpfchenpilz Batrachochytrium dendrobatidis rafft weltweit ganze Frosch- und Lurchpopulationen dahin. Von der tödlichen Pilzerkrankung wissen Biologen seit Jahren.

Bisher unbekannt war jedoch, in welchem Ausmaß sie für das Amphibiensterben verantwortlich ist. Nun haben Forscher erstmals zählen können, wie viele Froscharten der Infektionskrankheit zum Opfer fallen.

Wie die Wissenschaftler um Andrew Crawford vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama berichten, führt die Pilzepidemie offenbar dazu, dass bis zu 40 Prozent der Amphibienarten aussterben (PNAS, online).

In El Copé, einer bis dahin noch nicht von dem Schädling heimgesuchten Region in Panama, zählten die Biologen von 1998 bis 2004 alle Amphibienarten auf einer Fläche von vier Quadratkilometern. Sie kamen dabei auf 63 Spezies.

Die Pilzkrankheit breitete sich mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Jahr im zentralamerikanischen Hochland aus - eine Erkenntnis, die sich Crawford und sein Team zunutze machten.

Bislang unbekannte Arten ausgelöscht

Wie erwartet, erreichte die Epidemie kurze Zeit nach der Amphibienzählung die Region. Als die Wissenschaftler die Artenvielfalt in dem Gebiet erneut erfassten, waren 25 Spezies verschwunden.

Doch nicht nur bereits klassifizierte Amphibienarten gingen verloren. Neben den 63 bekannten Spezies hatten in El Copé vor Ausbruch der Epidemie auch elf Amphibienarten gelebt, die noch kein Wissenschaftler zuvor beschrieben hatte.

Dies stellten die Biologen mit Hilfe des sogenannten DNA-Barcodings fest. Bei diesem genetischen Untersuchungsverfahren werden Abschnitte des Erbguts nachgewiesen, die für eine Tierart spezifisch sind. Fünf der elf neu gefundenen Amphibienarten löschte der Töpfchenpilz ebenfalls aus.

"Es ist eine traurige Ironie, dass wir neue Spezies in fast dem gleichen Tempo entdecken, wie wir sie verlieren", sagt Crawford.

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Quelle:
SZ vom 20.07.2010/cosa
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