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Tierschutz:Grundrechte für Menschenaffe Hiasl

Zunehmend erkennt der Mensch, wie ähnlich er seinen Verwandten, den Menschenaffen, ist. Tierschützer fordern deshalb, diesen endlich Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit zuzugestehen. Ein Fall spielt in Wien.

Als Hiasl noch ein gewöhnlicher Schimpanse war, zehn Monate alt, Bewohner des afrikanischen Dschungels, erschossen Wilderer seine Mutter. Tierhändler verschleppten ihn aus seinem Heimatland Sierra Leone. Sie brachten das Schimpansenbaby illegal nach Österreich. Dort wurde Hiasl vom Zoll beschlagnahmt, kam später in ein Wiener Tierschutzhaus.

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Ein ähnliches Schicksal wie Hiasl erleiden wild lebende Menschenaffen auch heute noch: Ein Soldat der kongolesischen Armee bei Goma hat ein Schimpansenweibchen getötet, um es zu essen. Nun versucht er, ihr Jungtier zu verkaufen.

(Foto: AFP)

Heute ist er 29, isst gerne Schokowaffeln und Mozartkugeln. Hiasl ist zum Symbol geworden in einem Kampf, von dem er selbst wohl nichts ahnt. Für seine Rechte sind Tierschützer vor Gericht gezogen.

Schimpansen teilen 99,4 Prozent ihrer Erbanlagen mit dem Menschen. Sie ähneln ihm zu stark, als dass er sie beherrschen dürfte, so sehen es Martin Balluch und seine Mitstreiter vom "Verein gegen Tierfabriken".

Die Tierschützer tauften den Wiener Schimpansen nach dem wissenschaftlichen Namen seiner Spezies Pan troglodytes: Matthias Pan, Spitzname Hiasl. Balluch fordert, dass Hiasl juristisch als Person anerkannt wird, dass ihm die Grundrechte auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit von einem Gericht zuerkannt werden.

Ein erwachsener Schimpanse sei in vielerlei Hinsicht so intelligent wie ein dreijähriges Kind, sagt Judith Benz-Schwarzburg, die an der Universität Tübingen Kultur und Sprache von Menschenaffen erforscht. Zu dieser Familie gehören auch Gorillas, Orang-Utans und Bonobos, die Zwergschimpansen. Der Gewöhnliche Schimpanse aber ist dem Menschen am ähnlichsten. "Es deutet vieles darauf hin, dass Schimpansen sich ihrer eigenen Gedanken und Gefühle bewusst sind. Sie wissen, dass auch ihre Artgenossen denken und fühlen", sagt Benz-Schwarzburg.

Auch mit ihrem Sprachtalent haben Menschenaffen Forscher beeindruckt. Berühmt wurde das Gorillaweibchen Koko. Forscher der US-amerikanischen Universität Stanford brachten ihr mehr als 1000 Zeichen der Gebärdensprache bei. Koko versteht rund 2000 gesprochene Wörter. Ihr Intelligenzquotient liegt nach Angaben ihrer "Ausbilderin" Francine Patterson zwischen 70 und 90 - menschlicher Durchschnitt ist ein Wert von 100.

Hoffen auf eine gesellschaftliche Revolution

Und auch das Sozialleben von Menschenaffen hat Forscher staunen lassen. Schimpansen etwa gehen nicht nur geschickt mit Werkzeugen um, sie haben auch viele Traditionen - und damit eine Kultur. Schimpansen, die unter ähnlichen Bedingungen leben, haben trotzdem ganz unterschiedliche Techniken, Nüsse zu knacken oder Termiten zu angeln. "Eltern geben den Jungtieren Wissen weiter und zwar nicht genetisch, sondern sozial, im Gefüge der Gemeinschaft", sagt Benz-Schwarzburg.

Schimpansen kennen ihr Selbst, sie sind intelligent und sozial. Deshalb ist Tierschützer Martin Balluch überzeugt: Schimpansen sind Personen und haben Rechte. Nicht in ferner Zukunft, sondern heute - nach den Paragraphen des österreichischen Gesetzes.

Ende 2006 geriet das Wiener Tierschutzhaus, in dem Hiasl lebt, in finanzielle Schwierigkeiten. Die Zukunft des Schimpansen schien in Gefahr. Balluch wurde aktiv, zog vor Gericht, um einen Sachwalter, also einen Vormund, für Hiasl durchzusetzen. Die österreichischen Gerichte wiesen ihn ab.

Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnte es in letzter Instanz ab, sich inhaltlich mit dem Fall zu beschäftigen. Hiasl kann sich nicht ausweisen und äußern, und das Gericht erkannte Balluch als Antragsteller nicht an. Solange der Schimpanse vor dem Gesetz als Sache gelte, sei niemand legitimiert, für ihn Rechte zu erstreiten.

Balluch hält das Vorgehen des Gerichtshofs für reine Taktik - doch er resigniert nicht. Der Hiasl-Prozess sei nur formaljuristisch gescheitert, nicht aber aus inhaltlichen Gründen. "Wir stehen sehr nah an einer Revolution im Denken", sagt Balluch. Er hofft auf den großen Durchbruch, eine gesellschaftspolitische Revolution im Tierrecht, einen Wandel des Zeitgeistes.

Verbündete in aller Welt

Dafür hat er weltweit Verbündete. Die internationale Bewegung für die Rechte der Menschenaffen ist vor allem mit einem Namen verbunden: Peter Singer. Im Jahr 1975 veröffentlichte der australische Philosoph und Bioethiker das Buch Animal Liberation - Die Befreiung der Tiere.

Wenn wir Menschenaffen beobachten, erinnern sie uns stark an uns selbst. Doch ihnen Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit zuzugestehen, fällt uns schwer.

(Foto: AP)

Gerade in Deutschland entfacht die Person Singer immer wieder erbitterten Streit. Der Philosoph fragt danach, ob ein Lebewesen seine Umwelt und sich selbst bewusst erlebt. Zwar sei ein Embryo deshalb schützenswert, weil sein Tod Mutter und Vater leiden lassen könne. Doch der Embryo selbst könne noch nicht empfinden, habe keine Interessen. Singer würde eher an menschlichen Babys forschen, die ohne Gehirn geboren werden, als an gesunden Menschenaffen.

Singer selbst fühlt sich falsch verstanden, doch in Deutschland erinnern seine Ideen viele an die Schrecken der NS-Euthanasie. Für viele Tierschützer sind seine Ansichten dennoch wichtig. So sind Menschenaffen für Singer eindeutig Personen.

Der Bioethiker ist geistiger Vater und Ehrenvorsitzender des Great Ape Projects (GAP). Die weltweite Initiative will Grundrechte für Menschenaffen erstreiten, unterstützt von Prominenten wie der Schimpansenforscherin Jane Goodall. Ebenso wie die Aktivisten aus Österreich setzt sich auch GAP für drei Rechte ein: Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit.

Die Aktivisten wollen auch Tierversuche weltweit verboten sehen. Zwar experimentieren Wissenschaftler in der Europäischen Union nicht mehr mit Menschenaffen. Im Mai 2010 einigten sich die Regierungen der EU-Staaten sogar darauf, solche Forschung künftig grundsätzlich zu verbieten.

Ausnahmen soll es nur geben, wenn in Europa plötzlich eine lebensgefährliche Krankheit ausbricht oder wenn die Affen selbst in Gefahr sind. Doch in anderen Ländern, etwa Gabun und den USA, werden noch immer Menschenaffen als Versuchsobjekte eingesetzt. Forscher infizieren sie mit HIV- oder Hepatitis-Viren. Dann testen sie an den kranken Tieren Medikamente und Impfstoffe.

Wie sehr diese Versuche dem Menschen tatsächlich nutzen, ist umstritten. Tierschützer glauben nicht nur, dass solche Versuche grausam sind. Sie sagen auch, ihr Nutzen sei äußerst gering.

Wissenschaftler, die mit Menschenaffen experimentieren, verteidigen ihre Arbeit allerdings. Gerade weil Schimpansen den Menschen genetisch so ähnlich sind, seien Testergebnisse sehr wertvoll. Wer Menschenaffen schützen will, steht zudem vor der Frage, ob weniger hoch entwickelte Tiere weiterhin im Dienst der Wissenschaft leiden sollen.

Tatsächlich waren viele medizinische Entdeckungen nur durch Tierversuche möglich. Dennoch fordern die GAP-Aktivisten, dass kein einziges Tier mehr für Versuche genutzt wird. Sie glauben, alle Tierversuche würden durch moderne Technologien überflüssig. Der Kampf für die Rechte der Menschenaffen soll nur der erste Schritt sein.

Bereits 1999 wurden einige Ziele des GAP mit dem Animal Welfare Act ins neuseeländische Tierschutzrecht aufgenommen. Menschenaffen erhielten einen besonderen Schutz, der sie rechtlich von anderen Tieren unterscheidet - weltweit zum ersten Mal.

Das Gesetz verpflichtet Besitzer und Betreuer dazu, der Gesundheit, den Bedürfnissen und dem natürlichen Verhalten der Tiere gerecht zu werden. Wissenschaftler dürfen nur unter zwei Bedingungen an Menschenaffen forschen: Die Ergebnisse müssen den Affen selbst zugutekommen und schwerer wiegen als das Leid der Tiere im Labor.

Auch in Spanien kämpfen Aktivisten des Great Ape Projects für Tierrechte. Das spanische Parlament forderte Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero im Juni 2008 auf, Menschenaffen Grundrechte einzuräumen und sich damit den GAP-Zielen anzuschließen. Doch die Vorschläge der Initiative wurden nicht umgesetzt, und so blieb Neuseeland der einzige Vorreiter.

Lebenslange Anklage

In der deutschen Politik sind es vor allem die Grünen, bei denen die Ideen der Tierschützer Anklang finden. "Menschenaffen sind uns als Mitlebewesen besonders nah. Wir sollten ihre Individualität, ihre Freiheit und ihre Unversehrtheit respektieren", sagt Undine Kurth, tierschutzpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. "Wenn wir nicht wirklich artgerechte Lebensbedingungen herstellen können, heißt Zoo lebenslänglich ohne Anklage."

Vor allem Menschenaffen litten darunter, ständig beobachtet und zur Schau gestellt zu werden. Sie spürten es, wenn sie vorgeführt würden. Artenschutz beginne nicht im Zoo, sondern damit, natürliche Lebensräume zu erhalten.

Die Rhetorik einiger Tierschützer hält Politikerin Kurth allerdings für problematisch, beispielsweise wenn von Affenfolter gesprochen würde. Den Begriff der Folter unbedingt auf Affen übertragen zu wollen verkompliziere die Diskussion. Zunächst müssten die Bürger über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Menschenaffen informiert werden. Mit Unterstützung aus der Gesellschaft sei es leichter, für politische Mehrheiten zu werben.

Irritierte Menschenrechtler

Das Gorillaweibchen Gana mit ihrem Nachwuchs im Zoo von Münster. Die Menschenaffen verfügen über ein beeindruckendes Sprachtalent. Ganas Artgenossin Koko versteht rund 2000 gesprochene Wörter.

(Foto: AP)

Auch Menschenrechtsorganisationen und Kirchenvertreter stehen den Forderungen noch skeptisch gegenüber. Erstere sind teilweise irritiert davon, wie eifrig sich Aktivisten für das Wohl der Tiere einsetzen, während es noch so viele Menschen gibt, die in katastrophalen Zuständen leben.

Christliche Theologen befürworten es zwar, Menschenaffen stark zu schützen - doch sie lehnen es ab, sie als Personen zu bezeichnen. Aus christlicher Sicht fußt die Menschenwürde nicht auf bestimmten Fähigkeiten oder Eigenschaften, sondern auf der Berufung des Menschen dazu, frei und verantwortungsbewusst zu handeln.

Sowohl die Kirchen als auch Menschenrechtsaktivisten lehnen zudem Peter Singers Thesen entschieden ab: Jeder Mensch, egal in welchem Zustand er sich befinde, behalte die Würde seiner Gattung.

Auch die österreichischen Tierrechtler argumentieren anders als Peter Singer: Sie diskutieren nicht, ob Embryonen in den Kreis der Menschen gehören, sondern wollen nur den Kreis derer ausdehnen, die Grundrechte genießen.

"Wer gründlich nachdenkt, erkennt, dass unser Rechtsverständnis keineswegs Spinnerei ist", sagt Eberhart Theuer. Der Anwalt hat Hiasl vor Gericht vertreten und gemeinsam mit Martin Balluch für den Schimpansen gekämpft. Er sagt: "Jeder Mensch ist rechtlich automatisch eine Person. Der Begriff Mensch aber ist nicht an Eigenschaften wie einen bestimmten IQ geknüpft, sondern ein biologischer Obergriff." Schimpansen sind zwar keine Vertreter der Spezies Homo sapiens, doch weil sie dieser so ähneln, gehörten sie ebenfalls zur Gattung Mensch. Deshalb, schlussfolgert Theuer, müsse Hiasl Grundrechte zugebilligt bekommen.

Die Frage, ob das Leben aller Tiere geschützt werden sollte, ist für Theuer und Balluch aber nicht in erster Linie relevant. Ihnen geht es vor allem um die Menschenaffen.

Im April 2010 wies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Fall Matthias Pan aus formalen Gründen ab. Im Moment ist für Hiasls Existenz gesorgt. Aber niemand weiß sicher, was die nächsten Jahre bringen. Wäre der Schimpanse als Person anerkannt, könnte ein Sachwalter seine Interessen durchsetzen. Er könnte sogar die Tierhändler auf Schadensersatz verklagen, die das Affenbaby illegal nach Österreich brachten.

Hiasl ist ein Schimpanse in bestem Alter und kann noch 30 Jahre leben. Im Wiener Tierschutzhaus teilt er sich ein Gehege mit Artgenossin Rosi. Er spielt mit seinen Betreuern, am liebsten wirft er Bettlaken in die Luft, um sich unter ihnen zu verstecken. Hiasl freut sich, wenn Menschen ihn besuchen, und seine Betreuer wollen sein Dasein so lebenswert wie möglich machen.

Doch die Wildnis wäre sein Todesurteil. Hiasl wird nie wieder frei sein.