Tierschützer attackieren Bush Im Namen der Eule

Die US-Opposition hat ein neues Lieblingstier: eine Nachteule. Denn das Abholzen der Wälder bedroht sie und bringt damit auch Bushs Regierung in Bedrängnis.

Von Reymer Klüver

Es ist nur eine Nachteule, ein unscheinbarer Vogel. Zu Hause an der fernen, regenfeuchten Pazifikküste der Vereinigten Staaten, in den hohen, dunklen Wäldern Washingtons, Oregons und Nordkaliforniens. Und doch hat die lichtscheue, braungefiederte Kreatur das Zeug, Amerikas Umweltschützer einmal mehr gegen Präsident George W. Bush und seine Regierung aufzubringen. Einmal mehr, so tadeln sie, stelle die Administration die Interessen der Wirtschaft über den Schutz der in den USA ohnehin schon arg ramponierten Schöpfung.

Gilt Umweltschützern als Symbol: die Eule

(Foto: Foto: Reuters)

In der vergangenen Woche ging ein von 113 renommierten Wissenschaftlern unterzeichneter Brief im Innenministerium in Washington ein. Der hatte es in sich: Sie werfen der dem Ministerium untergeordneten Regierungsbehörde Fish and Wildlife Service vor, die Bedrohung für die Northern Spotted Owl, eine geschützte Eulenart, bewusst herunterzuspielen - auf Weisung von oben.

Denn wenn dieser Fleckenkauz weniger Schutz bedarf, könnten noch mehr der wenigen bisher unberührten Wälder im Nordwesten der USA für den Holzeinschlag freigegeben werden. Sechs voneinander unabhängige wissenschaftliche Studien hatten dagegen zuvor die Eule als hochgefährdet eingestuft.

Manipulationsvorwürfe

Auch die Demokraten im Kongress haben die Eule entdeckt. Sie werfen Innenminister Dirk Kempthorne das vor, was dem inzwischen zurückgetretenen Justizminister Alberto Gonzales zum Verhängnis wurde: die Einflussnahme auf Entscheidungen, in der Parteipolitik eigentlich nichts zu suchen hat.

Hochrangige Beamte der Behörde hätten den Schutzplan für die Eule manipuliert, allen voran Staatssekretärin Julie MacDonald. Die ist bereits im Mai zurückgetreten. Damals wurde ihr in anderen Fällen vorgeworfen, Wissenschaftler gezwungen zu haben, Berichte über die Gefährdung geschützter Arten zu schönen - zugunsten der Industrie. Tatsächlich hat das Innenministerium in Bushs Regierungszeit immer wieder zugunsten wirtschaftlicher Interessen entschieden: Es befürwortet die Erdölförderung in Nationalparks in Alaska und die Gasförderung in den Rockies.

Und so ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass die staatlichen Wildhüter auf einmal einen ganz anderen Eulenfeind sichten: Nicht die Kettensäge, sagen sie, sei schuld am Schwinden der gefleckten Nachteule. Es soll vielmehr eine andere Eulenart sein, die Barred Owl, ein Streifenkauz, der eigentlich weiter im Osten des Kontinents zu Hause ist, aber im Laufe der Jahrzehnte den Holzfällern gen Westen gefolgt ist. Die gestreiften Eulen sind wohl irgendwie robuster als ihre Artgenossen. Jedenfalls verdrängen sie zusehends den gefleckten Eulenvogel.

Die Strix occidentalis caurina, wie die gefleckte Eule wissenschaftlich genannt wird, ist nicht irgendein Vogel, jedenfalls nicht für Amerikas Ornithologen und Umweltschützer. Für sie symbolisiert der Fleckenvogel ihren jahrzehntealten Kampf gegen die Ausbeutung der wilden Natur in Amerikas weitem Westen, gegen die Zerstörung der letzten intakten naturbelassenen Wälder durch die übermächtige Holzindustrie.

Bestand der Nachteule geht kontinuierlich zurück

Schon 1990 war Strix occidentalis caurina als gefährdete Art unter Schutz gestellt worden. 1994 setzten die Umweltschützer dann durch, dass der Holzeinschlag auf knapp drei Millionen Hektar Wald im Bundesbesitz im Nordwesten der USA drastisch eingeschränkt wurde. Das war während der Clinton-Administration, die nicht zuletzt dank Vizepräsident Al Gore ein offenes Ohr für die Sorgen der Ökologen hatte. Dennoch ging der Bestand der gefleckten Eule seither weiter kontinuierlich zurück. So sehr, dass sie nach Einschätzung vieler Wissenschaftler vom Aussterben bedroht ist, wenn jetzt nichts geschieht.

Nicht weniger als 80000 Eingaben gingen beim Fish and Wildlife Service im Namen der Eule ein. Und der Protest scheint nicht ganz seine Wirkung zu verfehlen. "Wir haben ja noch gar keine Entscheidung getroffen", wiegelt Joan Jewett, die Sprecherin der Behörde in Portland, Oregon, ab. Das soll erst im kommenden Frühjahr geschehen und werde auf den ,,jüngsten Erkenntnissen der Wissenschaft'' basieren. Um die aber hat sich die Regierung in der Hauptstadt Washington bekanntlich schon in ganz anderen Zusammenhängen nicht geschert.