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Tierische Architekten:"Bald wird es vieles nicht mehr geben"

Warum tun Sie, was Sie tun? Ingo Arndt denkt nach, er sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass ich der letzten Fotografengeneration angehöre, die das alles noch fotografieren kann. Weil es vieles bald nicht mehr geben wird. Selbst in Schutzgebieten wie der Serengeti ist ja die Frage, wie diese Projekte weiterexistieren. Ich kenne kaum Gebiete, wo ich sagen würde: das ist sicher für alle Ewigkeit. Also: Ich sehe das so, dass ich die Aufgabe habe, etwas von dem zu dokumentieren, was bald kaputt sein wird, vernichtet, ausgerottet."

Gras-Skulptur: Nest eines Bajawebers

Gras-Skulptur: Nest eines Bajawebers.

(Foto: Ingo Arndt/Knesebeck Verlag)

Ingo Arndt hat die Wolkenkratzer der Roten Waldameise fotografiert, Wolkenkratzer jedenfalls aus Ameisenperspektive. Pflanzen und Erde, mit Ameisenkraft aufgeschüttet auf zwei Meter Höhe, Durchmesser bis zu fünf Meter. Darin Gänge und Räume. Die Ameisen schleppen Lasten, die ihr eigenes Körpergewicht um das 40- fache übersteigen. Sie sind ihre eigene Heizung, im Frühjahr sitzen sie auf dem Hügel und lassen sich von der Sonne aufheizen, diese Wärme tragen sie dann in den Bau. Die Menschen sagen: Ameisenhaufen. Aber Ameisenhaufen ist zu läppisch, als dass ein architektonisches Kunstwerk damit bezeichnet werden könnte.

Arndt fotografierte die Zwergmaus, in ihrer Rolle als Architekt legt sie ein tennisballgroßes Kugelnest an. Sie lebt in der Nähe seines Wohnorts, in überdüngte Wiesen geht sie nicht rein, in normale Feuchtwiesen schon. Die Zwergmaus ist aber so scheu, dass man sie draußen unmöglich kriegt, da hat Arndt bei einem Züchter welche gekauft, weil er sie im Buch haben wollte, "ich glaube, das waren zwei Jungs und zwei Mädels". Die Mäuse haben bei ihm im Schuppen genistet, und er saß tagelang mit seiner Canon davor, um die Maus endlich zu erwischen. Die Tiere auf seinen Bildern sehen manchmal so aus, als wüssten sie, dass sie fotografiert werden.

Er hat die Zwergmäuse dann ausgewildert, die Familie war in Wochen enorm gewachsen, "aber die waren alle nicht zutraulich, die haben den Fluchtinstinkt noch. Nicht wie so eine degenerierte Maus, die winkt, wenn sie den Turmfalken sieht".

Ingo Arndt, der Naturfotograf, schaut in die Tierbauten hinein, in die Nester und Löcher und Höhlen; dort findet er Struktur und Ästhetik. Er zeigt, was niemand sieht. Die Balzpaläste der Laubenvögel sind unübertroffen. In Australien wohnt der Graulaubenvogel, ein Verwandter des Hüttengärtners, er dekoriert den Vorgarten mit Steinchen, Münzen, Kronkorken, um die Partnerin zu begeistern. Wenn die Balz vorbei ist, baut der Graulaubenvogel dann ein weiteres Nest, profan in einem Baum, ein ziemlich normales Vogelnest, in dem das Weibchen brütet und schließlich den Nachwuchs großzieht, allein.

Die hier gezeigten Aufnahmen stammen aus dem Buch von Ingo Arndt: "Architektier", Knesebeck Verlag, 160 Seiten, ISBN-10: 3868735682

© SZ vom 01.02.2014/mcs
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