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Tierische Architekten:Kunst am Bau

Wolkenkratzer: Im Vergleich zu ihrer Körpergröße errichten Rote Waldameisen gigantische Bauten.

Wolkenkratzer: Im Vergleich zu ihrer Körpergröße errichten Rote Waldameisen gigantische Bauten

(Foto: Ingo Arndt/knesebeck verlag)

Hütten, Höhlen, Paläste: Tiere konstruieren erstaunliche Behausungen. Der Fotograf Ingo Arndt hat sich weltweit auf die Suche nach den Architektieren begeben.

Von Holger Gertz

Schon im Wappen von Papua-Neuguinea ist ein Paradiesvogel abgebildet, mit aufgefächerten Schwanzfedern - ein Hinweis darauf, dass die Tiere in diesem Teil der Welt eine flamboyante Auswahl an Federn um den Leib geschnallt haben. In den Wipfeln von Papua-Neuguinea ist immer Karneval. Aber wo viel Extravagantes schillert, muss sich irgendwo auch das Dezente verbergen, und unter den vielen Paradiesvögeln lebt dort also der Hüttengärtner. In Deutschland, wo die Menschen im Büro und die Vögel auf dem Ast gedeckte Farben bevorzugen, wäre der Hüttengärtner ein Exot, sein Federkleid ist bräunlich gelb. Er sieht ein bisschen aus, als trüge er ein Dortmund-Trikot, das jemand durch den Matsch gezogen hat.

Bei den Weibchen kann man so nichts ausrichten, jedenfalls nicht in Papua-Neuguinea, und weil der amselhaft gebaute Hüttengärtner seine Grenzen zu kennen scheint, verzichtet er auf eine Balz im herkömmlichen Sinn und tritt stattdessen mit den Konkurrenzvögeln in einen Architekturwettbewerb ein. Der Hüttengärtner trägt seinen Namen sehr zu Recht. Er ist Mitglied der Familie der Laubenvögel, denn er ist imstande, ein Bauwerk hinzustellen, das mit "Nest" nur unzureichend beschrieben wäre. Dazu legt er ein Fundament aus Moos an. Um einen dünnen Baumstamm herum wird dann eine ausladende Konstruktion aus Ästchen angerichtet. Die Hütte des Hüttengärtners ist einen Meter hoch. Mitglieder früherer Expeditionen aus Europa vermuteten, Kinder von Eingeborenen hätten sich da einen Unterschlupf zum Versteckspielen gebaut.

Schon als Hüttenbauer wäre der Hüttengärtner eine Klasse für sich, aber er ist ja Hüttengärtner, also ist das Areal um seine Hütte mindestens so bemerkenswert wie die Hütte selbst, der Garten ist groß, und er ist bunt. Und Ingo Arndt hat ihn gesehen. Er blättert in seinem Buch, das "Architektier" heißt und Bilder zahlreicher Tierbauten enthält, die Arndt fotografiert hat. Ingo Arndt, der Tierfotograf, hat wirklich viel gesehen, aber der Garten des Hüttengärtners ist derart prächtig, dass er ihm mehrere Seiten gewidmet hat. Der Garten vor der Laube ist der Balzplatz, da liegen Beeren zu kleinen Teppichen arrangiert. Blätter, Früchte, Pilze, fremde Federn.

Der Hüttengärtner schleppt alles heran, sortiert Blau zu Blau und Rot zu Rot und Schwarz zu Schwarz.

Was glitzert und schön ist, soll das Weibchen beeindrucken, die Hüttengärtnerin. "Bei uns kann man manche Frauen ja auch mit einem dicken Auto oder einem teuren Haus blenden, auch wenn man selbst eher bescheiden aussieht", sagt Ingo Arndt, der von einheimischen Führern zu den Hüttengärtnern gebracht worden ist, sonst hätte er sie nicht gefunden. Auf dem Weg hat er keinen Zivilisationsmüll gesehen, "die Menschen dort werfen nichts vorsätzlich weg, ganz selten fällt mal aus Unachtsamkeit was runter", vielleicht eine Medikamentenhülle. Auch Medikamentenhüllen werden vom Hüttengärtner verbaut, er sortiert Hülle zu Hülle, gegenüber den Schneckenhäusern.

Papier-Höhle: Wespen zerkauen morsches Holz für ihre Nester.

Papier-Höhle: Wespen zerkauen morsches Holz für ihre Nester

(Foto: Ingo Arndt/Knesebeck Verlag)

Der Hüttengärtner ist Verführer, Müllsammler, Landschaftspfleger. Sein Garten ist Spielplatz und Manege. Seine Laube ist ein Liebesnest. "Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit", hat Kierkegaard gesagt: dem Hüttengärtner sagt das nichts, er raubt anderen Hüttengärtnern die besten Beeren und reißt bei der Gelegenheit, wenn möglich, auch deren Hütten teilweise ein.

Ingo Arndt, 1968 in Frankfurt geboren, war immer schon gern draußen, er mochte schon immer Tiere, er hat bald angefangen, sie zu fotografieren, seit 1992 ist er professioneller Wildlife Photographer, einer der besten der Welt. Er arbeitet für Geo, Stern, National Geographic und BBC Wildlife. Gerade kommt er aus Brasilien, ein kurzer Zwischenstopp in München, ein Kaffee in einem Unterhachinger Hotel. Er hätte auch Menschen fotografieren können, aber er sagt: "Ich bin keiner, der sich in Menschenmassen wohlfühlt. Bei den Tieren gefällt es mir manchmal besser als unter Menschen."

Arndt ist ein schmaler Mann, trainiert, kurzhaarig. Typ Lance Armstrong oder Matthias Sammer, aber nicht so rigide wie diese beiden Asketen, er ist ein leiser, nachdenklicher Mensch. Seine Frau ist auf den Expeditionen immer dabei, sie ist Grafikerin, gemeinsam machen sie auch die Bücher, "Architektier" oder "Eisige Welten" oder "Zeigt her eure Füße", ein Bilderbuch über Pfoten, Krallen, Hufe, Tatzen, Flossen. Seine Fotos sollen auch für Kinder interessant sein, sagt er, damit die ein Gefühl dafür bekommen, welch ein Kunstwerk ein Geckofuß ist, oder eine Hüttengärtnerlaube. Arndt hat Raupen, Siebenschläfer, Bisons, Dromedare und Zwergmäuse fotografiert, "ich bin keiner, der sich auf Eisbären spezialisiert hat, ich mache alles, von der Ameise bis zum Elefanten".

Manchmal erwischt er die Tiere nicht, das kommt vor. Obwohl er sich Zeit lässt. Kann sein, dass er wieder und wieder hinmuss. Der Abgabetermin wird dann nach hinten verlegt. Wenn man den Vogel im Frühling nicht kriegt, muss man auf den nächsten Frühling warten.

Im Nordosten Perus fotografierte Ingo Arndt Uakari-Affen, er reiste mit einer Expedition, es waren auch Wissenschaftler dabei, aber Wissenschaftler sind manchmal schon zufrieden, wenn sie das Tier durchs Fernglas gesichtet haben. Ein Fotograf muss näher ran. Der Uakari sieht aus wie Mephisto, der zu lange unter der Höhensonne gelegen hat, das Gesicht ist scharlachrot, das Fell orange und zottelig. Arndt musste acht Tage warten, um die ersten Uakaris überhaupt zu sehen, und noch länger, um sie fotografieren zu können. Entstanden sind Bilder von erhabener Schönheit. Das Blau des Himmels, davor das Rot und Orange des pelzigen Affen auf einem schmalen, kahlen Ast. Ein Tier, wie von einem überkreativen Puppenbauer zusammengenäht.

Warum tun Sie, was Sie tun? Ingo Arndt sagt: "Dass ich warten muss, das passiert schon oft. Aber draußen sein, das ist ja das, was ich will. Ich mache das, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber genau das würde ich auch machen, wenn ich Millionär wäre. Das Rausgehen, das Entdecken - das ist nach wie vor das Größte."

Uakaris sind rar inzwischen. In der Trockenzeit fressen sie vor allem die Früchte der Aguaje-Palme, sie sind anspruchsvoll einerseits, sie sind begehrt andererseits, eine verhängnisvolle Kombination. Bushmeat ist ein Handelsgut. Ihre roten Gesichter sind ihr Verderben - man steckt ihre Köpfe auf Stecken und verkauft sie an Touristen. Wenn Wälder gerodet werden, verliert sich der Affe im fremden Brachland. Uakaris sind Gejagte und Vertriebene.

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