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Tierhaltung:Rettung für das Wollschwein

Das Haar von Wollschweinen ist dicht und wirkt flauschig wie Wolle, fühlt sich aber hart an.

(Foto: Michael Mayer / CC by 2.0)

Wollschweine frieren selbst im Winter nicht und liefern hervorragendes Fleisch. Doch die zutraulichen Tiere sind vom Aussterben bedroht. Einige Züchter wollen der Rasse zum Comeback verhelfen, ganz ohne Massentierhaltung.

Dresden, denkt man leichthin, sei eine Stadt. Das stimmt aber eben nur halb. Dresden ist nämlich auch, an einem Regionalbahnhof in den Bus zu steigen und übers Land zu fahren. Raus aus dem Elbtal, durch Felder, Wiesen, kleine Wälder. Bis alle ausgestiegen sind außer einem selbst, und der Busfahrer fragt: "Wo wollen Sie denn hin?" Dann ist Endstation und man steht mitten in Dresden-Marsdorf, einem 300-Seelen-Nest in der Moritzburger Kuppenlandschaft, mit schlichten Häusern, niedrigen Holzzäunen und Dorfteich. Vor der Wende blühte hier die planwirtschaftliche Broilermast. Heute findet man in Marsdorf das krasse Gegenteil von Massentier: Hausschweine, die vom Aussterben bedroht sind. Und die aussehen, als habe ein Wildschwein einem Schaf die Klamotten geklaut. Mangalitza heißen sie, zu Deutsch Wollschweine.

Zu Hause sind diese sonderbaren Tiere einen schmalen Weg hinauf, bei Michael Günther. Im echten Leben unterhält der 50-jährige Sachse eine kleine Firma für Haustechnik, nebenbei züchtet er seit knapp zehn Jahren schwalbenbäuchige Mangalitzas, eine der drei Wollschweinrassen. Das geht, weil er von den Großeltern etwas Land geerbt hat, auf dem Hügel hinterm Haus. Irgendwann hat er dort eine Scheune für den Traktor gebaut, mit Platz für etwas Heu. Es fehlten nur noch Tiere. In Bayern hat er dann Wollschweine gesehen. "So, wie die da lebten, war das der Schweinehimmel", erinnert er sich. Das wollte er auch. "Gehen wir mal gucken?"

Walnüsse fliegen durch die Luft, dann ein irres Gedrängel von Rüsseln, Schwänzchen wirbeln

Kaum hat Günther seinen Fuß durch das Tor und auf die Wiese gesetzt, ertönt von links schon aufgeregtes Quieken. Im Schweinsgalopp rennt die Herde auf einen Verschlag am Rande des Geheges zu. Günther greift in einen Eimer, Walnüsse fliegen durch die Luft, ein irres Gedrängel von Rüsseln im weichen Boden beginnt, Schwänzchen wirbeln herum. Die meisten der lockigen Tiere sind jung, fünf Monate alt. Läufer heißen sie, und an ihnen erkennt man schon die typische Zeichnung des Farbschlags "schwalbenbäuchig": Oben dunkelgrau, am Bauch wollweiß.

Zwölf Tiere hat Günther derzeit insgesamt, zu viele, wie er findet. Dabei wäre auf den ersten Blick doch Platz für mehr: 800 Quadratmeter stehen den Schweinen zur Verfügung, unterteilt in drei Bereiche: Einen für Muttersau Martha, einen für die Läufer und den dritten für Eber Bruno, der gerade Hochzeit mit Günthers zweiter Zuchtsau Naomi hält. Wirklich, Naomi? "Sie ist sehr zart und auch sonst etwas eigentümlich, da haben wir ihr einen exotischen Namen gegeben."

Bis auf den Futterverschlag, Tränken und kleine Bretterhütten, in die sich die Tiere zurückziehen können, besteht der Schweinehimmel auf Erden aus braunem matt glänzenden Schlamm. Auf Menschen wirkt das eher unappetitlich, für die Tiere ist der Matsch ein Traum, in den sie tief ihre Nase stecken, wühlend, forschend, alles fressend, was hier sonst keiner mehr finden würde. "Wenn ich da Maiskörner reinwerfe, können Sie Gift darauf nehmen, dass denen nicht ein Körnchen durch die Lappen geht", sagt Günther und grinst.

Noch vor 100 Jahren gab es Millionen von Wollschweinen

Es ist ja eigentlich verrückt, dass das Mangalitza vom Aussterben bedroht ist, noch vor gut 100 Jahren war es in Osteuropa extrem beliebt. Allein in Ungarn gab es 1890 vermutlich neun Millionen Exemplare. Alle drei Rassen sind derart robust, dass man sie einfach draußen hinstellt, das ganze Jahr über, auch eine weiße Weihnacht würden die wolligen Tiere problemlos aushalten. Anders als andere Vertreter ihrer Art bekommen die Tiere keinen Sonnenbrand, sie erfrieren nicht und liefern hervorragendes Fleisch. Doch als superfettes Speckschwein, das langsam wächst und nur kleine Würfe von etwa sechs Ferkeln hat, wurde das Mangalitza unbeliebt. Ende der 1990er-Jahre war es fast verschwunden, ersetzt durch fruchtbarere, fleischigere Rassen, durch magere vor allem. Das soll sich ändern, auch in Deutschland, wo es derzeit 74 Mangalitza-Zuchteber gibt und rund 100 zumeist private Züchter.

Wollschwein

Ihre Rüssel stecken die Wollschweine am liebsten in den Schlamm, dort finden sie jedes Maiskorn.

(Foto: Slawik, C./juniors@wildlife)

Dass man das überhaupt weiß, ist Rudi Gosmann zu verdanken. Gut 400 Kilometer von Marsdorf entfernt liegt das niedersächsische Alfhausen. Seit mehr als 21 Jahren hält Rudolf "Rudi" Gosmann hier Wollschweine, auch er hat das früher neben der Arbeit getan. Heute ist er im Vorruhestand und betreut ein Projekt, das seit sieben Jahren versucht, die Wollschweinzucht wieder auf eine solide Grundlage zu stellen. Fernziel ist ein Herdbuch, wie es in Ungarn und in Österreich existiert. In Deutschland haben Haltung und Zucht dagegen wildwüchsige Formen angenommen. Einkreuzungen anderer Rassen sind häufig, auch Wildschweine haben sich eingemischt, und viele Züchter wissen gar nicht, wer die Eltern ihrer Tiere waren. "Wenn wir die Wollschweine erhalten wollen, müssen wir die Züchter dafür sensibilisieren, wieder reinrassig zu züchten", sagt Gosmann. Beim Mangalitza ist das ein dreifacher Job, weil die Farbschläge rot, blond und schwalbenbäuchig jeweils eine eigene Rasse darstellen.

Wie aber beschreibt man diese Rassen, wenn die Züchter mit der Schulter zucken, sobald man sie nach dem Stammbaum ihrer Tiere fragt? Man reist nach Ungarn. Vor fünf Jahren ist Gosmann zum Mangalitza-Festival nach Budapest gefahren. Manche Züchter dort haben für ihre Tiere noch Papiere, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, teils bis in die 1830er Jahre, als das blonde Mangalitza als eine Kreuzung aus serbischen Sumadja und ungarischen Bakonyer und Szalonter Schweinen entstand. Dadurch sind zumindest die äußeren Standards gut definiert. Bei den ursprünglichsten Mangalitzas, den blonden, ist die Wolle zum Beispiel am ganzen Körper sehr dicht, die roten haben etwas weniger Haare und eine andere Statur. Der Augenschein verrät allerdings nicht immer, welche Vorfahren in einem Wollschwein schlummern. Das kann nur die Genetik.

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