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Tiergedächtnis:Schimpansen-Schocker

Was geschieht, wenn Affen Horrorfilme ansehen? Um das herauszufinden, zeigten Forscher den Tieren Thriller.

Von Tina Baier

Es gibt da diese Szene in dem Filmklassiker "Alien" von Ridley Scott, in der eines der gruseligen Wesen aus dem Brustkorb des Besatzungsmitglieds Kane hervorbricht. Wer sie einmal gesehen hat, wird die Bilder lange nicht mehr vergessen. Menschenaffen scheint es ganz ähnlich zu gehen. Sie schauen normalerweise zwar keine Science-Fiction-Horrorfilme, doch japanische Forscher der Kyoto University haben jetzt herausgefunden, dass die Primaten verstörende Beobachtungen ähnlich wie Menschen in ihrem Langzeitgedächtnis abspeichern (Current Biology, online).

In ihrem Experiment haben die Zoologen sechs Schimpansen und sechs Bonobos eine Art Affen-Thriller vorgeführt. In dem Film mit dem Titel "King Kong Attack" blicken ein Mann und eine Frau zunächst freundlich in die Kamera. Die beiden trennen sich, und jeder kauert sich neben eine Luke. Plötzlich springt aus der rechten Luke, neben der der Mann sitzt, ein als Affe verkleideter Schauspieler, trommelt sich gegen die Brust und beginnt, auf den wehrlosen Mann einzuschlagen. So plötzlich wie er gekommen ist, verschwindet der Angreifer wieder. Das Ganze dauert nur etwa eine halbe Minute.

24 Stunden später zeigten die Wissenschaftler den Affen diesen Film erneut und zeichneten dabei die Augenbewegungen der Tiere auf. Die Auswertung ergab, dass die Affen auf die rechte Luke schauten, noch bevor der Angreifer daraus hervorkam. Sie hatten sich die Szene nach nur einer Vorführung offenbar gemerkt und wussten, was gleich passieren würde. "Solche ,vorausschauenden Blicke' spiegeln Erinnerungsprozesse wider", schreiben die Forscher in ihrer Veröffentlichung. Um sicherzugehen, dass sich die Affen tatsächlich den Inhalt des Videos gemerkt hatten und nicht nur den Ort - also die rechte Luke - an dem etwas passiert war, drehten die Forscher ein zweites Video, dem sie den Titel "Revenge to King Kong" gaben.

Die Affen waren so fasziniert, dass sie zu trinken vergaßen

In diesem Film verprügelt ein als Affe verkleideter Schauspieler einen Mann. Dieser rächt sich, indem er einen Plastikhammer nimmt und damit auf den Affen einschlägt. Als die Wissenschaftler den Schimpansen und Bonobos den Film nach 24 Stunden ein zweites Mal vorführten, hatten sie eine kleine Veränderung eingearbeitet: Der Hammer lag in dieser zweiten Version an einem anderen Ort.

Die Aufnahmen der Augenbewegungen zeigten, dass die Tiere bei der zweiten Vorführung erwartungsvoll auf den Hammer blickten, noch bevor der Mann danach griff. Und das, obwohl das Werkzeug jetzt anderswo lag. Für die Forscher ist das der Beweis, dass sich die Menschenaffen nicht nur an Orte erinnern können, an denen etwas passiert ist, sondern offenbar auch an Geschehnisse. Schließlich signalisierten die Blicke der Tiere, dass ihnen bewusst war, dass der Hammer gleich als Waffe benutzt werden würde.

Doch noch etwas anderes überraschte die Wissenschaftler: Die zwölf Affen waren von der Horrorvorstellung offensichtlich ähnlich fasziniert wie manche Menschen von aufregenden Blockbustern: "Wir servierten Saft während der Vorführung", sagt Fumihiro Kano, einer der Autoren der Studie. "Aber manche von ihnen vergaßen vollkommen zu trinken und starrten auf die Filme."

© SZ vom 18.09.2015
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