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Lemoga-Kurse

Menschen und Tiere gleichen sich in ihren Verhaltensweisen? Nun, hier machen Frauen gemeinsam mit Lemuren Yoga.

(Foto: Owen Humphreys/picture alliance/dpa)

Menschen und Tiere, die in derselben Umgebung leben, zeigen erstaunlich ähnliche Verhaltensweisen.

Von Tina Baier

Warum dürfen Männer in manchen Gesellschaften mehrere Frauen haben, während das anderswo verpönt ist? Und wieso ernähren sich Menschen in bestimmten Regionen überwiegend vegetarisch, während anderswo fast jeden Tag Fleisch auf den Teller kommt?

Die Frage, wie solche Verhaltensunterschiede entstehen, ist unter Wissenschaftlern höchst umstritten. Viele sind überzeugt, dass sie ausschließlich aus unterschiedlichen kulturellen Wertvorstellungen und Religionen resultieren. Eine Untersuchung im Wissenschaftsjournals Science widerspricht jetzt dieser weitverbreiteten Vorstellung. Demnach hat die Umwelt, in der Menschen leben, einen bisher unterschätzten Einfluss auf menschliche Verhaltensweisen.

Das Team um Toman Barsbai, der an der britischen University of Bristol und am Institut für Weltwirtschaft in Kiel forscht, hat herausgefunden, dass Menschen und Tiere, die in derselben Umgebung leben, oft identische Verhaltensweisen entwickelt haben. Die Forscher verglichen menschliches Verhalten in mehr als 300 traditionellen Jäger-Sammler-Gesellschaften mit dem von Vögeln und Säugetieren, die sich mit den Menschen denselben Lebensraum teilten. Alle untersuchten Verhaltensmuster hatten entweder mit der Ernährung, beziehungsweise der Nahrungsbeschaffung, der Fortpflanzung oder dem sozialen Umgang mit anderen zu tun. In allen drei Bereichen gab es erstaunliche Übereinstimmungen.

Wo die Menschen hierarchisch organisiert sind, sind es auch die Tiere

Wo die Menschen auf die Jagd gehen, fressen auch viele Vögel und Säuger Wirbeltiere, die an Land leben. Essen die Menschen dagegen viel Fisch, tun das auch viele Tiere in ihrer Umgebung. In Regionen, in denen Menschen ihre Nahrungsmittel lagern, gibt es auch viele Tiere, die Futter für später sammeln. Und wo die Menschen weite Strecken zurücklegten, um überhaupt an Nahrung zu gelangen, war das auch bei den in ihrer Nähe lebenden Tiere so.

Auch beim Paarungsverhalten fanden die Forscher deutliche Korrelationen: In Gegenden, in denen Frauen schon sehr früh ihr erstes Kind bekommen, ist das bei den Tieren in der Umgebung ähnlich. Wo Männer mehrere Frauen heiraten dürfen, leben auch viele Säugetiere, bei denen einzelne Männchen einen Monopolanspruch darauf haben, sich fortzupflanzen. Bei den Vögeln war auffällig, dass die Männchen besonders viel Energie investierten, um mehrere Weibchen anzulocken. Sogar bei der Scheidungsrate gibt es den Wissenschaftlern zufolge beeindruckende Parallelen: Wo menschliche Gesellschaften leben, in denen Scheidung erlaubt ist, gibt es auch besonders viele Vögel, die sich jedes Jahr einen neuen Partner suchen.

Nicht durch den Zufall erklärbare Zusammenhänge fanden die Wissenschaftler auch bei sozialen Verhaltensweisen. In der Nähe menschlicher Gesellschaften, in denen sich vor allem die Väter um die Ernährung ihrer Familien kümmern, engagieren sich auch überdurchschnittlich viele Tiermännchen bei der Versorgung des Nachwuchses. Wo Menschen in großen Gruppen leben, tun das auch viele andere Tiere. Und in der Umgebung menschlicher Gesellschaften, in denen es verschiedene soziale Klassen gibt, sind viele Tiergruppen zu beobachten, in denen sich nur bestimmte Individuen fortpflanzen dürfen.

"Die Ähnlichkeiten im Verhalten von Menschen, Säugetieren und Vögeln scheinen aus einem Selektionsdruck zu resultieren, den die lokale Umgebung ausübt", schreiben die Forscher in Science. Welche Umweltfaktoren genau das Verhalten von Mensch und Tier gleichermaßen prägen, wissen sie aber noch nicht.

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Lotte (vlnr: 0, 1, 6, 7, 10, 13, 15, 18Jahre)

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