Tiefseebergbau Kahlschlag im Ozean

Maschinen wie diese der Firma Nautilus Minerals sollen einst am Meeresboden Ressourcen abbauen.

(Foto: REUTERS)
  • Die Weltnaturschutzunion IUCN kritisiert den geplanten Abbau von Mineralien am Meeresboden. Dabei könnten Lebensräume unwiederbringlich zerstört werden.
  • Zahlreiche Staaten, darunter auch Deutschland, erkunden den Ozean derzeit nach Lagerstätten von Erzen. Am Meeresboden werden große Reichtümer vermutet.
  • Die Förderung der Ressourcen könnte die sensiblen Ökosysteme jedoch zerstören. So sollen große Maschinen zum Einsatz kommen, die den Meeresboden umpflügen.
Von Christoph von Eichhorn

Nickel, Kupfer, Kobalt, Lithium oder Molybdän: Am Boden der Tiefsee lagern viele Ressourcen, die an Land dringend gebraucht werden - ob für Smartphones oder als Bestandteile für Elektrobatterien. Nach Schätzungen übersteigt die in der Tiefsee lagernde Menge einiger seltener Rohstoffe wie Yttrium oder Tellur die Reserven an Land um ein Vielfaches. Zahlreiche Staaten und Firmen wetteifern mittlerweile darum, die Lagerstätten zu erkunden und bald auch auszubeuten.

Umweltschützer der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) protestieren nun deutlich gegen den geplanten Bergbau am Meeresboden. In einem Bericht warnt die IUCN vor schwerem Schaden, den der Tiefseebergbau an Meeresbewohnern anrichten könnte. Das Abschaben des Ozeanbodens mit Maschinen sei vergleichbar mit "dem Abholzen eines Waldes", schreiben die Umweltschützer. Die IUCN ist das weltweit größte Netzwerk staatlicher und nichtstaatlicher Umweltorganisationen, darunter der WWF und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Die Gesteine werden direkt am Meeresboden zertrümmert

Ihre Kritik richtet sich etwa an die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) in Kingston, Jamaika. Ein Abbau in kommerziellem Maßstab dürfte wohl erst in einigen Jahren beginnen, doch die Regeln dafür schreibt die ISA bereits jetzt. Bislang fehlten in den Entwürfen aber vorbeugende Maßnahmen, um die marine Umwelt zu schützen, kritisiert die IUCN. "Die Regeln (...) reichen nicht aus, um unwiderruflichen Schaden von den Ökosystemen der Meere und den Verlust einzigartiger Arten abzuwenden".

29 Vertragspartnern hat die ISA Lizenzen erteilt, um den Meeresboden zu erkunden. Für Deutschland sucht etwa die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) vor Madagaskar nach metallhaltigen Sulfiden. Diese könnten laut BGR Kupfer, Zink, Gold und Silber enthalten. Dabei will das BGR begleitend auch die Auswirkungen auf die Umwelt studieren. Die kanadische Firma Nautilus Minerals hat mehrere Prototypen entwickelt, um solche Sulfide abzubauen. Die Geräte sind etwa so groß wie ein Lastwagen, mit ihren Schneideköpfen können sie die metallhaltigen Gesteine am Boden zertrümmern. Anschließend soll das zerkleinerte Material an die Oberfläche transportiert werden. Die Firma will die Technik von 2020 an vor Papua-Neuguinea einsetzen. Vergangenes Jahr gelang es Japan erstmals, mit einem ähnlichen Fahrzeug Erze in 1600 Metern Tiefe vor der Insel Okinawa zu schürfen und durch einen Schlauch zu einem Schiff zu pumpen.

Dreckwolken, Lärm und Gifte könnten Meeresbewohner stören

Ein Problem der Gegner wie der Befürworter der Technik ist, dass sie bislang kaum wissen, wie die Ökosysteme im Meer auf solche Eingriffe reagieren. Im Bericht schildern die Forscher der IUCN aber mögliche Szenarien:

  • Der Meeresboden könnte für viele Arten unbewohnbar werden, sobald die Tiefseebagger angerückt sind. Durch das Aufwühlen des Bodens und das Zerschmettern der Gesteine bilden sich Dreckwolken, die Fische und kleine Lebewesen verscheuchen oder sogar ersticken könnten.
  • Giftige Stoffe wie Öle könnten aus den Geräten in die Umwelt gelangen und sie verpesten.
  • Lebewesen könnten durch Lärm, Vibrationen, Licht und Schiffe gestört werden.

Dass die Sorgen berechtigt sein könnten, zeigen Beobachtungen im Pazifik. Deutsche Forscher waren 2015 mit einem Forschungsschiff an die Stelle zurückgekehrt, wo 1989 testweise der Meeresboden aufgerissen wurde. 26 Jahre später waren die Pflugspuren der Aktion noch immer zu sehen, etliche Arten waren nicht zurückgekehrt.

"Was wir bislang wissen, reicht nicht, um Meeresflora und -fauna vor Bergbauaktivitäten effektiv zu schützen", wird Carl Gustaf Lundin, Direktor der IUCN-Abteilung für Meeres- und Polargebiete, in einer Mitteilung der Organisation zitiert. "Wir arbeiten im Dunkeln." Trotz des großen Unwissens über die Ökosysteme der Tiefsee würden bereits Lizenzen zur Exploration vergeben, zu Lasten künftiger Generationen.

Der Meeresboden bietet unzähligen Arten eine Heimat, darunter Krustentieren und Mollusken, oder Fischen wie dem Pelikanaal und dem Anglerfisch. Daneben funktioniert der Meeresgrund wie eine Recyclinganlage der Weltmeere. Tote Tiere wie Wale sinken zu Boden, werden dort monatelang von Bakterien und Kleintieren zersetzt und so wieder der Nahrungskette zugeführt.