Süddeutsche Zeitung

Test-Essen:Der King unter den Burgern

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Die Stiftung Warentest hat Hamburger getestet: Sie sind besser als ihr Ruf - wenn ein paar Regeln beachtet werden.

Von Werner Bartens

So manchem Gesundheitsapostel wird das gar nicht schmecken: Die viel geschmähten Hamburger sind deutlich besser als ihr Ruf. Diese Einschätzung kommt nicht von industrieabhängigen Wissenschaftlern, sondern von der Stiftung Warentest.

Die strengen Prüfer haben 19 Burger aus Fast-Food-Restaurants und Supermärkten untersucht, und dabei sind ihre Testergebnisse, die sie in der aktuellen Ausgabe der Stiftungs-Zeitschrift veröffentlicht haben, erstaunlich positiv ausgefallen: Acht der Frikadellenbrötchen wurden als "gut" eingestuft, zehn als "befriedigend" und nur eines erhielt die Note "ausreichend" (1). Wenn sie nicht täglich verzehrt werden oder gleich mehrere auf einmal, seien die Burger "ordentliche Produkte, auf keinen Fall schlechte Lebensmittel", betont Birgit Rehlender von der Stiftung Warentest.

Manche Ernährungsforscher reagieren gar nicht aufgebracht. "Das überrascht mich nicht", sagt Gunda Backes vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. "Man kann eben nicht generell sagen, dass ein Lebensmittel schlecht oder ungesund ist. Das gilt auch für Hamburger."

Um Krankheiten vorzubeugen, sei es viel wichtiger, dass die Ernährung insgesamt ausgewogen ist und genügend Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Ballaststoffe darin enthalten sind.

Was die Gefahr des Übergewichts angeht, gilt laut Backes, dass es - wie so oft, wenn es um die Gesundheit geht - auf die Dosis ankomme: "Wenn ich nicht mehr Energie zu mir nehme, als ich brauche, kann ich auch Hamburger essen."

Doch nicht alle Ernährungsexperten sind da so undogmatisch. Für manche bleiben McDonald's, Burger King & Co. das Feindbild Nummer eins und die Hauptverantwortlichen für etliche Zivilisationsleiden. Aber drohen wirklich vorzeitiger Herzinfarkt, Übergewicht und Zuckerkrankheit, wenn man regelmäßig zu den Pappbrötchen mit dem eingeklemmten Fleischbrät greift? Und was heißt überhaupt regelmäßig?

Der Film "Super Size Me" hat vergangenen Sommer drastisch vor Augen geführt, wohin die ausschließliche Fast-Food-Mast führen kann. Hauptdarsteller Matt Spurlock legte im Zuge seiner vierwöchigen 5000-Kilokalorien-Diät nicht nur erheblich an Gewicht zu.

Er litt nach eigenen Angeben auch an Fettleber, Kurzatmigkeit und Impotenz, sodass die Ärzte ihm rieten, die einseitige Ernährung schleunigst abzubrechen.

Die Warentester schränken ihre positive Burger-Wertung denn auch selbst ein. Sie soll kein Persilschein für die Branche der Schnellbräter sein. Die gute Einschätzung einzelner Hamburger gelte nur, so lange auf die üblichen Beilagen verzichtet wird. "Burger mit Pommes sind kein gutes Menü. Wer sich dazu noch eine Extraportion Majo bestellt, isst zu viel", heißt es im Heft.

Doch das, was die Stiftung Warentest empfiehlt, befolgen nur die wenigstens Esser: Wer wählt zum Burger schon Apfelschorle und Salat? Die meisten Kunden entscheiden sich für Menüangebote: Der Burger zusammen mit Pommes Frites und einem Softdrink ist nur unwesentlich teurer als der Burger allein.

Gerade diese Kombination aber hat es in sich und lässt den Besuch im Schnellrestaurant zur Völlerei werden. Super-Size-Portionen machen zweifelsohne dick. Ein doppelter Burger mit großer Cola und Pommes liefert mehr als 1200 Kilokalorien. Das ist der halbe Tagesbedarf eines 14-Jährigen. Eine Hauptmahlzeit in diesem Alter sollte aber 600 bis 700 Kilokalorien nicht übersteigen.

Deshalb ist es wichtig, gerade Kinder vor den Riesenportionen zu bewahren, die noch dazu als Schnäppchen beworben werden. Der neue EU-Gesundheits- und Verbraucherschutzkommissar Markos Kyprianou forderte am Donnerstag in der Financial Times Deutschland, an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Nahrungsmittel zu verbieten, wenn sich die Industrie keine Selbstbeschränkung auferlegt.

Die Lebensmittelanbieter stehen dem aufgeschlossen gegenüber. Die Selbstbeschränkung der Esser ist dagegen schwierig. "Wir Menschen sind leider nur schlecht dazu in der Lage, Nahrung mit einem sehr hohen Energiegehalt zu erkennen und unsere Essensmenge entsprechend zu reduzieren", sagt Arne Astrup, Ernährungsexperte an der Universität Kopenhagen.

Kein Wunder, dass die Restaurantketten das Prinzip Größer, Fetter, Energiereicher in den vergangenen Jahren unvermindert ausgebaut haben. Zwar kann man bei McDonald's die Tabellen mit Kalorien- und Nährwertangaben auf der Rückseite der Tablettauflage einsehen.

Andere große Ketten veröffentlichen die entsprechenden Werte im Internet. In den vergangenen 50 Jahren ist die Größe der Portionen in den Schnellrestaurants aber um das Zwei- bis Fünffache gestiegen.

Auch der Energiegehalt der Mahlzeiten nahm erheblich zu: Mittlerweile liegt er in einem Fast-Food-Restaurant bei durchschnittlich 263 Kilokalorien pro 100 Gramm, die aufs Tablett kommen. Die Nahrung, die der durchschnittliche Mitteleuropäer zu sich nimmt, hat im Mittel dagegen nur einen Energiegehalt von 160 Kilokalorien pro 100 Gramm. Empfohlen wird sogar nur ein Nährwert von 125 Kilokalorien pro 100 Gramm.

Selbst auferlegte Maßnahmen der Firmen, die Größe und Energiegehalt der Portionen verringern sollen, werden nur sehr zögerlich umgesetzt. Auch wenn einzelne Anbieter neuerdings gesündere Produkte im Programm haben, sind kleinere Portionsgrößen, Burger mit magerem Fleisch sowie Vollkornprodukte und Obst bei den Fast-Food-Ketten immer noch die Ausnahme.

Der King unter den Burgern ist nach Ansicht der Warentester denn auch ein kalorisches Leichtgewicht - der Cheeseburger von McDonald's. Die Prüfer loben ihn, weil er angeblich "schmeckt, wie ein Burger schmecken soll - deutlich nach Rindfleisch und Grill.

Und er überzeugte im Labor." Sein Energiegehalt beträgt nur 284 Kilokalorien. Für das Testergebnis waren neben Verpackung und Hygiene hauptsächlich der Nährwert und der Energiegehalt entscheidend. Auf dem letzten Platz landete der schwerste Burger - der "Chicken Supreme" von Burger King.

Auch die anderen getesteten Geflügelprodukte enttäuschten. Obwohl sie im Ruf stehen, gesünder als die Burger mit Rindfleisch oder Schwein zu sein, enthielten sie mehr Fett, mehr Salz und zu viel Panade.

Dass einzelne positiv bewertete Hamburger kein Freibrief für die Ernährung in Fast-Food-Ketten sind, bestätigt auch eine jüngst veröffentlichte Langzeitstudie (2).

Amerikanische Wissenschaftler hatten dafür 15 Jahre lang Daten von mehr als 3000 jungen Erwachsenen in den USA gesammelt. Das Ergebnis ist eindeutig und bestätigt bisherige Erfahrungen aus kürzeren Untersuchungen: Wer mehr als zweimal die Woche ein Fast-Food-Restaurant aufsuchte, nahm vier bis fünf Kilo mehr zu als Gleichaltrige, die nur selten dort aßen.

Die Liebhaber der Big Macs und Doppelwhopper hatten außerdem eine um das Zweifache erhöhte Insulinresistenz. Diese ist ein Maß für die Zuckerverwertung im Körper. Erhöhte Werte gehen mit einem deutlich erhöhten Risiko einher, an Diabetes zu erkranken.

"Es ist aber nicht das Essen von Fast-Food allein, das zur Gewichtserhöhung beiträgt", ergänzt der dänische Ernährungsexperte Arne Astrup. Schließlich wisse man, dass regelmäßige Besucher von Schnellrestaurants generell weniger auf ihre Gesundheit achten.

Sie trinken auch mehr Alkohol, essen insgesamt fetter und süßer, nehmen seltener Obst, Gemüse und Vollkornprodukte zu sich und bewegen sich auch weniger. "Dauergast bei den Burger-Anbietern zu sein, ist einfach ein generelles Zeichen für ungesunden Lebensstil", so Astrup.

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Quelle:
SZ vom 21.1.2005
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