Süddeutsche Zeitung

Arecibo-Teleskop:Das Auge hat sich geschlossen

Das riesige Radioteleskop in den Bergen Puerto Ricos ist nach 57 Jahren zusammengebrochen. Mit seiner Hilfe gelangen viele Entdeckungen. Nur außerirdisches Leben konnte es nicht aufspüren - dafür war James Bond zu Besuch.

Von Hanno Charisius

Fast 39 000 Aluminiumpaneele, jedes gut ein Meter breit und zwei Meter lang, hingen jahrzehntelang in einem Stahlseilnetz im Bergwald Puerto Ricos und fingen Radiostrahlen aus dem Weltall ein. Das Arecibo-Teleskop sah aus großer Entfernung aus wie ein riesiges Auge im dichten Grün der Bäume. Ein Auge, mit dem Astronomen das All absuchten - auch nach Signalen ferner Zivilisationen. Seit Dienstag ist dieses Auge blind.

An diesem Tag gab die National Science Foundation (NSF) der USA bekannt, dass der an Stahlseilen über der Empfangsschüssel hängende Instrumententräger abgestürzt sei. Niemand wurde verletzt, doch das Teleskop ist zerstört.

So schön wie im Bond-Film "Golden Eye" anno 1995 sah das Arecibo-Teleskop allerdings schon lange nicht mehr aus. Das futuristische Bauwerk diente als Kulisse für eine Schurkenfantasie mit dem irischen Schauspieler Pierce Brosnan in der Hauptrolle als Weltenretter 007. Am Ende flog natürlich eine Arecibo-Replika genregerecht in die Luft.

Der Verfall zeichnete sich ab

Doch in den vergangenen Jahren zeichnete sich auch an der echten Anlage bereits der Verfall ab, und Anfang November war sie laut NSF-Mitteilung bereits evakuiert worden, nachdem tragende Stahlseile gerissen waren. Doch bevor die vor fast einem Monat beschlossenen Rückbauarbeiten begonnen wurden, kollabierte das Teleskop. Die aktuellen Bilder sehen tatsächlich so aus, als hätte ein James Bond dort gewütet.

Der etwa 900 Tonnen schwere Instrumententräger stürzte am Dienstag um 7.55 Uhr aus einer Höhe von 137 Metern ab und zerstörte die Empfangsschüssel komplett. Ein weiteres tragendes Stahlseil hat vermutlich nachgegeben, nachdem die verbliebenen Fixpunkte nach den ersten Seilrissen mehr Last aufnehmen mussten.

Nach einer Bauzeit von drei Jahren nahm das Teleskop 1963 seine Arbeit auf. Die Konstrukteure hatten es in eine natürliche Senke im Bergwald gebaut, die umliegenden Hügel und darauf aufgepflanzte Stahlbetonpfeiler dienten als Anker für die tragenden Stahlseile. Zunächst sollte nur ein Drahtgeflecht mit gut 300 Meter Durchmesser Radiosignale auffangen. Erst Anfang der 1970er-Jahre wurden nachträglich die Aluminiumplatten installiert, wodurch sich die Auflösung des Teleskops deutlich verbesserte. Bis zum Jahr 2016 war das Teleskop das größte weltweit mit nur einer riesigen Empfangsschüssel.

Das Teleskop verhalf zu einem Nobelpreis

Es diente zunächst der Atmosphärenforschung und dann Radioastronomen. Nach dem Aluminium-Upgrade war es das Werkzeug, mit dem die amerikanischen Astronomen Russell Hulse und Joseph Taylor 1974 erstmals einen Doppelpulsar, das sind zwei einander umkreisenden Neutronensterne, im 21 000 Lichtjahre entfernten Sternbild Adler entdeckten. Den beiden gelang auch die indirekte Beobachtung von Gravitationswellen, wofür sie später mit dem Nobelpreis für Physik geehrt wurden. 1992 folgte mit Arecibos Hilfe die Entdeckung eines Planeten, der um einen Pulsar kreist. Ein Pulsar ist eine tote Sonne, ein Neutronenstern, mit nur wenigen Kilometern Durchmesser, der pulsierende Radiowellen aussendet.

Das Teleskop ist jedoch nur ein Tel des Observatoriums in den Bergen Puerto Ricos. Die übrige wissenschaftliche Infrastruktur solle nach Möglichkeit erhalten werden, schreibt die NSF. "Wir versuchen jetzt, das Ausmaß des Schadens zu bestimmen", sagt NSF-Direktor Sethuraman Panchanathan. "Wir wollen den Betrieb anderer Teile des Observatoriums und des Ausbildungszentrums aufrechterhalten, um die Wissenschaft, aber auch die Menschen von Puerto Rico zu unterstützen."

Das Teleskop war außerdem an der Suche nach außerirdischem Leben beteiligt. Das Seti-Projekt (Search for extraterrestrial intelligence) nutzte viele Jahre Signale, die von der Arecibo-Antenne aus dem All aufgefangen worden waren, um diese nach Hinweisen auf Alien-Botschaften zu durchsuchen. Erfolglos zwar, doch beteiligten sich viele Menschen auf der ganzen Welt an der Suche, in dem sie eine Software auf ihren Computern installierten und so Rechenkapazität für die Signalanalyse zur Verfügung stellten.

Hallo, ist da draußen jemand?

Am 16. November 1974 wurde das Teleskop, das Radiosignale auffängt, selbst zum Sender. Über die Antenne ging eine Radiobotschaft der Menschheit hinaus ins Weltall. Der Astronom und Astrophysiker Frank Drake war einer der Hauptautoren dieser Nachricht, die in Richtung des 25 000 Lichtjahre entfernten Kugelsternhaufens M13 im Sternbild Herkules abgestrahlt wurde. Dort liegen viele Sterne auf wenig Raum, und die Hoffnung der Wissenschaftler war, dass dort die Chancen, dass ihre Botschaft von Außerirdischen aufgefangen wird, vergleichsweise hoch sein könnten. Drakes Botschaft enthält binär codiert in Form von Nullen und Einsen Informationen über die Biologie des Menschen, die Erbinformationen und die Herkunft des Signals.

Drake ersann auch eine Formel, mit der sich die Zahl der intelligenten und hinreichend technisierten Zivilisationen in der Milchstraße beziffern lassen soll. Je nachdem, wie man die vielen Unbekannten dieser Gleichung befüllt, kommen dabei einige Hundert bis mehrere Millionen Zivilisationen in der Milchstraße heraus, die in der Lage sein sollten, die Botschaft der Erde zu empfangen.

Bislang wurde auf der Erde keine außerirdische Antwort auf die Arecibo-Botschaft registriert. Allerdings kommt das Signal auch erst in 25 000 Jahren im anvisierten Kugelsternhaufen an.

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