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Homöopathie:Heilung nach dem Ähnlichkeitsprinzip

Unerklärbar ist auch, weshalb eine verschwindend winzige Dosis einer Substanz als Heilmittel wirken soll, während man täglich ein Vielfaches davon über die Nahrung aufnimmt.

Homöopathika, jedenfalls solche in höheren Potenzen (über D12), haben tatsächlich keinerlei nachweisbare Wirkung. Keine der von Homöopathen bislang vorgelegten Studien konnte überzeugen. (Der Vergleich von Untersuchungen mit homöopathischen und schulmedizinischen Mitteln zeigt vielmehr, dass Erstere dabei schlecht abschneiden.)

Wirkung muss nicht nachgewiesen werden

Im Übrigen zählt die Homöopathie nach dem Arzneimittelgesetz von 1976 zu den sogenannten besonderen Therapierichtungen, deren Heilmittel gar nicht den strengen Prüfungsanforderungen unterliegen, die an reguläre Arzneimittel gestellt werden.

Ihre behauptete Wirkung muss insofern gar nicht anhand der wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen werden, die Maßstab der Zulassung jedes anderen Medikaments sind. Eine klinisch-kontrollierte Arzneimittelprüfung außerhalb des homöopathischen Binnenkontexts findet nicht statt.

Überzeugte Homöopathen wehren solche Kritik kategorisch ab mit dem Verweis auf die zahlreich dokumentierten Heilerfolge ihrer Methode.

Diese Erfolge lassen sich allerdings jenseits der behaupteten Heilkräfte der eingesetzten Präparate erklären. Sie sind psychotroper Natur: Sie begründen sich in den - tatsächlich ausgezeichneten - Placeboeffekten, die mit einer homöopathischen - sprich: scheinmedikamentösen - Behandlung zu erzielen sind.

Ansonsten beruht der "Erfolg" der Homöopathie vielfach darauf, dass eine große Zahl krankhafter Störungen, beispielsweise Erkältungen, Verdauungsprobleme, Ermüdungs- und Erschöpfungszustände durch Schonung, einfache Hausmittel oder ganz ohne jede Behandlung wieder verschwinden.

Patienten mit solchen Leiden suchen häufig "alternative" Heiler auf, die dann, ebenso wie sie selbst, natürliche oder spontane Heilungsverläufe oder auch zyklische Besserungen als Ergebnis der jeweiligen "Behandlung" interpretieren.

Da die Homöopathie einen Heilerfolg stets nur "langfristig" in Aussicht stellt, kann eine irgendwann tatsächlich eintretende Besserung allemal der jeweiligen Behandlung zugeschrieben werden, auch wenn diese mit dem Krankheits- beziehungsweise Heilungsverlauf gar nichts zu tun hat.

Sollte im Übrigen eine Behandlung partout nicht anschlagen, haben Homöopathen häufig eine einfache Erklärung parat:

Dem Patienten, so heißt es dann immer wieder, standen keine "Regulationspotentiale" mehr zur Verfügung, sein Organismus sei durch "Miasmen" (griech.= Befleckungen) so sehr geschwächt oder blockiert, dass die homöopathische Therapie nicht mehr greifen könne. Bei "Miasmen" soll es sich um Schädigungen handeln, die etwa vererbt oder durch frühere schulmedizinisch-pharmazeutische Behandlungen (Antibiotika, Impfstoffe etc.) verursacht wurden.

Selbst Zustandsverschlechterungen ist vorgebaut: Diese sind häufig angeblich ein untrügerisches Zeichen dafür, dass die Behandlung wirkt. Tritt nach der sogenannten Erstverschlimmerung keine Besserung ein, werden dann wieder besagte "Miasmen" herangezogen, von denen "in unserem Kulturkreis" grundsätzlich jeder Organismus belastet sei.

Übrigens wird Homöopathie nicht dadurch wirksamer, dass sie vielfach auch in ärztlichen Praxen anzutreffen ist und die Präparate über die Apotheke verkauft werden. Vielmehr fühlen sich viele Patienten dadurch sicher noch in der Annahme bestärkt, die Mittel hätten ihre Wirksamkeit bereits unter Beweis gestellt. Was - über einen Placeboeffekt hinausgehend - eben nicht der Fall ist.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.