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Farbentherapie:Mit Licht gegen Leiden

In den heilkundlichen Überlieferungen nahezu jeder Kultur spielt "Farbmagie" eine wichtige Rolle. Welche Farbe wie eingesetzt werden sollte, da sind sich moderne Therapeuten allerdings nicht einig.

Colin Goldner

In den heilkundlichen Überlieferungen nahezu jeder Kultur spielt "Farbmagie" eine wichtige Rolle: In der Volksmedizin Chinas beispielsweise wurden Darmerkrankte mit gelber Farbe bestrichen, Epileptiker setzte man auf violette Teppiche, Scharlachkranke wurden in rote Tücher eingewickelt.

Die traditionelle indische Medizin des Ayurveda bedient sich heilkräftigen Wassers, das mit Hilfe von Sonnenlicht und farbigem Glas energetisch "aufgeladen" wird. Auch im alten Ägypten sowie in Griechenland sollen ähnliche Praktiken bekannt gewesen sein, ausdrücklich ist in der abendländischen Heiltradition aber erstmalig bei dem römischen Schriftsteller Plinius Secundus die Rede von der Heilkraft der Farben.

Auch Goethe beschäftigte sich ausgiebig mit der Wirkung von Farben auf das seelische Empfinden. Sein 1810 erschienenes Buch "Die Farbenlehre" soll er für sein eigentliches Lebenswerk gehalten haben, weit bedeutungsvoller als seine gesamten literarischen Arbeiten. Er selbst betrachtete seine Farbenlehre allerdings weniger als naturwissenschaftliche Arbeit sondern als Metaphysik.

Die "moderne" Farbtherapie geht im wesentlichen auf die Arbeiten des Amerikaners Edwin D. Babitt zurück, der bereits 1878 in seinem Werk "The Principles of Light and Colour" die Heilkräfte einzelner Farben sowie praktische farbtherapeutische Behandlungsmöglichkeiten beschrieb.

Besonders populär war Farbtherapie Anfang des 20. Jahrhunderts. 1912 veröffentlichte der Astrologe Oskar Ganser das Buch "Chromotherapie" (chroma: griech.= Farbe), in dem er seine "iatromathematischen" Erkenntnisse (iatrós: griech.= Arzt) über die Verbindung von Planeten und Tierkreiszeichen mit bestimmten Farben und damit korrespondierenden inneren Organen vorlegte.

Mangels nachweisbarer Erfolge verlor die Farbtherapie ab den 1920er Jahren allerdings zunehmend an Bedeutung.

Anfang der 1950er Jahre erlebte sie mit dem Persönlichkeitstest des Schweizer Psychologen Max Lüscher (*1923) allerdings eine ungeahnte Wiedergeburt. Im Gefolge dieses gerade auch bei Laien äußerst populären Verfahrens erschien Mitte der 1950er ein Übersichtsband "Heilkräfte der Farben", der der Farbtherapie zu erneutem Ansehen verhalf.

1979 veröffentlichte dann der Heilpraktiker Heinz Schiegl ein umfängliches Lehrbuch zur "Colortherapie", in dem er nicht nur detaillierte Anweisungen zur Selbstbehandlung mit Farblicht gab, sondern gleich ein Set an Farbfiltern zum Aufsatz auf die Nachttischlampe mitlieferte. Zudem stellte er professionelle Farbstrahlgeräte vor, beispielsweise das "Colortron I" zur Ganzkörperbestrahlung: ein Apparat mit sechs Glühbirnen, denen verschiedenfarbige Filter vorgesetzt werden können.

Zur Behandlung wird der Patient einfach dem Farblicht ausgesetzt, mittels gebündelter Lichtkegel können aber auch einzelne Körperteile oder Akupunkturpunkte gezielt bestrahlt werden.

Zu Beginn der Behandlung wird der Körper in der Regel mit grünem Licht bestrahlt, die eigentliche Therapie erfolgt mit der Farbe, deren "Heileigenschaft" der jeweils diagnostizierten Störung oder Erkrankung zugeordnet ist. Stoffwechselstörungen ließen sich etwa mit Rot behandeln, neurologische Probleme mit Blau, Immunschwäche mit Grün; bei Magen-, Galle und Leberleiden sei Gelb, bei Tumorerkrankungen hingegen Rosa wirksam.

Ein Wirksamkeitsnachweis ist die Behandlung mitdem Colortron I allerdings bislang schuldig geblieben.

Anderer Autor - andere Farbe

Und bei anderen Autoren werden ganz andere Farben empfohlen: Laut Heilpraktiker Adolfo Wagener etwa werde das Immunsystem nicht durch Grün sondern durch Orange gestärkt, das zudem Löcher in der Aura schließe und den Ätherkörper auflade. Ratsam sei Orange insbesondere auch bei Virus-Infektionen, chronischem Rheuma und Gallenproblemen. Grün wirke gegen Krebs.

Und den Erkenntnissen des "SpectroChrom-Therapeuten" Dinshah Ghadiali zufolge soll Orange die Drüsentätigkeit anregen, hilfreich bei Krämpfen jeder Art sein und sich tonisierend auf das Lungengewebe auswirken.

Etwas weniger altmodisch als das "Colortron I" - dafür aber genauso unwirksam - kommt der sogenannte "Promed Light Therapist" daher: Das Farblicht wird hier über ein Set an Leuchtdioden erzeugt. Je nach Erkrankung und therapeutischer "Schule" dauert die Farblichtbehandlung, auch als Eichotherm- oder Bioinformationstherapie bekannt, unterschiedlich lange: von fünf Minuten bis zu einer ganzen Stunde, täglich einmal oder mehrfach wiederholt, sieben, zehn oder dreißig Tage hintereinander, mit Abständen von ein paar Tagen, von Wochen oder Monaten.

Moderne Praxen bedienen sich bevorzugt des "Bioptron®Compact III", eines Lichtstrahlers in "zeitgemäßem Design", dem verschiedene Farbfilter vorgesetzt werden können.

Ein plausibles theoretisches Konzept für die Farbtherapie existiert nicht. Verfechter des Heilverfahrens nehmen gern Bezug auf chinesische oder ayurvedische Überlieferungen oder verweisen auf die Farbenlehren Goethes, Rudolf Steiners und insbesondere auf die erwähnten Arbeiten Max Lüschers.

Vor allem aber bemüht man auch die Theorien des Physikers Fritz-Albert Popp, der behauptet, der menschliche Körper sei von einem "Biophotonenfeld" umgeben, das sämtliche organismischen Abläufe regle. Manche Anhänger der Farbtheorie gehen davon aus, dass es mittels bestimmter Farbschwingungen möglich ist, in dieses Kraftfeld Informationen zur Behebung etwaiger Funktionsstörungen des Organismus einzuschleusen.

Allerdings warten Naturwissenschaftler noch immer auf Belege für Popps Biophotonen-Theorie. Und für die sonstigen Behauptungen in der einschlägigen Literatur, die Haut sei in der Lage, Farbschwingungen aufzunehmen und deren Wirkung ins Innere des Körpers weiterzuleiten, fehlt jeder Beleg.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.

© sueddeutsche.de/mcs

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