Craniosakrale Therapie Im mysteriösen Rhythmus der Hirnflüssigkeit

Nein, mit dem Begriff heilig (sakral) hat die Craniosakraltherapie wirklich nichts zu tun. Die Behandlung tritt als Sonderform der Physiotherapie auf - doch ihre Wirkung ist nicht belegt.

Von Colin Goldner

Die Craniosakrale Therapie stellt eine Sonderform der Physiotherapie, genauer der Osteopathie, dar. Die Osteopathie ist ein eigenständiges System von Manipulationen von Knochen, Gelenken und Weichteilen, bei denen nicht in den Körper eingegriffen wird (noninvasiv).

Craniosakraltherapie: Eine "noninvasive" Technik ohne Wirkungsnachweis.

(Foto: Foto: digitalstock)

Der Begriff "craniosakral" hat nichts mit dem Wort "sakral" im Sinne von "heilig" zu tun. Vielmehr leitet sich das Wort von der griechischen Bezeichnung "craníon" (Schädel) und dem lateinischen Begriff "os sacrum" (Kreuzbein) ab.

Entwickelt wurde die Craniosakrale Therapie angeblich in den 1940ern von dem amerikanischen Chiropraktiker William Garner Sutherland. Nach anderen Quellen ist sie allerdings bereits älter und geht auf einen Osteopathen namens Andrew Taylor Still zurück beziehungsweise wurde erst später von einem gewissen John Upledger entwickelt.

Der Therapeut versucht bei diesem Heilverfahren, durch spezifischen Druck auf Schädel und untere Wirbelsäule das angeblich zu erspürende rhythmische - und im Störungsfall eben nicht rhythmische - Pulsen der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) zu beeinflussen.

Auch (vermeintliche) Fehlstellungen oder Inelastizitäten der Schädel-, Wirbel- und Beckenknochen sollen auf diese Weise "korrigiert" werden.

Ganz allgemein geht es bei der Craniosakralen Therapie um einen "Spannungsausgleich im Schädel", wodurch angeblich nicht nur "die Motivation und die Leistungsfähigkeit des Gehirns verbessert" wird, sondern auch und insbesondere bei "emotionalem Stress und dessen Folgeerscheinungen" eine Besserung eintreten soll.

Das Gleiche gilt nach Aussage von Craniosakral-Therapeuten für psychosomatische Krankheitsbilder, posttraumatische und postoperative Probleme, sowie Störungen des zentralen Nervensystems.

Für Anhänger ein Allheilmittel

Unter gläubigen Anhängern gilt das Verfahren sogar als "Allheilmittel", das nicht zuletzt auch bei Skoliose (Wirbelsäulenverkrümmung), Allergien und akuten wie auch chronischen Schmerzzuständen hilfreich sein soll.

Nicht wenige Praktiker sind davon überzeugt, es ströme, ähnlich wie beim Handauflegeverfahren des Reiki, göttliche Heilkraft durch ihre Hände.

Für derlei Behauptungen gibt es allerdings keinerlei ernstzunehmenden Beleg. Ungeachtet der bemühten Wissenschaftssprache der einschlägigen Literatur ist Craniosakrale Therapie - auch bekannt als CS-Technik, Craniosakralostheopathie oder unter dem amerikanischen Begriff Craniosacral Integration (CSI) - wissenschaftlich durch nichts abgesichert.

Nicht ohne Risiko

Vor allem in der Hand mangelhaft qualifizierter Praktiker gehen sämtliche Eingriffe an Knochen, Gelenken, Muskeln oder inneren Organen sogar mit nicht unerheblichen Risiken einher.

Gerade bei Manipulationen an Schädel oder Wirbelsäule ist das Risiko völlig unkalkulierbar - auch wenn die Behandlungen noch so wortreich als "nicht invasiv", "sanft" oder "schonend" apostrophiert sind.

Craniosakrale Manipulation von Schädel und Wirbelsäule muss deshalb als kostspieliger und zugleich gefährlicher Unfug gewertet werden.

Besonders gewarnt werden muss vor dem medizinisch durch nichts angezeigten oder gerechtfertigten Herumgedrücke und -geziehe an Schädel und Wirbelsäule bei Neugeborenen.

Behandlung von Lernstörungen und Legasthenie

In einem craniosakraltherapeutischen Praxishandbuch ist die Rede davon, "die noch sehr beweglichen Schädelnähte und Schädelknochen des Neugeborenen können beim Geburtsvorgang im Falle der Scheitelbeine bis zu 1,5 Zentimeter überlappen", was zu einer "Einengung" von Arterien, Venen und Nerven des Gehirns mit daraus erwachsenden Koliken und Allergien (!) führen könne.

Eine craniosakrale Behandlung mit manueller Korrektur der Scheitelbeinüberlappungen sei insofern bei jedem Neugeborenen dringend angezeigt, "um Fehlentwicklungen vorzubeugen". Wie der Verband der Osteopathen Deutschlands e.V. eigens betont, lasse sich der Schädel von Neugeborenen "sehr gut behandeln, da die Knochen noch sehr weich sind und teilweise noch aufeinander zuwachsen müssen."

Auch bei älteren Kindern wird von den Anhängern der Behandlungsmethode zur Craniosakralen Therapie geraten: Konzentrations- und Lernstörungen, auch Sprachprobleme und Legasthenie (!), seien vielfach bedingt durch "Kompression und Fehlstellung der Schädelknochen", was sich craniosakraltherapeutisch in wenigen Behandlungsstunden beheben lasse.

Besonders gut soll sich die Craniosakrale Therapie daher auch für die logopädische Praxis eignen. Selbst zur Aufarbeitung frühkindlicher (oder sonstiger) Psychotraumata sei die Behandlung die Methode der Wahl.

Nur liegen auch für diese Behauptungen keinerlei ernstzunehmende Belege vor.

Eine Komplettausbildung in Craniosakraler Therapie ist übrigens in zwei Tagen zu absolvieren, seriösere Institute setzen immerhin vier Tage an. Selbst Fernlehrgänge per Post finden sich im Angebot. Kosten: ab 250 Euro.

Nachzutragen ist der warnende Hinweis, dass man sich (oder sein Kind) prinzipiell nur dann einer physiotherapeutischen oder osteopathischen Behandlung unterziehen sollte, wenn diese ärztlich verordnet und von einer fachlich ausreichend qualifizierten Fachkraft durchgeführt wird. Und Behandlungen von Schädel oder Wirbelsäule erfordern grundsätzlich eine vorherige Röntgenüberprüfung der betreffenden Bereiche.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.