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Kinesiologie:Diagnose mit dem "Muskeltest"

Zur Therapie beispielsweise von Verdauungsproblemen sei der erste Punkt des Milzmeridians, gelegen auf der Innenseite des großen Zehs, kräftig zu drücken. Einen Wirkbeleg für die "Touch-for-Health"-Druckpunktmassage gibt es nicht.

Der Amerikaner Paul E. Dennison erweiterte die kinesiologische Angebotspalette um die sogenannte "Edu-Kinestetik", ein Set simpler Gymnastikübungen (z.B. "Schwingen mit dem Oberkörper" oder "Mit den Armen eine liegende 8 in die Luft malen"), die, verbunden mit sogenannten "Brain-Gym"-Übungen, eine "Verbindung der beiden Gehirnhälften" herzustellen und damit eine Vielzahl an Störungen zu beheben in der Lage seien.

Mit Brain-Gym-Übungen der folgenden Art sollen "Lernblockaden" und "legasthenische Störungen" aufgelöst werden: "1. mit je zwei Fingern den Rand des Schambeins und mit weiteren zwei Fingern die Unterlippe für 30 Sekunden halten. Dies hilft, besser geerdet zu sein, hält den Körper entspannt und den Geist wach. Es ermöglicht, nach unten zu sehen, ohne dass die Augenenergien abschalten ('Erdknöpfe', Zentralmeridian).

2. mit zwei Fingern das Steißbein und mit zwei weiteren Fingern die Oberlippe für 30 Sekunden halten. Dies verhilft zu einer besseren Raumorientierung und hält dich offen für Informationen von außen ('Raumknöpfe', Gouverneursmeridian). 3. dehne und ziehe die Ohren sanft von innen nach außen und von oben nach unten. So kannst Du besser zuhören ('Denkmütze')" .

Mit "Edu-Kinestetik" und "Brain-Gym" macht Kinesiologie sich seit Jahren im lukrativen Nachhilfe- und Lernförderungsmarkt breit, unzählige Lehrer und Heilpraktiker bieten derlei "Lernhilfe" an.

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) warnt, kinesiologische Verfahren seien nicht nur unnütz und teuer, sondern auch schädlich, wenn damit wertvolle Zeit für wirkliche Hilfe vertan werde.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.

© sueddeutsche.de/mcs
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