Süddeutsche Zeitung

Biorhythmik:Vorsicht an "kritischen Tagen"

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Angeblich wird unser Leben bestimmt von einem Körper-Rhythmus, einem Seelen- und einem Geistes-Rhythmus. Mit realen biologischen Rhythmen haben diese Zyklen allerdings nichts zu tun.

Colin Goldner

Ein langjähriger Brieffreund Sigmund Freuds, der Berliner Hals-Nasen-Ohrenarzt Wilhelm Fließ (1855-1928) glaubte im Zuge seiner medizinischen Forschungen entdeckt zu haben, dass sämtliche Vorgänge des menschlichen Lebens in periodischen Zyklen ablaufen.

Nicht nur Geburts- und Todestage oder zeitliche Abstände einer Geschwisterreihe unterlägen bestimmten zyklischen Gesetzmäßigkeiten, sondern vor allem Krankheiten ließen seiner Meinung nach konstante periodische Abläufe erkennen.

Körperliche Symptome, so meinte Fließ, unterlägen einem 23-Tage-Rhythmus, psychische Symptome einem 28-Tage-Rhythmus. Nach einer ersten Veröffentlichung zu dieser Idee im Jahre 1897 erschien 1906 sein Grundlagenwerk "Der Ablauf des Lebens" .

Etwa zeitgleich führte der Wiener Psychologe Hermann Swoboda ganz ähnliche Studien durch. Er entwickelte eine Art Rechenschieber, mit dem biorhythmisch kritische Tage berechnet werden konnten. Swoboda, der sich von Freud hatte analysieren lassen, wurde von Fließ öffentlich bezichtigt, ihm seine Ideen der "zwiefachen Periodizität aller Lebensvorgänge" gestohlen zu haben.

Seine Vermutung, Swoboda habe von Freud davon erfahren - dem hatte er in umfänglichem Schriftwechsel von seinen Arbeiten berichtet - wurde von diesem auch zugegeben. Fließ brach daraufhin seinen Kontakt zu Freud ab .

Zur Fließschen Periodenlehre eines 23-tägigen Körper- sowie eines 28-tägigen Seelen-Rhythmus kam 1928 die Entdeckung des österreichischen Ingenieurs Friedrich Teltscher eines sogenannten "Intellekt-Rhythmus" mit einer Periode von 33 Tagen hinzu. Selbst einen vierten Rhythmus von 38 Tagen, den sogenannten "Feinsinnigkeits-Rhythmus", der den Geschmacks- und Schönheitssinn beeinflusse, wollte Teltscher entdeckt haben .

Ende der siebziger Jahre wieder ausgegraben

Im Zuge der Esoterik- und Alternativmedizinbewegung wurden die längst in Vergessenheit geratenen Texte von Fließ und Swoboda Ende der 1970er Jahre ausgegraben und zur heutigen Biorhythmenlehre neu aufbereitet .

Die Vorstellung eines K-(Körper)-Rhythmus mit 23-tägiger Periode, der Energie, Angriffslust, Ausdauer und Widerstandskraft beeinflusse, eines S-(Seelen)-Rhythmus mit 28-tägiger Periode, der Gefühl, Stimmung, Intuition, schöpferische Fähigkeiten beeinflusse, sowie eines G-(Geistes-)Rhythmus mit 33-tägiger Periode, der Reaktionsschnelligkeit, Konzentrationsfähigkeit, Kombinationsgabe beeinflusse, ist heute hochpopulär.

Vorsicht an "kritischen Tagen"

Dem von Teltsch gefundenen "Feinsinnigkeits-Rhythmus" mit 38-tägiger-Periode wird von heutigen Anhängern der Biorhythmik dagegen keine weitere Bedeutung zugemessen.

Alle drei Perioden gehen laut Biorhythmik von der Geburtsstunde aus und verlaufen in sinusförmigen Kurven. Trägt man diese Kurven auf einer Meßgeraden auf, entstehen Schnittstellen.

Tage, an denen die Kurven einander schneiden oder die Messgerade kreuzen, gelten als "kritisch". Tage, an denen die Kurven ihren Höchst- beziehungsweise Tiefstpunkt erreichen, sollen für körperliche, seelische oder geistige Aktivität besonders geeignet beziehungsweise ungeeignet sein.

Nicht operieren, nicht fliegen, nicht spielen

Es werden Tabellen, elektronische Kurvenzeichner und Taschenrechner zum Kauf angeboten, mit deren Hilfe man die "kritischen" Tage im Lebensablauf vorhersehen kann . Insbesondere im Sport spielt Biorhythmenanalyse eine nicht unbedeutende Rolle: bei der Aufstellung von Fußball- oder sonstigen Mannschaften werden die Leistungskurven der einzelnen Sportler berücksichtigt.

Viele Ärzte lehnen Operationen an biorhythmisch kritischen Tagen ab, manche amerikanischen und japanischen Flug- und Busgesellschaften werden angewiesen, die biorhythmischen Kurven ihrer Piloten und Fahrer bei deren Einsatz zu überprüfen.

Der Absturz eine Maschine der United Airlines in Chicago am 8.12.1972 soll nachweislich darauf zurückzuführen gewesen sein, dass der Captain in allen drei Rhythmen eine niedrigre Phase hatte, der Kopilot sich in körperlich und intellektuell doppelt kritischem Rhythmus befand und der Flugingenieur emotional und körperlich in einer niedrigen Phase war.

Auch Manager verlegen wichtige Termine in biorhythmisch günstige Zeiten und Studenten versuchen, Prüfungen mit einer Hochphase ihres G-Rhythmus abzustimmen. In der esoterischen und alternativmedizinischen Therapie kommt der Biorhythmenlehre eine herausragende Bedeutung zu: "Indem wir uns mit der Beziehung zwischen unserem biorhythmischen Muster und unserem Verhaltensmuster vertraut machen", wie es in einem einschlägigen Lehrbuch heißt, "können wir lernen, die unerwünschten Veränderungen auszugleichen, die auf die Wirkung der Biorhythmen zurückzuführen sind".

Vorsicht an "kritischen Tagen"

Krankheiten könnten vermieden werden, indem an "kritischen" Tagen mögliche Infektionsquellen gemieden würden - also keine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln!. Sollte man indes trotz aller Vorsicht erkranken, könne die Heilung erheblich beschleunigt werden durch gezielte Behandlung an biorhythmisch geeigneten Tagen: "regulationsmedizinische Verfahren wie Akupunktur, Homöopathie, Kinesiologie oder Neuraltherapie seien an diesen Tagen besonders wirksam.

Im übrigen sollte grundsätzlich keine eheliche Bindung ohne Aufstellung eines Vergleichsrhythmogramms eingegangen werden.

Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben den Nachweis erbracht, dass die Vorstellungen der Biorhythmiker gänzlich unsinnig sind . Insbesondere gilt der Anspruch als widerlegt, mittels biorhythmischer Analysen könnten zufallsunabhängige Aussagen über das Auftreten selbstverschuldeter Unfälle getroffen werden.

Keine Zusammenhänge auffindbar

Auch ein Zusammenhang zwischen Schulnoten und biorhythmischen Kurven konnte nicht gefunden werden. Darüber hinaus gibt es keinerlei Beleg für die Behauptung, aus den Rhythmogrammen zweier Menschen könne das Gelingen beziehungsweise Scheitern einer Beziehung vorhergesagt werden:

So eindrucksvoll das enorme Datenmaterial und die vielfältigen Rechnereien überzeugter Biorhythmiker zweifellos vielen erscheinen, es ist nichts anderes als imposanter numerologischer Humbug .

Mit den tatsächlich nachweisbaren zyklischen biologischen Phänomenen wie etwa dem circadianen Rhythmus (unsere innere Uhr) oder der regelmäßig wiederkehrenden Produktion bestimmter Hormone hat die Lehre der Biorhythmik nichts zu tun.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.

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