Biorhythmik:Vorsicht an "kritischen Tagen"

Lesezeit: 3 min

Angeblich wird unser Leben bestimmt von einem Körper-Rhythmus, einem Seelen- und einem Geistes-Rhythmus. Mit realen biologischen Rhythmen haben diese Zyklen allerdings nichts zu tun.

Colin Goldner

Ein langjähriger Brieffreund Sigmund Freuds, der Berliner Hals-Nasen-Ohrenarzt Wilhelm Fließ (1855-1928) glaubte im Zuge seiner medizinischen Forschungen entdeckt zu haben, dass sämtliche Vorgänge des menschlichen Lebens in periodischen Zyklen ablaufen.

Biorhythmik: Tage, an denen unsere Zyklus-Kurven einander schneiden, gelten als "kritisch".

Tage, an denen unsere Zyklus-Kurven einander schneiden, gelten als "kritisch".

(Foto: Foto: iStock)

Nicht nur Geburts- und Todestage oder zeitliche Abstände einer Geschwisterreihe unterlägen bestimmten zyklischen Gesetzmäßigkeiten, sondern vor allem Krankheiten ließen seiner Meinung nach konstante periodische Abläufe erkennen.

Körperliche Symptome, so meinte Fließ, unterlägen einem 23-Tage-Rhythmus, psychische Symptome einem 28-Tage-Rhythmus. Nach einer ersten Veröffentlichung zu dieser Idee im Jahre 1897 erschien 1906 sein Grundlagenwerk "Der Ablauf des Lebens" .

Etwa zeitgleich führte der Wiener Psychologe Hermann Swoboda ganz ähnliche Studien durch. Er entwickelte eine Art Rechenschieber, mit dem biorhythmisch kritische Tage berechnet werden konnten. Swoboda, der sich von Freud hatte analysieren lassen, wurde von Fließ öffentlich bezichtigt, ihm seine Ideen der "zwiefachen Periodizität aller Lebensvorgänge" gestohlen zu haben.

Seine Vermutung, Swoboda habe von Freud davon erfahren - dem hatte er in umfänglichem Schriftwechsel von seinen Arbeiten berichtet - wurde von diesem auch zugegeben. Fließ brach daraufhin seinen Kontakt zu Freud ab .

Zur Fließschen Periodenlehre eines 23-tägigen Körper- sowie eines 28-tägigen Seelen-Rhythmus kam 1928 die Entdeckung des österreichischen Ingenieurs Friedrich Teltscher eines sogenannten "Intellekt-Rhythmus" mit einer Periode von 33 Tagen hinzu. Selbst einen vierten Rhythmus von 38 Tagen, den sogenannten "Feinsinnigkeits-Rhythmus", der den Geschmacks- und Schönheitssinn beeinflusse, wollte Teltscher entdeckt haben .

Ende der siebziger Jahre wieder ausgegraben

Im Zuge der Esoterik- und Alternativmedizinbewegung wurden die längst in Vergessenheit geratenen Texte von Fließ und Swoboda Ende der 1970er Jahre ausgegraben und zur heutigen Biorhythmenlehre neu aufbereitet .

Die Vorstellung eines K-(Körper)-Rhythmus mit 23-tägiger Periode, der Energie, Angriffslust, Ausdauer und Widerstandskraft beeinflusse, eines S-(Seelen)-Rhythmus mit 28-tägiger Periode, der Gefühl, Stimmung, Intuition, schöpferische Fähigkeiten beeinflusse, sowie eines G-(Geistes-)Rhythmus mit 33-tägiger Periode, der Reaktionsschnelligkeit, Konzentrationsfähigkeit, Kombinationsgabe beeinflusse, ist heute hochpopulär.

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