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Reflexzonentherapie:Ein ganzer Körper auf der Fußsohle

Das Gleiche gilt für die sogenannte "Ohrreflexzonentherapie", derzufolge sämtliche Körperteile und Organe reflektorisch in der Ohrmuschel repräsentiert sein sollen und den Reflexzonen-Therapeuten zufolge somit durch Manipulation des Ohres erreicht werden können.

An der oberen Außenkante des Ohres lägen demnach die Reflexpunkte für Geschlechtsorgane, Nieren und Harnwege, an der unteren jene für den Kopfbereich; die Punkte für Magen, Leber, Zwerchfell, Herz und Lunge seien entlang des Ohransatzes zu finden, die der Wirbelsäule genau in der Mitte des Ohres.

Besonders wichtig sei der sogenannte "Notfall-" oder "Schockpunkt" an den Ohrläppchen: Über gezielten Druck dieses Punktes, der reflektorisch mit dem Gehirn verbunden sei, könnten selbst Ohnmächtige wieder ins Bewusstsein zurückgeholt werden, heißt es.

Interessant ist auch die Behauptung, durch Ohrreflexzonentherapie bei einer schwangeren Frau könne therapeutisch Einfluss auf den Fötus genommen werden, dessen Wirbelsäule reflektorisch mit der Ohraußenkante seiner Mutter verbunden sei. Selbstredend gibt es für das Ohr - desgleichen für Hand, Kopf, Bauch oder Genital - die unterschiedlichsten Reflexzonenzuordnungen.

Über einen möglichen unspezifischen Entspannungseffekt hinaus hat Reflexzonentherapie - an welchem Körperteil auch immer - ebensowenig eine Wirkung wie all die Hilfsmittel, die zur Stimulation angeblicher Reflexpunkte auf dem Markt sind, zum Beispiel Massagestäbe, Qi-Gong-Kugeln, Fußroller, Schuhe mit extra Noppeneinlagen.

Da zwei unwirksame Methoden zusammen auch nicht wirksamer werden, kann man sich auch das Einreiben nicht existenter "Reflexzonen" mit therapeutisch unwirksamen Aromaölen oder Edelsteintinkturen sparen. Das Gleiche gilt für das Bestrahlen mit Farblicht.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.

© sueddeutsche.de/mcs
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