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200 Jahre Fahrrad:Das klügste Fortbewegungsmittel der Menschheit

Laufrad

Für Zeitgenossen muss die Erfindung von Karl Freiherr von Drais ein seltsamer Anblick gewesen sein - dem Laufrad fehlten noch die Pedale, Drais stieß sich mit den Füßen ab.

(Foto: SZ Photo)

Vor 200 Jahren baute Karl Freiherr von Drais das erste Fahrrad - eine Erfindung mit weitreichenden Folgen. Ein Loblied auf das schlaueste Verkehrsmittel.

Wer mit dem Rad durch verstopfte Städte pendelt, wird sehr wahrscheinlich andere Verkehrsteilnehmer anschreien. Etwa, wenn ein Autofahrer beim Rechtsabbiegen den Radler übersieht und fast ins Jenseits befördert; oder wenn ein Autofahrer den Radler so knapp passiert, dass zwischen Außenspiegel und Außenhaut kaum ein menschliches Haar passt. Solche Nahtoderfahrungen lassen Radler schäumen. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben, der ein starkes "Wir-gegen-sie-Gefühl" weckt: Radfahrer gegen Autofahrer - sie scheinen natürliche Feinde zu sein. Doch eigentlich gehören sie zusammen, sie sind Familie: Ohne die Entwicklung des Fahrrads wäre das Automobil kaum denkbar gewesen. Der amerikanische Verkehrsforscher James Flink hat es so formuliert: "Keine vorherige technische Innovation - nicht einmal der Verbrennungsmotor - war für die Entwicklung des Automobils so wichtig wie das Fahrrad."

Die Erfindung des Fahrrads verhalf Techniken wie dem Kugellager, dem Speichenrad oder dem Luftreifen zum Durchbruch. Das Fahrrad beförderte die Notwendigkeit, Leichtbau-Materialien zu entwickeln. Der kommerzielle Durchbruch des Rads trieb die Entwicklung standardisierter Massenfertigungsverfahren voran und schuf wesentliche Teile der industriellen Basis, aus der später die Autobranche entstand. Selbst der Straßenbau wurde einst von Radfahrern vorangetrieben - lange bevor es Autos gab, die diesen Raum für sich reklamieren konnten.

"Erst das Fahrrad, dann das Auto", sagt auch Thomas Kosche vom Technoseum in Mannheim. Der Sammlungsleiter des Hauses hat die Ausstellung "2 Räder - 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrades" kuratiert, die seit Freitag, 11. November, geöffnet hat. Und auch Kosche versteht diese Aussage in dem Sinne, dass wesentliche technische Komponenten des Autos zunächst für das Fahrrad entwickelt wurden. Wie nahe sich die beiden Verkehrsmittel einst standen, verdeutlicht eine Ausgabe von "Meyers Konversations-Lexikon" aus dem Jahr 1894: Gottlieb Daimlers Motorvierrad, eines der ersten Autos der Welt, wird darin ganz selbstverständlich unter dem Stichwort "Fahrrad" präsentiert. Ohne Fahrrad kein Auto.

Fahrradfahren

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Zu Beginn dieser so konfliktreichen Verkehrsgeschichte rumpelte Karl Freiherr von Drais auf einer klobigen Laufmaschine von Mannheim aus auf der gepflasterten Chaussee in Richtung Schwetzingen; damals die beste Straße weit und breit. An jenem 12. Juni 1817 bot der Freiherr seinen Zeitgenossen einen wohl bizarren Anblick: Ein Mann auf einer hölzernen Konstruktion, deren zwei Räder hintereinander angeordnet waren, mit seinen Füßen stieß sich der Freiherr im Rhythmus vom Boden der Chaussee ab - wie seltsam! Aus heutiger Perspektive wecken Gerät und Fahrt des Freiherrn von Drais eher ein mildes Lächeln. War der Mann doch auf einer grobschlächtigen Variante jener Geräte unterwegs, auf denen heute kleine Kinder üben, die Balance zu halten: einem Laufrad. Dabei soll es sich um eine revolutionäre Idee gehandelt haben?

Ein hölzernes Laufrad als Keimzelle all der übermotorisierten Audis, BMWs und anderen Fabrikate ist nur schwer vorstellbar und vielleicht einer der Gründe, weshalb Freiherr von Drais als Erfinder geringere Lorbeeren erhalten hat als etwa Carl Benz oder Gottlieb Daimler. Ein anderer Grund könnte darin liegen, dass das Fahrrad als Idee so offensichtlich und bar jeden Geheimnisses erscheint, dass dessen Erfindung kaum wie eine große intellektuelle Leistung erscheint. Es löst eher Verwundern aus, dass dieses Gerät erst so spät in der Geschichte erfunden wurde.

Wie unfair! Allein der Gedanke, zwei Räder hintereinander statt nebeneinander anzuordnen, stellte eine kleine Revolution dar: Bei Drais' Zeitgenossen weckte dies Unverständnis und Furcht. Der Begriff "Balancierangst" tauchte damals auf. Wie sollte so eine Maschine fahren, ohne umzufallen? In der Natur existiert für dieses Prinzip kein Vorbild, der Erfinder ließ sich, wie er einmal schrieb, von Schlittschuhläufern inspirieren, die trotz dünner Kufen nicht umkippen. Und Drais erkannte ein wesentliches Element: Eines der beiden Räder muss frei lenkbar sein. Ansonsten verhält sich so ein Zweirad, als sei es in Straßenbahnschienen verkeilt - es stürzt zur Seite.