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Naturkunde:Wer forschen will, bekommt selten ein Visum

Auch Friedemann Schrenk, der häufig in Afrika forscht und in Malawi ein naturkundliches Museum mitinitiiert hat, fordert eine viel stärkere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. "Gerade junge und gebildete Menschen in vielen afrikanischen Ländern entdecken ihre Geschichte und die Bedeutung wichtiger Funde für die Identität eines Landes", sagt der Frankfurter Paläoanthropologe. "Das erhöht den Druck auf die Regierenden, es ist die zunehmende Demokratisierung kulturellen und natürlichen Erbes, die diese Diskussionen antreibt."

Schrenk geht das bisher Erreichte nicht weit genug. In einem Artikel in der FAZ forderte er jüngst, man müsse endlich miteinander über die Objekte verhandeln, es gehe schließlich um Afrikas Erbe. Eine weitere große Forderung ist Zugänglichkeit. "Mit dem Pass eines afrikanischen Staates hat man keine Chance auf ein Visum, um europäische Museen zu besuchen: Eine bittere Erkenntnis für Menschen, die an ihrem Erbe teilhaben wollen, aber behandelt werden wie lästige Bittsteller", sagt Schrenk. "Kolonialismus zeigt sich heute an den Grenzen: Wer hat die Freiheit zu reisen, und wer nicht?", sagt auch Rassool. Er erzählt, wie mühsam und oft auch teuer es selbst für ihn sei, ein Visum für eine Konferenz zu erhalten. Erst kürzlich habe er daher die Teilnahme an einer Konferenz absagen müssen. Die Diskussion berühre eben auch die aktuellen politischen Fragen der europäischen Abschottung.

Naturkundemuseum Berlin

Der Giraffatitan (Mitte) im Naturkundemuseum Berlin ist das weltweit größte montierte Saurierskelett.

(Foto: Regina Schmeken)

Es gibt jedoch erste Fortschritte. Immer häufiger verbringen afrikanische Wissenschaftler zur Aus- und Weiterbildung Zeit an deutschen Instituten oder arbeiten an Ausstellungen mit, die dann international gezeigt werden. Mittelfristiges Ziel ist es, Museen in Afrika dafür bereit zu machen, auch wertvolle Objekte professionell zu lagern und Kapazitäten für die internationale Forschergemeinde bereitzustellen. Es gibt etwa im äthiopischen Addis Abeba Einrichtungen auf internationalem Niveau. Dort werden mittlerweile Lucy und weitere wichtige Hominiden-Funde unter optimalen Bedingungen aufbewahrt. Forscher aus aller Welt pilgern ganz selbstverständlich nach Äthiopien, um die Geschichte der Menschheit zu erforschen. So plädieren Anthropologen dafür, Objekte dann zurückzugeben, wenn die Voraussetzungen wie in Addis Abeba da seien. Manche Wissenschaftler bezweifeln jedoch, dass sich dieses Niveau bald erreichen lässt.

Das Thema Rückgabe ist sensibel und komplex. Doch es gibt auch kreative Vorschläge. So könnte man die Eigentumsrechte an wichtigen Objekten aus der Kolonialzeit zurückgeben und die Exponate gleichzeitig über Verträge dauerhaft zurückleihen. Die Leihgebühr könnte in den Herkunftsländern Museen sowie dem Aufbau von Infrastruktur und Expertise zugute kommen. Für Stücke wie den Giraffatitan wäre das eine Möglichkeit, auch für kulturelle Güter wie die Elgin Marbles von der Akropolis am British Museum in London wird das diskutiert. Aus Sicht der betroffenen Museen wäre das eine Möglichkeit, wichtige Exponate zu halten.

Doch es geht nicht nur um Einzelfälle, sondern generell um das Erscheinungsbild der großen Museen in London, New York, Paris oder Berlin. Schließlich meinen viele Wissenschaftshistoriker, dass die heutigen Naturkundemuseen ohne die Kolonialzeit gar nicht denkbar wären - ein Zusammenhang, der für den Besucher selten bis nie deutlich wird. Zum Teil beginnen die Museen jedoch von sich aus, die düstere Geschichte ihrer Exponate aufzuarbeiten.

Für das jüngst erschienene Buch "Dinosaurierfragmente" haben Holger Stoecker von der Humboldt-Universität Berlin und Ina Heumann vom Museum für Naturkunde jahrelang die Geschichte der Tendaguru-Expedition und die Herkunft der Objekte untersucht. So rekonstruierten die Forscher etwa, dass die Aneignung der Fossilien auf einem Verwaltungsbetrug beruhte und Tansania bis heute in keiner Form irgendeine Gegenleistung erhalten habe.

Sie belegten auch, dass der Anteil der Einheimischen bei der Entdeckung ignoriert wurde. So wird in den Dokumenten der Expedition ein Dino als "Nyororosaurus" bezeichnet, nach Seliman Nyororo, der 1909 die Ausgrabung leitete. Offiziell heißt das Exemplar aber Dicraeosaurus sattleri nach einem deutschen Bergbauingenieur. "Damit reiht sich die Tendaguru-Expedition in eine endlose Reihe von kolonialen Entdeckungsgeschichten ein, in denen der - oftmals entscheidende - Anteil von Indigenen bewusst unsichtbar gemacht wurde", sagt Stoecker.

Noch ist nicht abzuschätzen, wie sich Fälle wie jener der Berliner Tendaguru-Dinosaurier entwickeln werden, und ob die einst beraubten Staaten in Afrika mit den Lösungen zufrieden sein werden. Aber vielleicht wird das Berliner Museum irgendwann zumindest einige Originalknochen aus seinem Keller räumen und an Afrika zurückgeben müssen.

© SZ vom 19.06.2019
Prehistoric hunters surrounding a wooly mammoth / Illustr.

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